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Organspende-Abstimmung: Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Morgen entscheidet der Bundestag, wie es mit der Organspende weitergeht. Eine wegweisende Entscheidung, findet Thomas Winkel. Er glaubt, dass sich dadurch sogar der Prozess des Sterbens verändern kann.

Von Thomas Winkel |  Bonn - 15.01.2020

Spenden für einen guten Zweck sind eine prima Sache, auch Organspenden – wenn sich jemand freiwillig dafür entscheidet. So ist es in Deutschland bisher geregelt. Gesundheitsminister Jens Spahn will das ändern. An diesem Donnerstag steht im Bundestag eine wegweisende Abstimmung an. Nach Spahns Entwurf gilt jeder als denkbarer Organspender – außer er hat ausdrücklich widersprochen. Wenn nicht, sollen Staat und Transplantationsärzte automatisch auf Herz und Nieren eines hirntoten Menschen zugreifen können. Das wäre fatal.

Für jeden Handgriff, jede Spritze benötigt ein Arzt derzeit die Zustimmung des Patienten. Das ist im Medizinrecht geregelt und entspricht dem Bild einer selbstbestimmten Person. Ausgerechnet in dem sensiblen Bereich von Leben und Tod soll das anders sein? Ausgerechnet hier will der Minister Schweigen als Zustimmung deuten? Absurd.

Ja, knapp 10.000 Menschen in Deutschland warten dringend auf ein Organ, sie leiden, sterben. Nach den neuen Zahlen vom Wochenbeginn hinkt die Bereitschaft, sich nach dem Tod Organe entnehmen zu lassen, dem Bedarf weiterhin hinterher – womöglich auch eine Folge des früheren Transplantationsskandals mit seinen manipulierten Wartelisten.

Das Rennen im Bundestag scheint noch offen. Anhänger von Spahns Widerspruchsregelung und einer Entscheidungslösung sind halbwegs gleichauf. Nach diesem fraktionsübergreifenden Entwurf soll die Organspende weiterhin an eine freiwillige und bewusste Entscheidung geknüpft sein. Damit sich aber jeder mit dem Thema befasst, könnten die Bürger regelmäßig nach ihrer Bereitschaft gefragt werden, etwa bei der Verlängerung ihrer Ausweise. Das ist angemessen und garantiert zugleich, dass der Schritt am Lebensende freiwillig bleibt.

Denn er hat – das muss jedem klar sein – große Folgen, bereits vor dem Tod. Schon 2019 stellte eine Reform die Blickrichtung um: Nicht mehr der todkranke Patient steht im Zentrum, sondern die beste Behandlung seiner (Spender-) Organe. Möglicherweise verlängert und verändert sich dadurch der Prozess des Sterbens. Das kann jemand nur aus freiem Herzen in Kauf nehmen und keinesfalls, weil er versäumt hat zu widersprechen. Darauf aber scheinen Spahn und Co mit ihrem Vorstoß zu spekulieren. Auch wenn mehr Organspenden wünschenswert sind – der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Von Thomas Winkel

Der Autor

Thomas Winkel ist Chef vom Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn.

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