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Studie der CVJM-Hochschule in Kassel

Warum sich Singles als Christen zweiter Klasse fühlen

Das Verhältnis zwischen Singles und den Kirchen ist nicht einfach. Laut einer neuen Studie engagieren sich Alleinstehende gern in ihren Gemeinden, fühlen sich aber als Ehrenamtler mit hohem Zeitpotential ausgenutzt. Sie sind gläubig, leben aber konträr zum Familienideal. Und auch die kirchliche Sexualmoral birgt Konflikte.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 14.02.2020

In Sachen Singles müssten sich die christlichen Kirchen eigentlich auskennen. Jesus Christus war selbst partnerlos. Und zumindest unter den Katholiken leben auch heute die allermeisten Führungspersonen, Priester und Ordensleute, sozusagen von Berufs wegen ohne Partner. Umso überraschender ist es, dass es für die immer größer werdende gesellschaftliche Gruppe der Singles bisher kaum eigene seelsorgliche Angebote gibt. Dabei wäre die Nachfrage durchaus da, wie eine groß angelegte Studie jetzt zeigt.

Daten exklusiv ausgewertet

Im Fokus der Befragung, deren Ergebnisse offiziell erst Ende Februar vorgestellt werden, stehen hochreligiöse evangelische Singles – über 3.000 von ihnen haben Forscher der privaten CVJM-Hochschule in Kassel für das Projekt befragt. Für katholisch.de haben sie zusätzlich exklusiv auch die Daten von rund 200 katholischen Singles ausgewertet, in deren Leben der Glaube ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Die Ergebnisse ähneln sich: Beide Gruppen fühlen sich von ihrer Kirche vernachlässigt, wie Studienleiter Tobias Künkler berichtet.

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Singles – eine übersehene Gruppe (Archivvideo des Wort zum Sonntag)

Demnach ist das Verhältnis vieler gläubiger christlicher Singles zur Kirche ambivalent. Die meisten von ihnen beten zwar einmal oder mehrmals am Tag (79,6 Prozent der Protestanten und 70,7 Prozent der Katholiken), mehr als die Hälfte geht mindestens einmal in der Woche in einen Gottesdienst (56,3 Prozent der Protestanten und 57,9 Prozent der Katholiken) und die Mehrheit fühlt sich in ihren jeweiligen Gemeinden auch grundsätzlich wohl. Gleichzeitig sehen aber auch über die Hälfte der Katholiken und 40 Prozent der Protestanten ihre speziellen Bedürfnisse als Singles in der Gemeinde nicht ausreichend wahrgenommen. Während sich viele von ihnen eine spezielle Seelsorge wünschen, gibt es diese in der tatsächlichen pfarrlichen Realität kaum. Konkret gaben 81,2 Prozent der evangelischen und über 86 Prozent der katholischen Singles an, dass es in ihrer Kirche oder Gemeinde kaum oder keine speziellen Angebote für Singles gibt.

Diesem mangelnden seelsorglichen Angebot steht ein großes Interesse der Gemeinden an einem ehrenamtlichen Engagement der Singles gegenüber. Nicht wenige fühlen sich ausgenutzt, wie Forscher Künkler von Teilnehmern der Studie erfahren hat: "Es gibt in den Pfarreien das Klischee, dass Singles besonders viel Zeit haben – und daher sind es besonders häufig sie, die gefragt werden, ob sie beim Gemeindefest oder der Firmvorbereitung nicht helfen können". Auf eine solche ‚Verzweckung‘ reagierten "verständlicherweise viele Singles doch recht allergisch".

Über die Hälfte hatte noch nie Sex

Zu dem nicht ganz einfachen Verhältnis zwischen Singles und Kirche tragen auch einige kirchliche Moralvorstellungen bei, denen die Alleinlebenden trotz ihrer Frömmigkeit nicht genügen können. So ist das Zusammenleben in einer Familie eines der höchsten christlichen Ideale. "Gemessen daran fühlen sich viele Singles dann als defizitär oder als Christen zweiter Klasse", berichtet Künkler. Rund ein Drittel der Befragten seiner Studie gab an, dass es in ihrer Kirche oder Gemeinde nicht als normal angesehen werde, alleine zu leben.

Weiteres Konfliktpotential birgt die kirchliche Sexualmoral. Auch hier weichen Singles von der Norm ab. Gelebte Sexualität ist laut katholischer Morallehre nur innerhalb der Ehe möglich und zu einem großen Teil darauf ausgelegt, ein Kind zeugen zu wollen. "Aber Singles haben natürlich auch eine Sexualität und sexuelle Bedürfnisse. Die Frage, wie sie damit angemessen und legitim umgehen können, wird in der Kirche überhaupt nicht thematisiert", erklärt Forscher Künkler.

In der Studie der CVJM-Hochschule gab sowohl unter katholischen als auch unter evangelischen Singles rund die Hälfte an, mit der Qualität ihres Sexuallebens eher nicht oder gar nicht zufrieden zu sein. 51,5 Prozent der evangelischen und 37,4 Prozent der katholischen befragten Singles hatten laut Studie noch nie Geschlechtsverkehr. Das passt zu den Antworten zu einer anderen Frage: Rund 60 Prozent der Protestanten und 40 Prozent der Katholiken finden "eher" oder "voll und ganz", dass man mit dem Geschlechtsverkehr bis zur Ehe warten sollte. Über 40 Prozent der Befragten beider Konfessionen suchen ihren Partner oder ihre Partnerin zudem unter Mitchristen und haben den Eindruck, dass die Auswahl dort zu gering ist. Weitere 17 Prozent bringen bei der Frage, warum sie bisher keinen Partner haben, sogar Gott ins Spiel: Sie sind davon überzeugt, dass Gott ihnen keinen Partner oder keine Partnerin schickt.

Mutter oder merkwürdige Jungesellin?

Dass sich Singles in der Kirche wegen eines gefühlten Abweichens von der Norm oft nicht gewertschätzt fühlen, wurde in der Vergangenheit auch durch manches unglückliches Statement von offizieller Seite befeuert. Im Vorwort ihrer Studie zitieren Tobias Künkler und seine Kollegen den verstorbenen Kölner Kardinal Joachim Meisner. Der hatte einmal gesagt, nicht der Single, sondern Vater oder Mutter seien das Abbild des trinitarischen Gottes: "Der Mensch hat nur die Möglichkeit, Vater zu werden oder ein komischer Junggeselle zu bleiben beziehungsweise Mutter zu werden oder eine merkwürdige Junggesellin zu bleiben", so zitieren die Forscher Meisner. Und solche pointierten Aussagen gebe es ebenso von anderen Kirchenvertretern, auch auf evangelischer Seite, weiß Künkler. "Sie lassen vollkommen außer Acht, dass viele Singles unfreiwillig in ihrer Situation sind und eigentlich gern einen Partner und eine Familie hätten".

Es gibt in den Pfarreien das Klischee, dass Singles besonders viel Zeit haben – und daher sind es besonders häufig sie, die gefragt werden, ob sie beim Gemeindefest oder der Firmvorbereitung nicht helfen können.

Zitat: Tobias Künkler, Studienleiter

Dabei sehen sich Singles aufgrund ihrer Lebensweise mit Fragestellungen konfrontiert, die eigentlich nach einer spezifischen Seelsorge rufen. Dabei geht es um Alltägliches, aber auch um existentielle Fragen: Mit wem feiere ich Weihnachten, mit wem fahre ich in den Urlaub, wer kauft ein, wenn ich krank bin? Wie gehe ich damit um, auch ohne Partner einen Kinderwunsch zu haben? Wie sieht mein Leben im Alter aus?

Dass es darauf bisher kaum Antworten gibt, dafür sind nicht allein die Gemeinden verantwortlich. Wer nach Angeboten auf Ebene der evangelischen Landeskirchen oder katholischer Bistümer sucht, wird nur selten fündig. Zwar beschäftigt das Erzbistum Köln eine eigene Singlereferentin; und von evangelischer Seite hat es im vergangenen Jahr auch einige Tagungen und Kongresse zu dem Thema gegeben — das ist nach Ansicht von Tobias Künkler aber nur ein Anfang: "Viele Singles wünschten sich noch viel mehr Angebote wie eigene Gottesdienste, spirituelle Wochenenden oder Segnungen". Auch eine eigene Fürbitte für Singles wäre eine Idee.

Wie die Kirche zum Trendsetter werden kann

Aus Sicht des Forschers bietet der Umgang mit Singles gerade für die katholische Kirche eine große Chance, die sie bisher noch viel zu wenig nutzt. Nicht wenige hochreligiöse Singles wünschten sich trotz ihrer Partnerlosigkeit eine verbindliche Lebensform, in der sie für andere Verantwortung übernehmen. Und da könnte die katholische Kirche zum Trendsetter werden, glaubt Künkler: "Mit der monastischen Lebensform hat sie schon einmal etwas vollkommen Neues geschaffen – vielleicht könnte ihr das jetzt wieder gelingen." Würde die Kirche eine neue Lebensform für fromme Singles entwickeln, etwa Häuser, in denen sie zusammenleben und gemeinsam ihren Glauben praktizieren könnten, hätte dieses Modell große Aussicht auf Erfolg – da ist sich der Forscher sicher.  

Von Gabriele Höfling

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