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"Querida Amazonia" ist das Ende eines klerikalen Monopols

"Querida Amazonia", das nachsynodale Schreiben des Papstes, wurde nach dem Erscheinen viel kritisiert. Doch Michael Böhnke hat in dem Text eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Franziskus beendet darin ein klerikales Monopol.

Von Michael Böhnke |  Bonn - 21.02.2020

Haben wir bei aller Empörung schon wahrgenommen, was Franziskus in seinem Schreiben an das geliebte Amazonien verfügt hat? Er hat in einer Fussnote (Nr. 136) auf canon 517 § 2 CIC 1983 Bezug genommen: In diesem Zusammenhang hat er von Laien als Gemeindeleitern gesprochen und zudem daran erinnert, dass die Gemeindeleiter*innen auf Dauer eingesetzt, öffentlich anerkannt und mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet werden müssen. "Eine Kirche mit amazonischen Gesichtszügen erfordert die stabile Präsenz reifer und mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter verantwortlicher Laien" (Nr. 94), und: "In einer synodalen Kirche sollten die Frauen, die in der Tat eine zentrale Rolle in den Amazonasgemeinden spielen, Zugang zu Aufgaben und auch kirchlichen Diensten haben, die nicht die heiligen Weihen erfordern und es ihnen ermöglichen, ihren eigenen Platz besser zum Ausdruck zu bringen. Es sei daran erinnert, dass ein solcher Dienst Dauerhaftigkeit, öffentliche Anerkennung und eine Beauftragung durch den Bischof voraussetzt. Das bedeutet auch, dass Frauen einen echten und effektiven Einfluss in der Organisation, bei den wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinschaften (es müsste Gemeinden heißen, [vgl. den italienischen und englischen Text, wobei letztgenannter den Begriff Gemeindedirektorin nahelegt]; M.B.) haben, ohne dabei jedoch ihren eigenen weiblichen Stil aufzugeben." (Nr. 103)

Bei all dem Ärgerlichen, das in dem Text über Frauen gesagt wird und das ich nicht gutheißen kann, an diesen beiden Stellen ist von Laien als Trägern von Vollmachten die Rede, von Gemeindeleitung durch Laien, von c. 517 § 2 als einer 'Lösung' auf Dauer und von einer synodalen Kirche mit amazonischen Gesichtszügen. Es ist davon die Rede, dass in Amazonien Laien kirchliche Ämter innehaben und sie mit Vollmachten ausgestattet synodal über den Weg der Kirche effektiv mitentscheiden (!) können. Das ist vielleicht keine Sensation, oder doch?

Papst Franziskus hat sich für die Abschaffung des "Soli" entschieden. Er hat im Gegensatz zur wenig stimmigen Norm von c. 274  § 1 CIC, der zufolge allein Kleriker (Soli clerici) Ämter erhalten können, zu deren Ausübung Weihegewalt oder kirchliche Leitungsgewalt erforderlich ist, festgelegt, dass Laien Ämter mit Vollmacht zum sakramentalen Handeln und Leitungsgewalt übertragen werden können. Er hat mit anderen Worten ein klerikales Monopol geknackt und sich dabei auf die bereits lang andauernde und auszubauende laikale pastorale Praxis in Südamerika berufen. Franziskus ist sich treu geblieben. Er denkt das Amt vom Volk her.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

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