"Die Dornenkrönung": Im Leiden wird Jesus zum Inbegriff des Menschen
Der Kreuzweg vor dem Hintergrund der Corona-Krise – Station 2

"Die Dornenkrönung": Im Leiden wird Jesus zum Inbegriff des Menschen

Corona als Strafe Gottes? Im Gegenteil: Der mit Dornen gekrönte Gottessohn zeigt uns einen mit-leidenden Gott – einen Gott, der durch sein Leiden und Sterben den Menschen seine unverbrüchliche, niemals endende Treue und Liebe beweist.

Von Ursula Nothelle-Wildfeuer |  Bonn - 05.04.2020

In früheren Jahrhunderten haben Christen einen etwas anderen Kreuzweg gebetet: Sieben Stationen gab es, und bei der zweiten Station ging es um die Dornenkrone. Unser Kreuzweg heute kennt sie nicht mehr. Wohl aber die Evangelien – außer Lukas – und fast alle Darstellungen der Kreuzigungsszene.

"Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie stellen sich vor ihn hin und sagten: Heil dir, König der Juden!" (Joh 19,2). Genau. Erst dadurch wird der Kranz zur Krone – zu einem der Insignien, der Zeichen des verspotteten und verhöhnten Königs der Juden. Der Kontext macht den Kranz zur Krone.

Die Krone, der Kuss, das Händewaschen: eine ganze Reihe von Begriffen wird bei der Passion Jesu in ihr Gegenteil verkehrt: Mit einem Kuss verrät Judas Ischariot seinen Herrn an die Soldaten und Gerichtsdiener der Hohenpriester und der Pharisäer – ein Zeichen der Freundschaft und der Zuneigung wird zum Zeichen für Verrat und läutet den Weg zum Tod ein. Petrus, der, als alle anderen Jünger bereits geflohen sind, noch in der Nähe Jesu bleibt – eigentlich ein Zeichen der Verbundenheit – verleugnet ihn: Nein, diesen Menschen kenne ich nicht. Pilatus wäscht sich seine Hände und erklärt vor dem Volk seine Unschuld am Tod dieses Menschen – ein symbolischer Akt, der für Reinheit und im übertragenen Sinn für Wahrheit steht, wird in sein Gegenteil verkehrt, denn er ist es, der das Urteil über Jesus fällt und damit einen Unschuldigen dem grausamen Kreuzestod ausliefert. Und schließlich: eine Krone als Zeichen für Würde und Macht wird, geflochten aus Dornen, zum Signum für Erniedrigung, Verachtung und Entwürdigung, Spott, Hohn, Folter und Tortur, wird zum Vorgriff auf das, was das Kreuz als Skandal, als Demütigung, als grausame Hinrichtungsart bedeutet.

Der Sohn Gottes stirbt nicht als Held

Im Johannesevangelium heißt es in der Verurteilungsszene weiter: "Jesus kam heraus, er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, da ist der Mensch" (Joh 19,5). "Ecce homo". Nicht als König, als Machthaber, nicht als Herrscher mit politischer Gewalt ausgestattet, sondern als das völlige Gegenteil, als würdeloser, entrechteter, völlig verlassener Mensch steht Jesus da. Mit der Dornenkrone und dem Purpurmantel, im Leiden und später vollends im Elend des Sterbens am Kreuz ist er zum Inbegriff des Menschen schlechthin geworden, er, von dem die Christen zugleich glauben, dass er der Sohn Gottes ist. Eigentlich eine Ungeheuerlichkeit! Der Sohn Gottes, ja Gott selbst, der sich vollends unterscheidet von dem "unbewegten Beweger", wie ihn die Philosophie des Theismus gedacht hat, ein Gott, der nicht als Held stirbt, nicht würdevoll und stoisch, selbstbewusst aus der Welt scheidet, sondern ein Gott, der schon mit der Dornenkrone als Karikatur eines Königs Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Elend und Trostlosigkeit selber durchlebt.

Der mit Dornen gekrönte Gottessohn, der in allem, was er ist und tut, ganz auf seinen Vater verweist, zeigt uns auch nicht einen Gott, der auf böses und falsches Denken und Tun der Menschen reagiert mit Sühneforderung, Strafe und Rache, sondern einen Gott, der durch den Tod seines Sohnes genau eine solche menschlich erdachte Ordnung durchbricht, der durch sein Leiden und Sterben den Menschen seine unverbrüchliche und niemals endende Treue und Liebe beweist. Ist es dann aus der Perspektive des Ecce homo nicht eine Ungeheuerlichkeit, wenn einige heute ernsthaft darüber nachdenken, dass Corona eine Strafe Gottes in unserer Zeit sei, sein pädagogisches Bemühen, die Menschen doch noch zu einem Wohlverhalten zu bringen? Ecce homo – seht da der Mensch, der bei den nahezu unzähligen elendig Sterbenden in Bergamo ist, der in den Alten- und Pflegeheimen ist, in denen sich das Virus so schnell ausbreitet, der bei den Ärzten und Pflegekräften ist, die sich unter teilweise fürchterlichen Bedingungen rund um die Uhr für die Erkrankten einsetzen und die Entscheidungen fällen müssen, die sie überhaupt nicht fällen wollen und können, der aber auch bei denen ist, denen aufgrund der staatlich verfügten Maßnahmen die existentielle Grundlage wegbricht oder das Dach auf den Kopf fällt, der aber auch bei den Flüchtlingen ist, die unter unsäglichen Bedingungen in den Lagern an den Grenzen der Türkei, Griechenlands und Syriens leben müssen. Mit dem Ecce homo verstehen wir die Corona-Pandemie nicht, aber wissen einen mit-leidenden Gott an unserer Seite und besonders an der Seite all derer, die diesem Leid heute ausgesetzt sind.

Von Ursula Nothelle-Wildfeuer

Die Autorin

Ursula Nothelle-Wildfeuer ist Professorin für Praktische Theologie mit dem Arbeitsbereich Christliche Gesellschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Projekt "Denkbares"

Bis Karfreitag schreiben sieben Autoren auf katholisch.de jeweils einen Text über eine Station des Kreuzwegs - betrachtet vor dem Hintergrund der Corona-Krise. Dieser Kreuzweg orientiert sich an der Tradition des Leidenswegs Jesu mit sieben Stationen. Die Idee ist im Rahmen des kulturellen Diakonieprojekts "Denkbares. Begegnungen mit Menschen und Büchern" des Bistums Limburg und des Lehrstuhls Philosophie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt entstanden. In dieser Gesprächsreihe diskutieren Autoren aus Philosophie, Theologie und Literatur miteinander.