"Die Verurteilung": Für eine Politik der Wahrheit
Der Kreuzweg vor dem Hintergrund der Corona-Krise – Station 3

"Die Verurteilung": Für eine Politik der Wahrheit

Beim Prozess gegen Jesus stellt Pilatus die Geltung der Wahrheit infrage. In der Corona-Krise zeigt sich: Auch heute gibt es Politiker, die sich nicht um die Wahrheit scheren. Dabei sollte eine menschliche Politik in ihrem Horizont handeln.

Von Holger Zaborowski |  Bonn - 06.04.2020

Kaum einen Menschen lassen die Erzählungen von der Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus in den vier Evangelien unberührt. Jesus wird unschuldig zum Tode verurteilt. Für manche, die in diesen Tagen mit dem Coronavirus infiziert sind, mag es so wirken, als verdanken sie ihre Krankheit einem ähnlichen Urteil, als sei sie eine unfassbare Strafe, die nicht durch einen Menschen, sondern durch den blinden Zufall oder böses Geschick ausgesprochen wurde. Für nicht wenige Menschen ist dies auch ein Todesurteil. Doch lässt sich noch ein anderer Bezug zwischen der Verurteilung Jesu und der gegenwärtigen Krise herstellen.

Pilatus befragt Jesus zunächst, ob er der König der Juden sei. Was er getan habe. Und er fragt, so das Johannes-Evangelium, was Wahrheit sei. Denn Jesus hatte bekannt: "Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme" (Joh 18,37). Der römische Statthalter findet jedoch trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieses königlichen Anspruchs keine Schuld an Jesus. Daher möchte er ihn zum Paschafest freilassen. Die Menge möchte von diesem Angebot jedoch nichts wissen. Sie fordert die Freilassung des Barabbas, eines Räubers. Sie will Jesus am Kreuz sehen. Pontius Pilatus beugt sich dem Willen der Menge. Von seiner eigenen Unschuld ist er genauso überzeugt wie von der Unschuld Jesu. Demonstrativ wäscht er seine Hände. Nicht er ist für seinen Tod verantwortlich. Er hat sich nur der Mehrheit gefügt.

In der Ära des Post-Faktischen herrscht Schein statt Sein

Viel spricht dafür, dass Pilatus mit der Frage "Was ist Wahrheit?" nicht nur den Anspruch Jesu in Frage gestellt hat, er lege für die Wahrheit Zeugnis ab. Darüber hinaus hat er wohl die Geltung von Wahrheit überhaupt hinterfragt – und das gegenüber Jesus, der sich selbst als "den Weg, die Wahrheit und das Leben" bezeichnet hat (vgl. Joh 14,6). Was soll das schon sein – Wahrheit? Ein großes Wort, gewiß, aber ohne wirkliche Bedeutung für jemanden, der opportunistisch nach dem Prinzip des größten eigenen Vorteils handelt. Geht es, so mag der Politiker Pilatus gedacht haben, letztlich nicht um Macht, Einfluss und Erfolg? Darum, die Ordnung aufrecht zu halten und Unruhe zu vermeiden? Autorität und nicht die Wahrheit, so viele Jahrhunderte später der Philosoph Thomas Hobbes, schaffe das Recht. Noch einige Jahrhunderte später sind wir in der Ära des Post-Faktischen oder – Englisch formuliert – in der Zeit "post-truth", also nach der Wahrheit, angekommen. Heute herrscht – und man muss leider sagen: wieder einmal – oft anderes als Wahrheit im politischen Bereich: Schein statt Sein, bloße Meinung statt begründetem Wissen, öffentliche Anerkennung statt Ehrlichkeit, Wille zur Macht statt Bemühung um das Gemeinwohl.

Auch heute gibt es daher Politiker, die sich nicht um die Wahrheit scheren oder sie so verdrehen, dass es ihnen und ihrem Klientel größtmöglichen Nutzen bringt. Muss man Namen nennen? Es gibt solche Politiker in vielerlei Façon – in China, in Ungarn, in den USA, in Brasilien und in vielen anderen Ländern. Muss man darauf verweisen, wie hoch heute in der Coronakrise die Zahl der Opfer ist, die darauf zurückgehen, dass Politiker sich weniger um Wahrheit als um Wahlen und weniger um Fakten als um die eigene Macht oder die Herrschaft ihrer Partei kümmern?

Steht aber nicht auch heute jeder Politiker im Horizont der Wahrheit – so wie Pontius Pilatus vor Jesus? Ist eine menschliche Politik nicht jene Politik, die die Frage nach der Wahrheit – nicht in einem bloß abstrakten, sondern in einem konkreten, auf den Menschen bezogenen Sinne – ernst nimmt und ihr entsprechend denkt, entscheidet und handelt? Jesus war nicht das erste und ist nicht das letzte Opfer einer falschen zynischen Politik, der die Wahrheit gleichgültig ist, einer Regierung wider die Wahrheit, die viele unschuldige Menschenleben fordert. Und Pontius Pilatus war genauso wenig der erste und der letzte, der durch die Wahrheit, vor der er steht, verurteilt wird. Denn letztlich ist die Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus auch dies: eine Verurteilung des Pontius Pilatus durch den Anspruch Jesu.

Von Holger Zaborowski

Der Autor

Holger Zaborowski ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Zusammen mit Martin W. Ramb ist er Initiator des Projektes "Denkbares. Begegnungen mit Menschen und Büchern".

Projekt "Denkbares"

Bis Karfreitag schreiben sieben Autoren auf katholisch.de jeweils einen Text über eine Station des Kreuzwegs - betrachtet vor dem Hintergrund der Corona-Krise. Dieser Kreuzweg orientiert sich an der Tradition des Leidenswegs Jesu mit sieben Stationen. Die Idee ist im Rahmen des kulturellen Diakonieprojekts "Denkbares. Begegnungen mit Menschen und Büchern" des Bistums Limburg und des Lehrstuhls Philosophie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt entstanden. In dieser Gesprächsreihe diskutieren Autoren aus Philosophie, Theologie und Literatur miteinander.