Gott als Partner unserer intimsten Selbstgespräche
Christoph Kreitmeir über das Sonntagsevangelium

Gott als Partner unserer intimsten Selbstgespräche

Es ist ein ungewohnter Einblick in das Innerste Jesu: sein persönliches Gespräch mit dem Vater. Zu dieser vertrauensvollen Beziehung will Gott jeden einladen – doch Pfarrer Christoph Kreitmeir weiß aus eigener Erfahrung auch um die Schwierigkeiten.

Von Christoph Kreitmeir |  Ingolstadt - 23.05.2020

Impuls von Christoph Kreitmeir

Auch, wenn unsere heutige Zeit alles, und sei es auch noch so trivial, irgendwie ans Licht der Öffentlichkeit zerren möchte, gibt es immer noch eine gewisse Scheu, Liebende, Sterbende oder Betende zu fotografieren. Diese Hemmschwelle möge hoffentlich noch lange vorhanden bleiben …

Eine Liebesbeziehung ist etwas sehr Privates. Ein Dahin- und Hinübergehen im Sterben ist höchst persönlich. Und echtes Beten, das Verbundensein mit Gott, der Anderwelt oder den Verstorbenen gehört zu den intimsten menschlichen Vollzügen auf der Suche nach Halt, Orientierung und Sinn.

Jesus gewährt uns heute in seinem "Abschiedsgebet", das auch das "Hohepriesterliche Gebet" genannt wird, einen kleinen Einblick in seine intime und innige Beziehung zu Gott, seinem Vater. Vorher sprach er immer wieder mit und zu seinen Jünger über Gott und belehrte sie auf vielfältige Weise, wie es sich mit dem Reich Gottes verhält. Jetzt aber spricht er zu Gott.

Und dies erinnert mich an mein Doppelstudium der Sozialarbeit und Theologie vor vielen Jahren, wo mir der ganze Lernstoff nicht selten zu viel und wirklich belastend wurde. Ein erfahrener Priester sagte mir dann zum Trost: "Theologie studiert man nicht nur mit dem Kopf, sondern auch auf den Knien." Ich brauchte länger, bis ich verstand, was er damit meinte: Alles Reden über Gott muss zum Reden mit Gott werden, will es wirklich Frucht bringen.

Diese Wahrheit und Weisheit will von jedem einzelnen von uns entdeckt werden. Dabei tun sich Türen zu inneren verborgenen Schätzen auf, die einem das Leben wirklich vergolden können: "Beten ist das Verweilen bei einem Freund, mit dem ich oft und gern zusammenkomme, einfach um bei ihm zu sein, weil ich weiß, dass er mich liebt." (Teresa von Avila, spanische Mystikerin)

Gebet ist der Bereich, wo wir Menschen zu Gott "DU" sagen können und IHN als "Partner unserer intimsten Selbstgespräche erfahren dürfen". (Viktor Emil Frankl, österreisch-jüdischer Psychiater und Philosoph)
Genauso empfinde ich Jesu Beten, der sich bei seinem Gott-Vater aufgehoben und sich mit ihm eins wusste.

Immer wieder stimmt sich Jesus im Gebet mit Gottes Willen ab, um nicht seinen eigenen zu erfüllen. Immer wieder nordet er sich wie mit einem Kompass beim Sinn- und Zielgeber ein, um im tagtäglichen Strudel die Orientierung nicht zu verlieren. Und immer wieder – sogar in seinen schwersten Stunden – wird Jesus dadurch fähig, seinen Gott-Vater als Helfer, Freund und liebenden Papa/Abba zu erfahren, der ihm große Ruhe, innere Gelassenheit, Durchhaltevermögen und tiefen Frieden schenkt.

Von Christoph Kreitmeir

Evangelium nach Johannes (Joh 17,1-11a)

In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht! Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.

Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war!

Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt. Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.

Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.

Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.

Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir.

Der Autor

Der Priester Christoph Kreitmeir arbeitet in der Klinikseelsorge am Klinikum Ingolstadt und in der Erwachsenbildung.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.