Kardinal Rainer Maria Woelki
"Fakultäten und Institute weitaus mehr als Ausbildungsstandorte"

Diskussion um Priesterausbildung: Woelki über Bedeutung von Theologie

In der Diskussion um eine Neuordnung der Priesterausbildung meldet sich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki zu Wort. Ihm ist vor allem eines wichtig: die Perspektive zu weiten. Denn die theologischen Fakultäten und Institute seien weit mehr als Ausbildungsstandorte.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA) |  Köln - 27.06.2020

Die Deutsche Bischofskonferenz hat mit ihren Vorschlägen zur Neuordnung der Priesterausbildung eine heftige Debatte angestoßen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki als Vorsitzender der Kommission für Wissenschaft und Kultur seine Sicht auf die Bedeutung der Theologie als Wissenschaft an den Universitäten.

Frage: Kardinal Woelki, nach der Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz über Vorschläge für die zukünftige Ausbildung von Theologinnen und Theologen häufen sich kritische Wortmeldungen? Sehen Sie die Planungen ähnlich kritisch?

Kardinal Rainer Maria Woelki: Die Vorschläge der Arbeitsgruppe der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste der Bischofskonferenz sollen ausdrücklich Grundlage für weitere Diskussionen und Überlegungen sein, denen ich jetzt hier gar nicht vorgreifen möchte.

Eines aber ist sicher: Die theologischen Fakultäten und Institute sind weitaus mehr als Ausbildungsstandorte. Sie sind Zentren der wissenschaftlichen Erforschung des christlichen Glaubens, der Frage nach Gott und des Dialogs von Glaube und Vernunft. Die Bedeutung der wissenschaftlichen Theologie und ihrer Hochschuleinrichtungen hat nicht zuletzt der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen im Jahr 2010 hervorgehoben.

Er betont, sie reflektierten "im Wissenschaftssystem die Grenzen einer rein wissenschaftsförmigen Selbstdeutung des erkennenden Menschen, insbesondere indem sie ein Bewusstsein von der Kontingenz menschlichen Handelns aufrechterhalten und der Frage nach den Bedingungen für ein Gelingen oder Scheitern menschlicher Existenz einen Ort geben." Die katholische Theologie hat demnach zu Recht auf vielfältige Weise einen eigenen Ort im deutschen Hochschulsystem.

Bild: © KNA

Junge Gläubige beten aus dem Stundenbuch.

Frage: Wie viele theologische Fakultäten sind auf mittlere Sicht in Deutschland überlebensfähig?

Woelki: Für die Zukunft der theologischen Fakultäten entscheidend sind - weit über statistische Daten hinaus - vielmehr die wissenschaftliche Qualität von Forschung und Lehre und der interdisziplinäre Dialog mit den anderen Wissenschaften. Deshalb ist es für die Theologie - und damit auch für die Kirche - von hoher Bedeutung, dass die Theologie institutionell in den Universitäten verankert ist, die ja der Ort des wissenschaftlichen Dialogs sind.

Hier können sich Theologinnen und Theologen mit den anderen Wissenschaften austauschen, Lehr- und Forschungskooperationen schließen und gemeinsam nach Antworten suchen auf die drängenden Fragen unserer Zeit und der Menschheit. Papst Franziskus bezeichnet die theologischen Einrichtungen in seiner Apostolischen Konstitution "Veritatis gaudium" 2017 sehr treffend als "kulturelles Laboratorium". Dass Theologie gefragt ist, zeigt übrigens die Neugründung des Instituts für Katholische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Theologie am Puls der Zeit!

Frage: Wie kann es gelingen, die Relevanz der theologischen Forschung und Lehre einerseits für die Kirche und andererseits für den interdisziplinären Dialog an den Universitäten neu zu stärken?

Woelki: Die katholische Theologie kennt eine fachliche Bandbreite wie kaum eine andere wissenschaftliche Disziplin, ein Theologiestudium ist in sich schon interdisziplinär. Die unterschiedlichen Methoden und Zugänge - theoretische, praktische, philologische, historische, rechtliche, etc. - schlagen Brücken in andere Wissenschaften hinein, die es nicht nur für die Theologie, sondern auch mit Blick auf die Grundvollzüge der Kirche auszuschöpfen gilt.

Die Geschichte der Theologie als Wissenschaft zeugt geradezu vom engen Dialog mit der Philosophie und anderen Wissenschaften, um den Glauben als rational begründbare Lebensoption auszuweisen. Theologie ist also von ihren Anfängen her eine dialogische Wissenschaft, die ohne den Bezug zu anderen Wissenschaften und zu den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart gar nicht denkbar ist.

Ohne die Theologie könnte auch die Kirche ihre Sendung in der heutigen Gesellschaft, die stärker noch als früher wissenschaftlich geprägt ist, gar nicht erfüllen. Deshalb erwarten wir ja von den zukünftigen Priestern und anderen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch ein abgeschlossenes Theologiestudium. Dort, wo sich Theologie dem Denken und Sprechen anderer Wissenschaften, der Politik und der Gesellschaft stellt und sich in einen von Offenheit und Wertschätzung getragenen Diskurs einbringt, steht sie im Dienst am Menschen.

Linktipp: Bätzing: Noch keine Schließung von Priesterseminaren beschlossen

Die deutschen Bistümer debattieren über die Pläne zur Neuausrichtung der Priesterausbildung. Der Limburger Oberhirte und DBK-Vorsitzende Georg Bätzing betont, die Vorschläge seien erst der Auftakt zu weiteren Beratungen unter den Bischöfen. Auch zur Jesuitenhochschule Sankt Georgen äußert er sich.

Frage: Gibt es Vorbilder in anderen Ländern wie etwa Italien, USA, Frankreich oder Belgien, die uns bei einer solchen Neuorientierung helfen könnten?

Woelki: Die katholische Theologie zeichnet sich wie die katholische Kirche selbst wesentlich durch ihre Internationalität und Weite aus. Daher muss der Blick der Theologie immer wieder auch in andere Wissenschaftssysteme und kulturelle Räume gerichtet werden. Dort wird die Theologie mit anderen Fragen konfrontiert.

Was erforscht die afrikanische Theologie? Welche Ansätze werden in Lateinamerika vertreten? Die für mich spannende Frage ist, was die europäische Theologie hier lernen kann. Dafür braucht es eine Bereitschaft, stärker als bisher neue Wege zu gehen und insbesondere sprachliche Hürden zu überwinden.

Natürlich kann man sagen, dass die Impulse, die Papst Franziskus in seiner Apostolischen Konstitution "Veritatis gaudium" für eine gesellschaftsrelevante wissenschaftliche Theologie fordert, in Deutschland schon vielfach umgesetzt sind. Dialogbereitschaft, Inter- und Transdisziplinarität sowie die Einbindung in wissenschaftliche und gesellschaftliche (Forschungs-)Netzwerke gehören hier zu den theologisch-wissenschaftlichen Standards.

Ich verstehe dies aber auch als Aufruf, die außerhalb von Deutschland bestehende theologische Expertise wahrzunehmen und deren Erkenntnisse für die katholische Theologie und die Kirche und nicht zuletzt die ganze Gesellschaft in Deutschland fruchtbar zu machen. In diesem Verständnis setzen wir uns auch weiterhin als Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz dafür ein, dass es katholische Theologie an der Universität gibt.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)