Von der Unübersichtlichkeit des eigenen Herzens
Bild: © KNA
Schwester Veronica Krienen über das Sonntagsevangelium

Von der Unübersichtlichkeit des eigenen Herzens

Heute schon selbst optimiert? Vermessen und Verbessern liegen im Trend. Unser Innerstes aber entziehe sich dem, ist Schwester Veronica Krienen überzeugt: Der eine wahre Herzensrichter rate zu etwas ganz anderem.

Von Sr. Veronica Krienen OSB |  Köln - 18.07.2020

Impuls von Schwester Veronica Krienen

Immer dieses Unkraut – Gärtnerinnen und Landwirte können davon ein Lied singen. Kaum zwei Tage hat man mal Ruhe, da melden sich schon wieder verräterische grüne Sprossen, eine potentielle Gefahr für den schönen Garten oder die heranreifende Ernte.

Jesus nimmt es als Gleichnis für das menschliche Herz und hat eine besondere Idee, wie man mit dem Acker des eigenen Herzens umgehen soll: Wachsen lassen. Dabei klingt frühzeitig und gründlich Jäten erstmal gut – und doch liegen darin große Gefahren, denn Leben und Herz sind nicht schlicht in schwarz-weiß zu teilen.

Menschen, die akribisch das kleinste Zeichen von Unkraut in ihrem Leben aufspüren, verlieren leicht an Freiheit und Unbekümmertheit, sie neigen dazu, fixiert und verbissen zu sein – eng, im Blick auf sich selbst und auf andere. Im schlimmsten Fall verlieren sie auch das gute Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit.

Das ganz und immer reine Herz gibt es ebenso wenig wie den gänzlich unkrautfreien Acker. Unser Menschsein bewegt sich von Anfang an in Ambivalenzen, wir sind gut und böse, egozentrisch und nächstenliebend, grob und behutsam usw. Und wir werden zumeist nicht messerscharf herausbekommen, was das je Gute ist, wir werden in diesem Leben aus den Mehrdeutigkeiten nie ganz herauskommen. Was gut aussieht, könnte böse gemeint sein und umgekehrt.

Bin ich aus ganz reinen Motiven so klar in Konflikten oder weil ich die Kontrolle nicht verlieren will? Bin ich aus purer Nächstenliebe so nachgiebig und versöhnlich oder weil ich das Thema aus Menschenfurcht auf sich beruhen lasse? Die Pflanzen des Handelns sehen sich oft sehr ähnlich, und im Wurzelgrund des Gewordenseins unserer Motive ist sowieso alles dicht miteinander verwoben. Wo im Herzen Weizen und wo Unkraut wächst, wir können es nicht klar identifizieren.

Die gute Nachricht ist: wir brauchen es auch nicht herausbekommen. Gott selbst will und wird das für uns übernehmen. Wir müssen und dürfen mit diesem Durcheinander auf dem Acker unseres Herzens leben und Gott das genaue Auseinandersortieren überlassen.

Das ist gut so, denn ich bin kein guter Richter, das merke ich nicht nur für mich, sondern auch für meine Schwestern. Als Richterin in Herzenssachen wäre ich möglicherweise viel zu hart mit mir und viel zu mild mit anderen – oder umgekehrt.

Das merke ich schon, wenn ich meine Gedanken beobachte: Die Urteile, die ich da fälle, die Konsequenzen, die mir in den Sinn kommen, die Maßnahmen, die mir einfallen, um diesen oder jene mal endlich zu bessern – nein, da ist das Richten bei Gott wirklich besser aufgehoben!

Was kann ich tun? Unverdrossen den guten Samen säen, weiter an mir arbeiten und Geduld haben – mit mir und meinen Schwestern.

Von Sr. Veronica Krienen OSB

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 13,24-43)

In jener Zeit legte Jesus ihnen ein anderes Gleichnis vor: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg.

Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind getan.

Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!

Er legte ihnen ein weiteres Gleichnis vor und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.

Er sagte ihnen ein weiteres Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.

Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge in Gleichnissen und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen, damit sich erfülle, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund in Gleichnissen, ich spreche aus, was seit der Schöpfung der Welt verborgen war.

Dann verließ er die Menge und ging in das Haus. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker! Er antwortete: Der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Kinder des Reiches; das Unkraut sind die Kinder des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Schnitter sind die Engel.

Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch bei dem Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gesetzloses getan haben, und werden sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!

Die Autorin

Sr. Veronica Krienen OSB lebt als Benediktinerin in Köln. Die Psychologin arbeitet im Edith-Stein-Exerzitienhaus und in der Ausbildung des Ordensnachwuchses.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.