Chaostage in Chur: Das heillos zerstrittene Bistum findet keinen Chef
Streit und Leaks beuteln die Schweizer Kirche

Chaostage in Chur: Das heillos zerstrittene Bistum findet keinen Chef

Dass es in Chur eskaliert, ist nichts Neues. Seit Jahrzehnten ist das Ostschweizer Bistum zerrissen und streitet innerhalb und außerhalb seiner Grenzen um den Kurs der Kirche. Mit der gescheiterten Bischofswahl ist eine nie dagewesene Stufe erreicht.

Von Felix Neumann |  Chur - 27.11.2020

Das Bistum Chur bleibt ein Problembistum. Schon seit Jahrzehnten ist das Ostschweizer Bistum zerstritten. Nachdem das Generalkapitel jetzt mit seiner Nicht-Wahl eines Bischofs aus der vom Papst vorgelegten Dreierliste Rom brüskiert hat, bleibt es das auch erst einmal. Chur umfasst die Kantone Graubünden und Schwyz, und seit 1819 auch (immer noch provisorisch) Uri, Glarus, Obwalden, Nidwalden und Zürich. Ländliche Gebiete auf der einen Seite, aber auch die Metropole Zürich mit ihren eher liberalen und finanzstarken Katholiken. Seit Papst Johannes Paul II. unter Umgehung des Wahlrechts des Kapitels Wolfgang Haas dort zum Bischof machte – er ernannte ihn 1988 zum Bischof mit Nachfolgerecht, 1990 übernahm er unter Protesten die Diözese –, kommt es nicht zur Ruhe.

Wolfgang Haas ist seit 1997 Erzbischof von Vaduz.

Der Konflikt um den vielen, vor allem Zürcher Katholiken zu konservativen Haas eskalierte sogar so sehr, dass das Bistum wortwörtlich zerbrach: 1997 trennte der Papst das Gebiet des Fürstentums Liechtenstein von Chur ab und machte Haas zum ersten Erzbischof der neugeschaffenen Erzdiözese Vaduz. Sein Nachfolger Amédée Grab konnte die Wogen zwar glätten. Die Konflikte brachen nach dessen Emeritierung aber wieder neu auf mit der Wahl von Vitus Huonder zum Bischof. Wie Haas polarisierte der Graubündner in seinem Bistum und darüber hinaus. In der Schweizer Bischofskonferenz war seine Stimme oft die eine Gegenstimme, die den nötigen Konsens verhinderte. Huonder sah es als seine Aufgabe, die für ihn zu forsch vorpreschenden liberalen Mitbrüder einzubremsen – eine Rolle, die ihm wohl auch Papst Benedikt XVI. mit seiner Ernennung in der diffizilen Gemengelage der Schweizer Kirche mit ihren mächtigen Laien und ihrer großen ideologischen Spannweite zugeteilt hatte. Dass Papst Franziskus Huonder 2017 mit Erreichen der Altersgrenze nicht in den Ruhestand schickte, sondern ihn bis 2019 im Amt beließ, stieß auf Verwunderung – der Bischof war immer eher als Antipode des Papstes wahrgenommen worden.

Das Päpstliche Geheimnis hat keinen Wert

Derzeit wird das Bistum von Pierre Bürcher geleitet. Der ehemalige Bischof von Reykjavík setzte als Apostolischer Administrator den Urschweizer Generalvikar Martin Kopp mit 73 Jahren, also kurz vor Erreichen der Altersgrenze, ab. Kopp soll sich durch öffentliche Äußerungen zur Bischofswahl illoyal verhalten haben. Bürcher ließ zudem Huonders Generalvikar Martin Grichting als seinen Delegierten im Amt. Grichting gilt als einer der Strippenzieher des konservativen Flügels im Bistum. Ihm wird auch die neuerliche Eskalation vorgeworfen.

Bild: © Bistum Chur

Bischof Peter Bürcher leitet als Apostolischer Administrator das Bistum Chur.

Dass die Dreierlisten ("Terna") mit Bischofkandidaten öffentlich werden, die Rom den Domkapiteln zur Wahl vorlegt, kommt vor. Da, wo es dieses durch Konkordate oder historische Privilegien gewährte Sonderrecht gibt, unterliegen die Bischofswahlen zwar dem "Päpstlichen Geheimnis", dessen Bruch unter Strafe steht. Wer auf der Dreierliste steht, spricht sich in der Regel dennoch bald herum. Im Bistum Chur, wo seit Monaten Kandidaten gehandelt und Insiderwissen platziert wird, kam es aber noch schlimmer: Nicht nur die drei Kandidaten für die Nachfolge von Bischof Huonder wurden durchgestochen, sondern gleich das ganze Protokoll des Generalkapitels, das am Montag im Rittersaal des Bischöflichen Ordinariats in Chur zur Bischofswahl zusammenkam. Am Donnerstag wurde es auf dem kirchlichen Portal kath.ch veröffentlicht.

Das Protokoll ist ein Protokoll des Scheiterns. Tagesordnungspunkt 1 geht noch glatt über die Bühne, immerhin die beiden Stimmenzähler können gewählt werden. Dann endet die Bischofswahl, noch ehe sie begonnen hat. Der Domdekan Walter Niederberger zeigt das Kuvert mit der Dreierliste aus der Nuntiatur. Auf der Liste stehen drei Namen, die schon im Vorfeld als Kandidaten gehandelt wurden: Der Offizial des Bistums, Joseph Bonnemain, Mauro-Giuseppe Lepori, der Generalabt der Zisterzienser, und Vigeli Monn, Abt der Benediktinerabtei Disentis. Nur Bonnemain ist im Raum, er bietet an, den Saal zu verlassen, er darf jedoch bleiben, findet das Generalkapitel – und Bonnemain wird Zeuge nicht nur seiner Demontage, die im Verlaufsprotokoll minutiös nachgezeichnet wird.

Martin Grichting ist Generalvikar des Bistums Chur und gilt als einer der konservativen Strippenzieher der Diözese.

Ein Domherr, von kath.ch als Martin Grichting identifiziert, empört sich über den Versuch, "die bisher vom gesellschaftlichen Mainstream abweichende Stimme des Bistums Chur zum Schweigen zu bringen", sieht in der Dreierliste einen Versuch, die Schweiz stramm und geschlossen ins kirchliche Reformerlager zu ziehen. Eine "feindliche Übernahme" durch die Bischöfe von Basel, St. Gallen und dem Abt von Einsiedeln sei die Dreierliste des Papstes. Mehrere Domherren pflichten Grichting zu. "Der Apostolische Stuhl möchte offensichtlich einfach endlich Ruhe, Friedhofsruhe", findet einer. Wenn das Kapitel dem Wunsch des Papstes mit einer Wahl aus der Dreierliste folge, würde das "die Kirche in der Deutschschweiz noch weiter aus der Einheit mit der Weltkirche hinausführen, wenn es denn nicht im Schisma endet".

Zwei Stunden für eine Nichtwahl

Dass es die Kirche aus der Gemeinschaft mit der Weltkirche herausführen würde, wenn das Kapitel einem Vorschlag des Papstes folgt, findet anscheinend keiner der Domherren merkwürdig. Etwas hilflos wirken die Argumente der Befürworter einer Wahl aus der Dreierliste. Es stünden doch "keine Feinde der Kirche" darauf, sagt einer, ein anderer bemerkt, dass keiner der drei negativ aufgefallen sei, ein anderer findet, man könne es ja mal versuchen.

Knapp, mit elf gegen zehn Stimmen unter Enthaltung des Kandidaten Bonnemain, entscheidet sich das Generalkapitel gegen das Eintreten in die Wahl. "Damit hat sich die Diskussion über Personen und die Wahl eines Bischofs erledigt. Der Domdekan wird den Apostolischen Nuntius entsprechend informieren", heißt es knapp im Protokoll. Die Domherren diskutieren dann noch etwas über das weitere Vorgehen: Solle man sich an die Öffentlichkeit wenden? Ist das überhaupt erlaubt, und steht das alles unter Päpstlichem Geheimnis? Genüge die Verweigerung der Wahl als Zeichen für Rom, oder soll man dem Papst noch sagen, dass er jetzt freie Hand habe?

Papst Franziskus schaut nachdenklich

Nun muss Papst Franziskus entscheiden.

Noch einmal findet sich eine Mehrheit: "Wir haben Nichteintreten beschlossen auf diese Terna" wird das offizielle Statement. 15 Ja-Stimmen, fünf Enthaltungen bekommt der Vorschlag. Um 12.25 Uhr endet die Sitzung, nach etwas mehr als zwei Stunden. Im Protokoll findet sich noch ein Nachtrag, dass der Nuntius eine selbständige Kommunikation des Domkapitels nicht erlaubt.

Der Nuntius konnte keine konservative Liste liefern

Grichting hatte auf eine andere Dreierliste gehofft. Im für einen Diplomaten ungewöhnlich offenherzig politisierenden Nuntius Thomas Gullickson hatte er eigentlich einen Verbündeten gesehen. Der konservative US-Amerikaner war erst 2015 Papstbotschafter geworden, nachdem er von seinem vorherigen Posten in der Ukraine nach allzu deutlicher Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin schnell versetzt wurde und äußerte sich auf seinem Blog auch offenherzig zur Schweizer Kirche. Gullickson ist nur noch bis Ende des Jahres im Amt und kehrt dann in seine Heimat zurück. Schon im Oktober hieß es, dass er eine "moderate" Liste mit Bischofsvorschlägen nach Rom geschickt hätte. Von den damals von kath.ch genannten Kandidaten fand sich tatsächlich auch Bonnemain auf der Terna, dem damals "beste Chancen" auf eine Wahl ausgerechnet wurden. "Kenner des Bistums sehen in ihm einen Brückenbauer: Als Mitglied des Opus Dei ist er konservativ genug, um für eine gewisse Kontinuität im Bistum zu sorgen. Als Bischofsvikar für die Beziehungen zu den staatskirchenrechtlichen Organisationen und den Kantonen hat er gezeigt, dass er für das duale System einsteht", analysierte kath.ch.

Vitus Huonder hatte sich gesprächsbereit für eine Diözese Zürich gezeigt.

Doch gerade dieser Einsatz für das "duale System", die weltweit einzigartige staatskirchenrechtliche Regelung eines Nebeneinanders von kirchlicher Bistumsstruktur und demokratisch verfassten Kantonskirchen mit Finanzhoheit, könnte ihn nun in Ungnade bei der konservativen Mehrheit gebracht haben. Dieses System ermöglicht es den Schweizer Laien, in beispielloser Autonomie die Kirche zu gestalten. Besonders die Zürcher Katholiken haben diese Macht immer wieder für prominente Opposition zum in der Großstadt ungeliebten Huonder genutzt. Der "Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich" wäre die Errichtung eines eigenen Bistums Zürich am liebsten; Huonder hatte zuletzt zumindest Gesprächsbereitschaft dafür gezeigt.

Öffentliche Schlammschlacht – und der Papst muss es richten

Nach der gescheiterten Wahl droht die ohnehin gespannte Lage in Chur nun in eine Schlammschlacht abzugleiten, genüsslich begleitet von kath.ch. Das in Zürich ansässige Portal, das im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz und dem Zusammenschluss der Kantonalkirchen arbeitet, wird seit kurzem von dem deutschstämmigen Journalisten Raphael Rauch geleitet. "Er fiel überall durch Forschheit auf", ist über seinen beruflichen Werdegang bei deutschen und Schweizer Medien in der Limmattaler Zeitung zu lesen. Rauch publiziert täglich zu den Churer Geschehnissen und gräbt unter dem Schlagwort "#DomkapitelLeaks" immer neue Indiskretionen aus; gleich nach der gescheiterten Wahl fand das Portal einen Priester, der den Teufel am Werk sah, der ehemalige Einsiedelner Abt Martin Werlen stellt Teile seiner Korrespondenz zur Verfügung, nachdem Grichting ihn in der Wahlversammlung indirekt angegriffen hatte, und am Freitag konnte es sogar Bischöfe zu einem Kommentar bewegen.

Bild: © Bistum Basel

Felix Gmür ist seit 2011 Bischof von Basel.

Dass Bischöfe die Amtsführung in anderen Bistümer öffentlich kommentieren, gilt gemeinhin nicht als schicklich. Nach den Spitzen im Protokoll der Wahlversammlung gegen Basel und St. Gallen sah sich aber der Basler Bischof Felix Gmür, zugleich Vorsitzender der Bischofskonferenz, zu einer Äußerung gedrängt. "Es ist erschreckend und traurig zu sehen, wie tief die Gräben im Churer Domkapitel sind und wie wenig das institutionelle Wahlverfahren geachtet wird. Umso mehr braucht es als neuen Bischof einen Brückenbauer", ist auf kath.ch zu lesen. Auch die Sprecherin des St. Gallener Bischofs Markus Büchel äußerte sich. "Die Vorgänge um die Nicht-Bischofswahl durch die Churer Domherren zeigen die grosse Zerrissenheit unter den Verantwortlichen im Bistum Chur noch einmal deutlich auf", so Sabine Rüthemann. Die aus dem Protokoll des Domkapitels bekannt gewordenen Vorwürfe an die Bischöfe von Basel und St. Gallen sowie an den Abt von Einsiedeln seien dermassen "weit weg von jeder Realität", dass dazu keine Stellungnahme nötig und möglich sei.

Nun liegt es am Pontifex in Rom, einen Brückenbauer für Chur zu bestimmen – entweder, indem er mit einer neuen Dreierliste das Domkapitel noch einmal in die Verantwortung nimmt, oder indem er einen Bischof frei bestimmt. Die in Rom ohnehin wenig geliebten Sonderregelungen zur Bischofswahl dürften durch die Vorgänge ebenfalls keine neuen vatikanischen Freunde gefunden haben. So oder so: Egal wer nun das Ruder in Chur übernimmt, wird viel zerschlagenes Porzellan vorfinden, im Bistum und darüber hinaus. Es kann eigentlich nur besser werden, möchte man sagen – doch mit so einer Prognose ist man in Chur schon häufiger daneben gelegen.

Von Felix Neumann