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Standpunkt

Dieses Jahr ist bei den Weihnachtspredigten Vorsicht geboten

Weihnachten in Corona-Zeiten ist eine emotionale Provokation, findet Birgit Aschmann: Ein Fest, das von der Nähe lebt, erlaubt keine Nähe. Angesichts der tiefen Verunsicherungen wären einfache Antworten eine weitere Provokation – etwa in Predigten.

Von Birgit Aschmann |  Bonn - 21.12.2020

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Dieses Weihnachtsfest ist eine emotionale Provokation. Von wem und wozu auch immer. Den göttlichen Willen hinter einem Virus zu sehen, das sich unbemerkt im Rachen einnistet, um menschliches Leben zu vernichten, ist unmöglich. Die alttestamentlichen Bilder eines strafenden Gottes, der Seuchen übers Land schickt, sind nicht unsere. Zumal dann Menschen just für das bestraft würden, was Gott tat, indem er Mensch wurde: Nähe suchen und schenken.

Wenn ich dem Fremden neben mir beim Friedensgruß um den Hals fallen mochte, weil mein Herz voll Freude war – dann ist Weihnachten. Das Geheimnis liegt in jener Transzendenzerfahrung, im Erlebnis des Angerührtwerdens, vermittelt durch Sinneserfahrung und Körperpraktiken. Durch Singen, Hören, Knien, durch den sprichwörtlichlichen katholischen Stallgeruch.

Weit mehr noch als Ostern ist Weihnachten ein Fest der Emotionen. Corona entzieht all dem den Boden. Welche Emotionen vermitteln leere Kirchen ohne Gemeindegesang? Was bleibt an Gemeinschaftsgefühl, wenn ich die gute Freundin auslade, weil schon die Zahl der Familienmitglieder die zulässige Obergrenze übersteigt? Lasse ich die Oma allein, weil sie keiner erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt werden darf? Was mutet ein maßnahmenkonformes Weihnachtsfest Menschen zu, die ohnehin am Alleinsein leiden? Bringt die liebevolle Umarmung der Enkel den Tod?

Dass Krippe und Kreuz verbunden sind, gehört zu den christlichen Binsenweisheiten. Aber wie fühlt sich das an, wenn in diesem Advent die Menschen täglich zu Hunderten am Virus sterben? Was die Soldaten im Krieg bekümmerte, war vor allem die Angst vor einem würdelosen Tod. Aber wie würdig ist der Tod dieser Tausenden, denen ein Abschiednehmen versagt bleibt und die noch im Tod auf Plastikabstand gehalten werden?

Angesichts dieses im Dezember alltäglich geworden Albtraums versagen kognitive Rationalisierung und gewohnte emotionale Muster. Achtung bei der Weihnachtspredigt: Einfache Antworten wären angesichts der tiefen Verunsicherungen eine weitere Provokation!

Von Birgit Aschmann

Die Autorin

Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Hinweis

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