Pilgern 2.0: Mit Jesuiten-App auf den Spuren von Petrus Canisius
Auf einem digitalen Pilgerweg kann die neue Jesuitenprovinz erkundet werden

Pilgern 2.0: Mit Jesuiten-App auf den Spuren von Petrus Canisius

Trotz Corona: Sieben Länder in drei Monaten soll die Pilgertour der Jesuiten umfassen, bevor sie ihre neue Provinz in Europa gründen. Damit möglichst viele Gläubige mitpilgern können, haben sie sich etwas Besonderes ausgedacht.

Von Benedikt Heider |  München - 12.02.2021

Arbeit von zuhause, der Spieleabend als Video-Konferenz und die Sonntagsmesse kommt per Stream ins Wohnzimmer: Corona hat Alltag und Gewohnheiten der meisten Menschen verändert. Treffen mit Freunden, Bekannten oder das Knüpfen neuer Bekanntschaften sind zurzeit nur schwer möglich, wenn nicht sogar verboten. Vom Entdecken neuer Orte, Regionen oder Länder ganz zu schweigen. Auch das spirituelle Leben verläuft für viele nicht wie gewohnt. Vor allem hartgesottene Pilger stellt Corona vor große Probleme.

Die Jesuiten scheinen sich damit nicht abfinden zu wollen: Diesen Freitag beginnen sie eine Pilgerreise durch Europa. Mittels Pilgerhomepage und App animieren sie zum Mitpilgern auf dem "Canisiusweg". Begleitet werden die digitalen Pilger vom namensgebenden Petrus Canisius. Er war erster deutscher Jesuitenprovinzial und damit "eine Art Gründergestalt der Jesuiten in unseren Breitengraden", erklärt Pia Dyckmans, Pressesprecherin der Jesuiten. Die Idee, Pilgerwege programmatisch nach bedeutenden Heiligen zu benennen, ist nicht neu. Spätestens nach Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" ist der nach dem Apostel Jakobus benannte "Jakobsweg" den meisten ein Begriff. In dieser Tradition gibt es unzählige Pilgerwege. Auf dem spanischen "Ignatiusweg" lassen sich 650 Kilometer zurücklegen. Hunde sind auf dem italienischen "Franziskusweg" besonders gern gesehen – dort bekommen sie, wie ihre Herrchen und Frauchen, einen Pilgerpass. In Deutschland mangelt es ebenfalls nicht an Pilgerrouten mit populären Patronen. Ob auf dem "Hildegard von Bingen Pilgerwanderweg", der "Bonifatius-Route" oder den "Elisabethpfaden" – der Lebensweg vieler Heilige gibt Gläubigen Anlass zur sprichwörtlichen Nachfolge.

Die App "Canisius-Pilgerpass" ermögliche im Lockdown nun eine Pilgerreise zwischen Schweden und der Schweiz. Auf die Online-Pilger warten vom 12. Februar bis zum 27. April keine Blasen und Zerrungen, sondern "eine Vielzahl spannender Geschichten, Games und Rätsel". An jeder Station ist eine Aufgabe zu lösen, um einen Stempel für den digitalen Pilgerpass zu erhalten. Wie es sich bei einer Pilgerreise gehört, wird auch für das geistliche Wohl gesorgt. Schließlich gilt für Jesuiten immer der Grundsatz ihres Gründers Ignatius von Loyola, dass Gott in allen Dingen zu suchen ist. Wenn eine Pilgerstrecke zwischen zwei Städten zurückgelegt ist, kann der Online-Pilger seinen "spirituellen Akku" wieder aufladen. Wie im "echten" spirituellen Leben wird es auch in der App unterschiedliche Möglichkeiten dazu geben. Impulsfragen und ein spirituelles Tagesbuch sollen ebenso helfen wie ein "Gebetswecker", der zu dem für Jesuiten bedeutsamen Tagesrückblick ermuntern soll. 

Anlass ist Neugründung der Provinz

Während die User von zu Hause auf Pilgerschaft gehen, werden fünf Jesuiten analog rund 900 Kilometer des Canisius-Pilgerweges von Litauen bis nach Fribourg in die Schweiz pilgern. Am 27. April soll die Gruppe gemeinsam mit den digitalen Pilgern schließlich am Grab des Heiligen Petrus Canisius ankommen. Das Datum sei auch ein besonderes für das jesuitische Leben in Europa, erklärt Pia Dyckmans. Denn am 27. April  vereinigen sich die bisher eigenständige Deutsche, Schweizer, Österreichische und Litauische Provinz zur Zentraleuropäischen Jesuitenprovinz (lat. Europa Centralis). Grund für die nun anstehende Zusammenlegung ist der Mitgliederrückgang, den auch die Jesuiten zu spüren haben. So gehören zur Deutschen Provinz zwar noch rund 300 Mitglieder, die Österreichische, Schweizer und Litauische Provinz zählen jeweils jedoch weniger als 60. 

Canisius führt die Nutzer durch die neue Jesuitenprovinz

Was die fünf Pilger auf ihrem Fußweg nach Fribourg erleben und vor welchen Herausforderungen sie stehen, werden sie auf den Social-Media-Kanälen der Gemeinschaft berichten. Schließlich ist die Lust am Pilgerbericht so alt wie das Pilgern selbst. Ob als erzählte Legende, kurzer Brief, dicker Bestseller oder "live" im Internet: Wer pilgert hat immer etwas zu erzählen. Auch die Vorzüge digitaler Unterstützung kennen erfahrene Pilger schon länger: Pilgerrouten sind mittlerweile wie die meisten Wanderwege in großen Wander-Apps verzeichnet, oder werden sogar in eigenen Pilger-Apps aufbereitet.

Informatives über Geschichte

Die Jesuiten gehen mit ihrer App noch einen Schritt weiter: Sie bieten nicht einfach digitale Unterstützung beim Pilgern sondern wollen mit ihrem Angebot digitales Pilgern ermöglichen. Dabei erwarten die Daheimgebliebenen 33 virtuelle Pilgerziele auf dem mehr als 1700 Kilometer langen Gesamtweg. Wer zum Beispiel schon immer wissen wollte, ob "ignatianische Exerzitien" ökumenetauglich sind, sollte mit nach Riga "pilgern". Musikfans kommen bei einem Stopp in Hamburg auf ihre Kosten. Wer größeres Fernweh hat, kann auf einen digitalen Abstecher in die Vereinigten Staaten gespannt sein. Zu diesem Umweg habe man sich entschieden, da die Litauische Provinz in Chicago einen Standort habe, verrät Pia Dyckmans. "Viele Litauer sind während des Sowjet-Regimes dorthin geflohen. Die genauen Hintergründe werden aber auf der Pilgerreise erklärt." Als Teil der Litauischen Provinz wird die Niederlassung in den USA ab dem 27. April auch zur Jesuitengemeinschaft in Zentraleuropa gehören.

Pater Martin Stark betont den Gemeinschaftsaspekt des neuen Angebots. Durch das gemeinsame Pilgern und der Vernetzung in der Facebook-Gruppe "Canisius-Community" werde coronakonform das Kennenlernen aller Jesuiten, Mitarbeitenden und Freunde in der Zentraleuropäischen Provinz ermöglicht. Klassisches Pilgern, quer durch Europa, sei während einer Pandemie nur schwer möglich, daher wolle man mit dem "Canisiusweg" eine "neue Art" des Pilgerns anlässlich dieses, für die Jesuiten bedeutsamen Ereignisses, ausprobieren, erklärt Jesuitenpater Martin Stark. In ungewissen Zeiten könne es zudem helfen auf diese Weise aufzutanken und durchzuatmen.

Während für viele die Welt um sie herum durch Corona kleiner wird, vergrößert sich die Welt europäischer Jesuiten mit der Provinzgründung am 27. April schlagartig. Als Verbindung zwischen örtlichen Jesuiten-Kommunitäten und dem weltweit agierenden Orden kommt der Verwaltungseinheit "Provinz" eine wichtige Funktion zu. Auch wenn ein Jesuit lebenslang außerhalb der Provinz lebt, in die er eingetreten ist, gehört er rechtlich weiterhin zu ihr. Die neue Provinz wird an 36 Standorten rund 440 Jesuiten zählen. Leiten wird sie der jetzige Provinzial der Österreichischen Provinz, Pater Bernhard Bürgler.

Von Benedikt Heider

Der Canisius-Pilgerpass als App

Eine digitale Pilgerreise durch Zentraleuropa, 33 Stationen und eine Vielzahl spannender Geschichten, Games und Rätsel: Das bietet die neue App "Canisius-Pilgerpass" der Jesuite.