Jean-Claude Hollerich sitzt auf einem Bischofsstuhl vor einer Steinwand
Deutsche Kirche könne Antworten auf drängende Fragen aber nicht selbst geben

Kardinal Hollerich: Beglückwünsche Kirche in Deutschland zu ihrem Mut

Der Kirche in Europa fehlt das "Networking", kritisiert Kardinal Jean-Claude Hollerich. Er hätte sich gefreut, mehr beim Synodalen Weg eingebunden zu werden, sagt er im Interview. "Bei uns sind die Probleme ja dieselben wie in Deutschland."

Von Roland Juchem (KNA) |  Rom - 12.06.2021

Als Präsident der EU-Bischofskommission COMECE war Kardinal Jean-Claude Hollerich dieser Tage in Rom – auch beim Papst. Im Interview äußert sich Luxemburgs Erzbischof zu Lehren aus der Pandemie, synodalen Prozessen und Kirchen, die nur in eigenen Töpfen rühren.

Frage: Herr Kardinal, wie bewerten Sie das Verhalten der Kirche in Europa und der EU in der Pandemie? Wo haben diese jeweils versagt, was ist ihnen gelungen?

Hollerich: Als Kirche müssen wir leider feststellen, dass wir für die meisten Menschen wenig von Bedeutung waren. Das muss uns bescheidener machen. Zudem haben wir nicht die eigentliche Botschaft verkündet. 

Frage: Sondern?

Hollerich: Wir haben geschaut, wie wir Leute mit Video-Messen und Ähnlichem erreichen. Aber ich spreche jetzt so viele Menschen, die wirklich tiefe Angst hatten. Dahinter steckte Angst vor dem Tod. Eine Studie in Luxemburg hat gezeigt, dass die auch bei Jugendlichen sehr ausgeprägt war. Wir als Kirche hätten mehr über Tod und Auferstehung von Jesus Christus sprechen müssen – in Worten, die die Leute verstehen.

Frage: Wie hätte das ausgesehen?

Hollerich: Indem wir sagen: Jetzt reden wir mal übers Sterben; das gehört zum Leben dazu. Indem wir bekennen: Wir haben keine Angst vor dem Tod. Wir tun unsere Arbeit als Kirche, als Gläubige so gut, wie es geht – auch auf die Gefahr, dass uns das Virus erwischt. Es kam nicht genug rüber, dass die Kirche im Dienst an den Menschen steht. Es gab gute Initiativen; aber haben Menschen genügend gespürt, dass wir sie gerne haben und uns für sie einsetzen?

Frage: Und die EU?

Hollerich: Über die Beschaffung der Impfstoffe bin ich nicht so entsetzt wie andere; das ist sehr komplex. Im Nachhinein ist es leicht, über andere herzuziehen, was diese hätten tun müssen. Mich hat vor allem der Beginn der Pandemie erschreckt, als die Grenzen dichtgemacht wurden und Nationalismen wieder aufkamen. Das zeigt uns, wie schlimm es wäre, wenn es die EU nicht mehr gäbe. Die Grenze von Deutschland nach Luxemburg etwa wurde geschlossen am Jahrestag des Einmarsches deutscher Truppen in Luxemburg. Das ist bei uns sehr sauer aufgestoßen. Es gab auf beiden Seiten Vorfälle, die von Hass geprägt waren. Woher kommt das? Wir haben gesehen, wie wichtig offene Grenzen sind, wie wichtig Schengen ist. Diesen Weg müssen wir konsequent weitergehen.

Frage: Der Papst hat einen weltweiten synodalen Prozess ausgerufen. Wie sind die Chancen, dass die Kirche in Europa auf diesen Weg einschwenken kann?

Hollerich: Das hängt davon ab, wie der Prozess auf kontinentaler Ebene moderiert wird und man verschiedene Positionen zusammenbringen kann. Noch haben wir zu viele Nationalkirche in Europa. Als etwa der neue Erzbischof von Paris in sein Amt eingeführt wurde, war ich der einzige ausländische Bischof. Das ist immerhin Paris. Es hat mir wehgetan. Daher wird es Zeit, dass wir in Europa etwas gemeinsam machen.

Wir müssen einander tatsächlich zuhören – nicht bloß warten, bis der andere ausgeredet hat und dann sagen, 'was richtig' ist.

Zitat: Kardinal Jean-Claude Hollerich

Frage: Die Kirche rührt noch zu sehr in eigenen Töpfen?

Hollerich: In Europa auf jeden Fall. Die Kirche in Asien ist viel weiter vernetzt als die in Europa. Obschon die Kulturen in Asien viel verschiedener sind, können die besser miteinander als wir in Europa. Wir sind da zu spät dran; uns fehlt das "Networking".

Frage: Was bedeutet der synodale Prozess für Ihr Erzbistum Luxemburg?

Hollerich: Ich nehme mir jetzt eine Woche Urlaub, um genau darüber nachzudenken und zu beten. Dann berate ich mich mit den Gremien, wie wir den Prozess im Oktober angehen. Ich möchte, dass nichts beschönigt wird und dass alle Fragen, so unterschiedlich sie sein werden, aufkommen können. Wir müssen einander tatsächlich zuhören – nicht bloß warten, bis der andere ausgeredet hat und dann sagen, "was richtig" ist. Ich möchte Exerzitien einbauen, damit wir auf Gott hören können.

Frage: In den vergangenen Monaten gab es teils turbulente Nachrichten aus der Kirche in Deutschland. Wie nehmen Sie das wahr?

Hollerich: Ich beglückwünsche die Kirche zu ihrem Mut, drängenden Fragen nicht auszuweichen. Allerdings kann die deutsche Kirche nicht die Antworten auf diese Fragen geben. Gefreut hätte ich mich, wenn die deutschen Bischöfe Nachbarkirchen eingebunden hätten, etwa aus Schweiz, Österreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande. Bei uns sind die Probleme ja dieselben wie in Deutschland.

Frage: Ist jemand aus Luxemburg als Gast oder Berater beim Synodalen Weg?

Hollerich: Als stummer Gast; ich habe jemanden damit beauftragt. Ein Problem ist, dass die Kirche nicht nahe genug bei den Menschen ist. Das ändert sich nicht, wenn spezialisierte Laien und Bischöfe darüber sprechen. Man muss die Basis einbinden.

Frage: Tut der Synodale Weg in Deutschland das nicht genügend?

Hollerich: Weil die Kirche in Deutschland anders strukturiert ist. Wenn man sich mit anderen Ländern zusammensetzt, wird die jeweils eigene Struktur relativiert und man kann freier reden. Die Tatsache, dass die Kirchen in Deutschland zu einer Minderheit werden, wird Folgen haben. Darauf muss man vorbereitet sein. Wir in Luxemburg bekamen die Trennung von Kirche und Staat plötzlich. Einmal waren die Christdemokraten nicht mehr an der Regierung, und schon war alles anders. Wir mussten Kröten schlucken, einiges hat wehgetan. Aber insgesamt bewerte ich die Entwicklung positiv, sie hat uns gutgetan: Wir sind unabhängiger und müssen nun mit unseren eigenen Mitteln leben.

Von Roland Juchem (KNA)