Initiatorin Schwester Theresia Mende OP im Interview

Neuevangelisierung: Wie der "kath-kurs" zum Glauben führen möchte

Aktualisiert am 04.07.2021  –  Lesedauer: 

Augsburg/Berlin ‐ Gelebte Marienfrömmigkeit und der Glaube an die Realpräsenz Christi: Viele Menschen spüren eine Sehnsucht nach Gott in sich, doch die Inhalte des katholischen Glaubens stellen sie vor Herausforderungen. Ein Glaubenskurs mehrerer bayerischer Diözesen will da Abhilfe schaffen.

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Das Bistum Augsburg hat in Kooperation mit den Bistümern Eichstätt, Passau und Regensburg einen neuen Glaubenskurs konzipiert. Der "Kath-Kurs – die katholische Kirche entdecken" knüpft an bekannte Formate wie den "Alpha-Kurs" an, behandelt aber dezidiert katholische Themen. Im Interview spricht die Initiatorin Schwester Theresia Mende OP darüber, wie sie an zehn Abenden und einem Wochenende den katholischen Glauben vermitteln möchte.

Frage: Schwester Theresia, wie kamen Sie auf die Idee für den "Kath-Kurs"?

Sr. Theresia Mende: Die Idee kam mir schon vor einigen Jahren. Die "Alpha-Kurse" sind ein großartiges Instrument, um Menschen unabhängig von ihrer Konfession mit den grundlegenden Elementen unseres Glaubens vertraut zu machen. Dass es Gott, Jesus Christus und den Heiligen Geist gibt, muss ein Mensch erfahren, bevor er in die spezifische Theologie und Glaubenspraxis der katholischen Kirche eingeführt wird. Doch nach dem "Alpha-Kurs" fragen viele Menschen: "Wie geht es jetzt weiter?" Und da habe ich gedacht: Es braucht dringend einen weiterführenden Kurs. Sonst lässt man die Menschen nach dem "Alpha-Kurs" im Regen stehen, so nach dem Motto: "Seht zu, wie ihr allein geistlich weiterkommt." Die katholische Kirche hütet einen großen Schatz an geistlichen Erfahrungen und Traditionen. Ich finde es wichtig, den Menschen diesen Schatz zu erschließen.

Frage: Muss man den "Alpha-Kurs" absolviert haben, um den "Kath-Kurs" machen zu können?

Sr. Theresia: Nein, der "Kath-Kurs" richtet sich an Teilnehmer des "Alpha-Kurses" wie auch an Menschen, die noch keinen Glaubenskurs gemacht haben. Was ich schon beim Testlauf in einer Pfarrei hörte und auch immer noch höre, ist zudem: "Der Kurs ist toll, um den eigenen Glauben wieder aufzufrischen." Viele Menschen haben zwar Kommunion- und Firmunterricht erhalten, manche gehen vielleicht auch noch treu in die Kirche, aber viele haben keinen Bezug mehr zu den Sakramenten. Sie gehen zur Kommunion, wissen aber gar nicht, was das bedeutet. Nach dem "Kath-kurs" haben sie gesagt: "Wir haben gemerkt, wie schön unser Glaube eigentlich ist!"

Frage: Eine Zielgruppe Ihres Kurses sind also Menschen, die eigentlich schon katholisch sind?

Sr. Theresia: Neun Prozent der Katholiken gehen noch zur Sonntagsmesse. Wo sind die anderen 91 Prozent? Es ist mir ein großes Anliegen, diese sogenannten Fernstehenden, die zwar Katholiken sind, aber ihren Glauben nicht mehr praktizieren, nicht zu vergessen. Weil sie die Freude am Glauben wiederfinden sollen. Nichts anderes bedeutet Neuevangelisierung für mich: Menschen, die getauft und in der Kirche aufgewachsen sind, aber nichts mehr damit anfangen können, wieder die Freude am Glauben zu vermitteln. Deswegen haben wir den Kurs nicht "Beta-Kurs" genannt, sondern "Kath-Kurs – die katholische Kirche entdecken". Es ist eine ideale Fortsetzung des "Alpha-Kurses", aber es ist mehr als das.

Frage: Woran liegt es, dass christlich sozialisierte Menschen den Kontakt zu ihrem Glauben verlieren? Fehlen Angebote der Erwachsenenkatechese?

Sr. Theresia: Es gibt sehr viele Angebote im Rahmen der Erwachsenenbildung. Diese Glaubenskurse richten sich aber schwerpunktmäßig an den Intellekt. Der Mensch braucht aber auch das Erfasst-Werden über die intellektuelle Ebene hinaus. Wenn ich von einer anderen Person nur lese oder durch Dritte von ihr höre, kann der Funke nicht so überspringen wie im persönlichen Kontakt. Wir brauchen die persönliche, unmittelbare Begegnung mit Jesus, damit dieser Funke überspringen kann und eine Beziehung entsteht. Glaube ist mehr als Wissen, Glaube ist in erster Linie Beziehung – zu Jesus Christus. Damit Menschen die Begegnung mit Jesus wirklich erfahren können, muss ich das Wissen über die Sakramente um die praktische Erfahrung ergänzen.

Zwei Frauen und zwei Ordensfrauen sitzen an einem Tisch, eine der Ordensfrauen liest etwas vor.
Bild: ©privat

Die Dominikanerin und promovierte Theologin Schwester Theresia Mende (2.v.r.) leitet das Institut für Neuevangelisierung im Bistum Augsburg.

Frage: Was machen Sie darum im "Kath-Kurs" anders?

Sr. Theresia: Er besteht nicht nur aus Vorträgen oder wie der "Alpha-Kurs" aus gemeinsamem Essen und Gesprächen in Kleingruppen. Das trifft noch auf die ersten drei Abende zu. An ihnen ist der Aufbau identisch mit dem des "Alpha-Kurses": Es gibt ein Essen, bei dem Menschen sich kennenlernen und Gemeinschaft entstehen kann. Dann gibt es einen Vortrag über das Thema des jeweiligen Abends. Danach trifft man sich in Kleingruppen und tauscht sich aus, über Fragen und Zweifel oder auch eigene Erfahrungen etwa im Firmunterricht. Ab dem vierten Abend gibt es vor dem Vortrag und dem Austausch in Kleingruppen nur noch einen kleinen Imbiss. Nach dem Vortrag und den Kleingruppen gehen wir dann gemeinsam in die Kirche, wo der Gebetsteil stattfindet, der etwa eine Dreiviertelstunde dauert.

Frage: Was passiert da?

Sr. Theresia: Wir beginnen immer mit eucharistischer Anbetung und verbinden das mit Lobpreis und freiem Gebet. So erfahren die Menschen, dass man keine vorgeschriebenen Texte runterbeten muss, sondern Gott ganz persönlich ansprechen darf und mein Leben vor ihm eine Rolle spielt. Danach schließt sich – passend zum Thema des jeweiligen Abends – ein praktischer Akzent an. Am vierten Abend ist das Thema die Taufe. Deshalb führen wir während der Gebetszeit eine freie Tauferneuerung durch. Am fünften erneuern wir unser Firmversprechen und beten um das Kommen des Heiligen Geistes in unser Leben.

Frage: Viele Menschen haben keinen Zugang mehr zur eucharistischen Anbetung.

Sr. Theresia: Ja, das ist für viele schwierig, weil sie den Zugang zu Gott rein über den Intellekt suchen. Und manche denken, Anbetung ist nur was für Superfromme oder Ordensleute im Kloster.

Frage: Das klingt in der Tat wie eine Frömmigkeitsdisziplin, die man erst erlernen muss.

Sr. Theresia: Mit dem persönlichen Umgang mit Jesus Christus in der Eucharistie ist es wie mit einem Kind, das den Umgang mit seinen Eltern nicht erst zu lernen braucht, sondern intuitiv begreift, dass sie für ihr Kind da sind und es lieben. Ich kann zwar vorher einiges über die Realpräsenz sagen, aber ich kann keinen Zugang zur wahren Gegenwart Jesu in der Eucharistie über den Verstand allein schaffen. Man muss sich auf ihn einlassen, dann kann Jesus einen auch anrühren. Viele Menschen lernen das erst, wenn sie andere Menschen sehen, die wirklich mit Jesus sprechen. Deshalb beten wir während der Gebetszeit immer frei, sprechen den Herrn an wie einen Freund. Frei beten, das ist für manche Menschen schon eine Gotteserfahrung. So finden Menschen durch die eucharistische Anbetung zu einem lebendigen Glauben, über das Rituelle oder Verkopfte hinweg. Wenn Jesus Christus wirklich in der Eucharistie real gegenwärtig ist – als Person mit seiner ganzen Gottheit und Menschheit, dann kann ich ganz natürlich mit ihm sprechen und er kann in mir wirken.

Frage: Stichwort Erfahrung: Der "Kath-Kurs" bringt demnach Wissen und Gemeinschaft zusammen mit Mystik, mystischer Erfahrung?

Sr. Theresia: Ja, das ist richtig. Der "Kath-Kurs" hat drei Aspekte: Er will Gemeinschaft der Teilnehmer untereinander schaffen, er will die katholische Theologie verständlich darstellen und dann kommt es auch wirklich zur Glaubenspraxis, das heißt zur persönlichen Begegnung mit Jesus Christus in der Anbetung und in den Sakramenten. Das ist immer eine mystische Erfahrung, die man nicht mehr erklären kann.

"kath-kurs – Die katholische Kirche entdecken"

Auf dem ökumenischen "Alpha-Kurs" aufbauend, vermittelt der "kath-kurs" Glaubenssuchenden seit diesem Jahr katholische Themen wie das Sakrament der Firmung oder die Heiligenverehrung. Dabei wird auf die bewährten Formate des gemeinsamen Essens und der Gespräche in Kleingruppen zurückgegriffen, doch nach den einführenden Abenden geht es verstärkt auch um die katholische Gebetspraxis. Der Kurs ist für Pfarreien und Gruppen konzipiert. Aufgrund der Einschränkungen der Corona-Pandemie wird aber auch ein Online-Kurs für Einzelteilnehmer angeboten.

Frage: Neben den Sakramenten wie Taufe und Firmung geht es aber auch um Marienfrömmigkeit und Heiligenverehrung – warum gehören diese Themen unbedingt dazu?

Sr. Theresia: Die Marienverehrung spielt in der katholischen Kirche eine wichtige Rolle, beinhaltet ökumenisch betrachtet aber natürlich auch einigen Zündstoff. Darum stellen wir im Kurs klar: Katholiken beten Maria nicht an, sie ist kein zweiter Gott. Sie war ein ganz normaler Mensch, mit einem Leben voller Höhen und Tiefen. Aber sie ist ein Geschöpf, das vorerlöst ist und uns zeigen kann, wie unsere Vollendung einmal aussehen wird. Dass wir einen Menschen im Himmel haben, der uns begleitet und unsere Bitten hört, ist doch eigentlich ein Schatz. Auch die Heiligen sind nicht tot und nicht bloße Vorbilder – sie leben beim Herrn. Die Vorstellung, dass die katholische Kirche aus denen besteht, die leben, und denen, die schon beim Herrn vollendet sind, fällt vielen schwer. Im "Kath-Kurs" versuchen wir, diese wichtige Realität zu vermitteln.

Frage: Welche Rolle spielt die Gemeinschaft der Teilnehmer?

Sr. Theresia: Die ungezwungene Gemeinschaft beim Essen, dann aber auch die Gemeinschaft in den Kleingruppen, die während des ganzen Kurses nicht verändert wird, spielt eine große Rolle. Glaubensfragen äußere ich nicht vor hundert Leuten, die kann ich besser im kleinen Kreis aussprechen. In der Gesprächsgruppe sind zwei wichtige Elemente das Ernstnehmen des anderen und die Diskretion. Wenn ich eine Frage stelle, werde ich nicht ausgelacht oder wenn ich etwas aus meinem Leben erzähle, steht das nicht gleich im Internet.

Frage: Was passiert, wenn der "Kath-Kurs" vorbei ist?

Sr. Theresia: Der "Kath-Kurs" will die Menschen in die Gemeinschaft der Kirchen hineinführen. Er weckt die Sehnsucht nach der Begegnung mit Christus, die dann in der jeweiligen Pfarrei auch weiter gestillt werden muss. Dafür sind auch hier Kleingruppen sehr wichtig, in denen die Bibel betrachtet wird, Fragen gestellt und beantwortet werden und wo auch gemeinsam frei gebetet werden darf. Und es braucht dringend Zeiten der eucharistischen Anbetung, still für den Einzelnen, aber auch in Gemeinschaft mit entsprechenden Liedern und Gebeten. Vielerorts gibt es das schon in der Form von Nightfever.

Frage: Pandemiebedingt haben Sie den "Kath-Kurs" erst einmal online angeboten. Was für eine Zukunft hat dieses Angebot, wenn der Kurs sehr auf Gemeinschaft und Präsenz setzt?

Sr. Theresia: Der Kurs ist dazu gedacht, dass man sich präsentisch treffen kann. Weil das momentan aber nicht möglich ist, haben wir ihn online angeboten, um ihn auch über die bayerischen Diözesen hinaus bekannt zu machen. So ist es möglich, von zuhause aus teilzunehmen. Außerdem können auf diese Weise Teilnehmer aus ganz Deutschland den "Kath-Kurs" zunächst einmal unverbindlich kennenlernen und dann entscheiden, ob sie den Kurs auch in ihrer Pfarrei – dann aber präsentisch – anbieten wollen. Wir haben über 400 Anmeldungen für den Onlinekurs aus ganz Deutschland bekommen, konnten aber nur 300 annehmen. Weil die Nachfrage so groß war, planen wir einen zweiten Onlinekurs im nächsten Jahr. Der Kurs soll nicht alleiniges Eigentum der bayerischen Diözesen bleiben. Schließlich gibt es auch andernorts "Alpha-Kurse" und die Frage, wie es danach weitergeht. Und auch in anderen Bistümern leben Katholiken, die ihren Glauben neu entdecken wollen. Wir würden uns also freuen, wenn das Angebot des "Kath-Kurses" auch dort angenommen werden würde.

Von Cornelius Stiegemann