Lisa Kötter will weiterhin auf der Spur bleiben, "die Jesus gelegt hat"

Mitgründerin von Maria 2.0: Verspüre keine Häme wegen Austrittszahlen

Aktualisiert am 15.07.2021  –  Lesedauer: 

Bonn/Münster ‐ 221.390 Menschen sind im vergangenen Jahr in Deutschland aus der Kirche ausgetreten. Lisa Kötter, Mitinitiatorin von "Maria 2.0", tut es ihnen gleich. Im katholisch.de-Interview erklärt sie, wie sie über die aktuellen Zahlen denkt – und ob ihr Austritt Auswirkungen auf ihr Glaubensleben haben wird.

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Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben am gestrigen Mittwoch ihre Jahresstatistik für 2020 veröffentlicht. Auf katholischer Seite ist es in Sachen Austrittszahlen der zweithöchste Wert aller Zeiten. Lisa Kötter wird erst kommendes Jahr in dieser Statistik auftauchen: Nachdem sie im März ihren Kirchenaustritt angekündigt hat, vollzieht sie ihn am heutigen Donnerstag – einen früheren Termin habe sie beim Amtsgericht in Münster nicht bekommen. Die Mitinitiatorin der Frauenbewegung von "Maria 2.0" bleibe allerdings, wie sie betont, auch trotz ihres Austritts katholisch. Ein Interview.

Frage: 221.390 Menschen sind im vergangenen Jahr in Deutschland aus der katholischen Kirche ausgetreten. Im Vergleich zu 2019 ist das zwar ein Rückgang, dennoch ist es die zweithöchste Zahl überhaupt. Was löst diese Zahl bei Ihnen aus, Frau Kötter?

Kötter: Die löst bei mir eigentlich nicht viel aus. Überraschung sowieso nicht, weil dieser Rückgang wohl auf die Pandemie zurückzuführen ist. Diese Austrittszahlen folgen einer bestimmten Logik, die abzusehen war. Ich verspüre da auch keine Häme oder Ähnliches. Die Menschen stimmen eben mit den Füßen über das ab, was in der Kirche gerade vor sich geht. Solange die Kirche in Deutschland, oder überhaupt die römisch-katholische Kirche, allem, was ausschließend ist, nicht die Rote Karte zeigt, wird das so weitergehen.

Frage: Sie haben im März Ihren Kirchenaustritt angekündigt. Wie geht es Ihnen seither?

Kötter: Mir geht es gut. Das war ja ein langer Prozess; es ist ja nicht plötzlich dazu gekommen, weil irgendetwas passiert ist. Das hat sich in den vergangenen Jahren entwickelt. Der Termin selbst ist im Grunde nur ein Vollzug all dessen. Damit stelle ich für mich eine Klarheit her. So kann ich von einem anderen Standpunkt auf die Dinge schauen. Gewisse Dinge werden mich vielleicht dann nicht mehr ganz so unangenehm berühren.

Frage: Das heißt also, Sie sind mit sich im Reinen?

Kötter: Ja, ich fühle mich da mit mir im Reinen, aber was heißt schon "im Reinen"? Ich sehe mich nach wie vor als suchenden Menschen und versuche, mich mit anderen außerhalb und innerhalb dieser Kirche zu verbinden.

Bild: ©stock.adobe.com/Alex Tihonov (Symbolbild)

"Die Menschen stimmen eben mit den Füßen über das ab, was in der Kirche gerade vor sich geht", sagt Lisa Kötter zu den neuesten Kirchenaustrittszahlen.

Frage: Die Kirche ist ja nicht nur dieser Machtapparat, sondern tut auch viel Gutes – gerade im caritativen und auch im seelsorglichen Bereich. Haben Sie manchmal doch ein schlechtes Gewissen wegen des Austritts?

Kötter: Nein, warum sollte ich ein schlechtes Gewissen haben? Ich werde weiterhin die Dinge, die ich gut finde, unterstützen. Ich kehre ja nicht allem den Rücken, sondern fühle mich weiterhin verbunden mit der "Kirche in der Kirche". So nenne ich die jesuanische Kirche, die es innerhalb der Kirche auch gibt, die aber nicht dieser Lehre folgt, die von Gehorsam und monarchischen Strukturen geprägt ist. Ich verlasse das "Römische" an dieser Kirche. Das ist das, was ich kritisiere. Ich weiß auch, dass es in dieser Kirche Heerscharen von Menschen gibt, die genau wie ich auf der Suche nach dem sind, was Nachfolge ist.

Frage: Wie fielen die Reaktionen aus dem Kreis von Maria 2.0 aus? Gab es da auch Kritik an Ihrer Entscheidung?

Kötter: Ja, durchaus. Maria 2.0 ist von Anfang an eine diverse Bewegung. Da gab es schon ein paar sehr kritische Stimmen, die meine Ankündigung als ein Im-Stich-Lassen interpretiert haben. Ich glaube aber, ich habe meinen Schritt ganz gut erklären können. Diese Stimmen sind mittlerweile auch verklungen. Wir sind sehr eng verbunden mit Frauenverbänden, auch da gab es einige Gespräche. Aber ich habe das Gefühl, es ist inzwischen sehr gut verstanden worden, dass wir trotzdem in Kontakt bleiben, egal ob von innerhalb oder außerhalb der Kirche. Es geht uns allen um Veränderungen.

Frage: Es scheinen inzwischen vermehrt Leute aus der Kirche auszutreten, denen der katholische Glaube eigentlich wichtig ist, deren Vertrauen in die Institution allerdings tief erschüttert ist. Begrüßen Sie das?

Kötter: Für mich ist das eine ganz private Entscheidung, die jeder für sich allen treffen muss. Ich fände es deshalb auch völlig anmaßend, das in irgendeiner Weise zu kommentieren.

Frage: Haben Sie die Hoffnung, dass Austritte von gläubigen und kirchlich engagierten Menschen die Bischöfe eher zum Nachdenken oder Handeln bringt, als wenn Fernstehende austreten?

Kötter: Ich fürchte, dass es nicht so kommt. Man hört relativ wenig Betroffenheit von Seiten der höheren Hierarchieebenen in der Kirche. Trotz der Austritte steigen ja bislang die Steuereinnahmen. Die Kirchen, gerade in Deutschland, sind so unendlich reich, dass theoretisch auch noch ein "heiliger Rest" 1.000 Jahre lang seine Rituale weiterfeiern kann. Das Entscheidende ist: Wenn sich die Kirche ändert, dann ist sie nicht mehr römisch. Das, was viele Leute so unglaublich stört, ist das, was aus Rom als Antwort auf das synodale Bemühen in Deutschland kommt. Das muss Rom aber im Grund so machen, weil sie das römische System so schützen. Deswegen glaube ich nicht, dass sich etwas ändern wird. Letztendlich sind diejenigen, die der Hierarchie angehören, die Stabilisatoren des Systems.

Linktipp: Der Kirchenaustritt aus Gleichgültigkeit ist der gefährlichere

Im Vergleich zum Vorjahr sind 2020 weniger Menschen aus der Kirche ausgetreten. Einen Positivtrend erkennt Felix Neumann darin aber nicht. Denn: Alle Bemühungen um Aufarbeitung und Wiedergutmachung können allein über gegenwärtiges Vertrauen entscheiden. Die inhaltliche Zukunftsfrage bleibt offen

Frage: Sie waren an der Entstehung des Projekts "umsteuern!" beteiligt, das unter anderem Ausgetretene animieren will, dem neuen Verein die gesparte Kirchensteuer zu spenden, der damit beispielsweise Betroffene von sexueller Gewalt unterstützen will. Werden Sie das jetzt auch tun?

Kötter: Selbstverständlich. Wenn ich schon persönlich an der Gründung dieses Vereins beteiligt war, wäre es schräg, wenn ich das nicht tun würde.

Frage: Als Sie Ihren Austritt ankündigten, sagten Sie, dass Sie trotzdem weiterhin katholisch bleiben. Was heißt das konkret für Ihr Glaubensleben?

Kötter: Ich möchte im allerbesten Sinne katholisch sein. Katholisch bedeutet "allumfassend": Für mich heißt das, weiter gemeinsam mit anderen auf der Suche zu sein – und zwar auf Augenhöhe. Da kann es aber durchaus sein, dass man sich mal auf Holzwege begibt. Dann muss man umkehren und manchmal vielleicht durch das Unterholz laufen. Für mich wird sich in dem, was ich tun und lassen werde, nicht unbedingt viel ändern. Ich glaube, es ist für das Glaubensleben nicht so wichtig, ob die Leute sich von innerhalb oder außerhalb der Kirche auf die Suche machen. Das Entscheidende ist für mich, dass man versucht, auf dieser Spur zu bleiben, die Jesus gelegt hat.

Frage: Werden Sie auch weiterhin katholische Messen und Gottesdienste besuchen?

Kötter: Ich besuche katholische Gottesdienste, ich besuche auch Gottesdienste anderer Konfessionen – so, wie ich das schon immer gemacht habe.

Frage: Durch den Kirchenaustritt sind Sie eigentlich von den Sakramenten ausgeschlossen. Werden Sie dennoch weiterhin zur Kommunion gehen?

Kötter: Das entscheide ich von Mal zu Mal – wie vorher auch.

Von Matthias Altmann