Der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Februar 2014
Emeritierter Papst veröffentlicht Sammelband mit Texten zu Europa

Benedikt XVI.: "Ehe für alle" zeigt "Deformierung des Gewissens"

"Wer ist der Mensch?" Diese Frage stellt sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. angesichts der "Ehe für alle". Für den Papa emeritus ist die gleichgeschlechtliche Ehe Ausdruck einer "Deformierung des Gewissens".

Vatikanstadt/Rom - 17.09.2021

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (2005-2013) hat die Einführung der "Ehe für alle" in vielen europäischen Ländern als Ausdruck einer "Deformierung des Gewissens" bezeichnet. Diese sei auch tief in einige Teile des Kirchenvolkes eingedrungen, schreibt der Papa emeritus in einer Einleitung zu einem Sammelband mehrerer Texte aus seiner Feder, die am Donnerstag vorab in der italienischen Zeitung "Il Foglio" veröffentlicht wurde. Der Band in italienischer Sprache trägt den Titel "La vera Europa, identità e missione" ("Das wahre Europa. Identität und Mission") und widmet sich dem Thema Europa.

Mit der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe komme dem Thema Ehe und Familie zwar größere Bedeutung zu, so Benedikt weiter. Die "Ehe für alle" stehe jedoch "im Widerspruch zu allen bisher aufeinander folgenden Kulturen der Menschheit". Sie sei eine "Kulturrevolution", auch wenn sich die rechtliche und moralische Auffassung von Ehe und Familie in den unterschiedlichen Kulturen teilweise sehr unterscheiden würden. Die "ursprüngliche Gewissheit", dass die Gemeinschaft von Mann und Frau dazu diene, die Weitergabe des Lebens zu sichern, sei der Menschheit bis zur Einführung von wirksamen Medikamenten zur Empfängnisverhütung klar gewesen.

"Auf diese Weise alle Formen der Sexualität gleichgestellt"

Die mit der "Pille" begründete Trennung von Geschlechtsverkehr und Fruchtbarkeit bedeute, dass "auf diese Weise alle Formen der Sexualität gleichgestellt werden", kritisierte Benedikt. "Es gibt kein grundlegendes Kriterium mehr." Als Folge dieser Trennung werde Fortpflanzung ohne Sexualität gesellschaftsfähig und das menschliche Leben nicht mehr gezeugt, sondern "gemacht". Dass sich deshalb der Mensch als Schöpfer dieses Lebens begreife, erkläre die Debatten um ein selbst bestimmtes Lebensende. Für ihn, so Benedikt, ergebe sich daraus die Frage "Wer ist der Mensch?".

Während in der ökologischen Bewegung erkannt worden sei, dass in der Natur "Grenzen des Machbaren" existierten, die nicht ungestraft überschritten werden könnten, sei dies in Bezug auf die menschliche Natur noch nicht geschehen, klagte Benedikt. "Leider hat sich die 'Ökologie des Menschen' noch nicht verwirklicht." Die Natur des Menschen zu vergewaltigen und zu verleugnen führe zur Selbstzerstörung. Papst Franziskus verfasste ein Vorwort zum Sammelband mit den Texten von Benedikt, das bereits am Sonntag vorab in der Zeitung "Corriere della Sera" veröffentlicht wurde. Das Kirchenoberhaupt kritisierte darin, dass in Europa "immer mehr der Gedanke der Achtung vor jedem menschlichen Leben" schwinde. (rom)