"Finde seine Wortwahl absolut unpassend"

Bischof Bätzing kritisiert Kardinal Müller: "Abstruse Ansichten"

Aktualisiert am 21.12.2021  –  Lesedauer: 

Frankfurt ‐ "Da sind abstruse Ansichten dabei, die Spaltung befördern. Ich teile seine Auffassung nicht und finde seine Wortwahl absolut unpassend": Bischof Georg Bätzing kritisiert Kardinal Gerhard Ludwig Müller für dessen Aussagen zur Corona-Pandemie.

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Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Georg Bätzing, widerspricht Aussagen von Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Dieser hatte jüngst Corona-Schutzmaßnahmen kritisiert und erklärt, die Corona-Pandemie werde dazu genutzt, die Menschen "gleichzuschalten". Im Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Dienstag) sagte Bätzing, er gehe davon aus, dass Müller diese Aussage als Privatperson getätigt habe. "Und ich muss sagen, da sind abstruse Ansichten dabei, die Spaltung befördern. Ich teile seine Auffassung nicht und finde seine Wortwahl absolut unpassend. Das geht gar nicht", so der Limburger Bischof.

Müller (73) hatte in der vergangenen Woche Maßnahmen gegen die Pandemie kritisiert. Dabei benutzte er Formulierungen mit Anklängen an Verschwörungstheorien. Er sprach von Versuchen, die Menschen "gleichzuschalten" und einen "Überwachungsstaat" zu etablieren. Namentlich nannte er den Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, Microsoft-Gründer Bill Gates und den Investor George Soros. Auch verwies er auf Warnungen vor einem sogenannten Great Reset, also einem Verweis auf angebliche Eliten-Verschwörungen zum Sturz der Demokratie. Die Äußerungen sorgten für Kritik von Religionsvertretern und Politikern.

Bätzing betonte, er sehe derzeit keine Spaltung der Gesellschaft: "Es gibt eine Gruppe von Menschen, die nicht einverstanden ist mit den Corona-Einschränkungen, und die gehen dafür auf die Straße. Das sind auch mal Tausende, aber es sind gesamtgesellschaftlich nur sehr wenige. Die weit überwiegende Mehrheit ist bereit, zu helfen, und akzeptiert die Einschränkungen."

"Mit Verschwörungstheoretikern habe ich natürlich ein Problem"

Aufgabe der Kirche müsse es in dieser Situation sein, für gegenseitiges Verstehen zu werben. Es reiche nicht aus, Talkshowformate zu vermehren, wo Positionen aufeinanderprallten und sich Fronten verhärteten. Notwendig sei es, jene zu stärken, die mit den Corona-Maßnahmen einverstanden seien, "damit sie die anderen, die Zweifel oder Ängste haben, überzeugen können. Damit diese sich nicht in einer Blase verfestigen, die zum Teil aggressiv und gewalttätig wird. Das können wir nicht akzeptieren!", so der DBK-Vorsitzende.

Der Limburger Bischof begrüßte die Einführung einer einrichtungsbezogenen Impfpflicht. Diese sei sinnvoll, da es um die Sicherheit von besonders verletzlichen Gruppen gehe. Zurückhaltender äußerte er sich mit Blick auf eine generelle Impfpflicht; darüber müsse politisch entschieden werden. Für ihn sei Impfen "ganz klar eine moralische und solidarische Pflicht". Das Thema gehöre jedoch nicht auf die Ebene des Glaubens. "Wenn ich sagen würde, Gott fordert von uns, uns impfen zu lassen, dann führt das zu weit. Ich weiß ja, warum sich manche nicht impfen lassen. Es sind Menschen darunter, die Sorgen haben und beispielsweise sagen, sie kennen die Langzeitwirkungen der Impfungen nicht. Das kann ich nachvollziehen. Aber mit Verschwörungstheoretikern habe ich natürlich ein Problem."

Mit Blick auf den Lockdown im vergangenen Corona-Winter und Besuchsverboten auch in kirchlichen Pflegeheimen betonte Bätzing, dies gehe ihm bis heute nahe. "Wir haben aber gespürt, was Menschen fehlt, wenn sie keine Begleitung mehr haben, im Sterbeprozess oder der Trauerbegleitung. (...) Wir waren nicht dort, wo die Menschen uns erwartet haben, und das können wir nicht nachholen."

Kardinal Gerhard Ludwig Müller
Bild: ©KNA/Francesco Pistilli (Archivbild)

Kardinal Gerhard Ludwig Müller sorgte mit seinen Aussagen zur Corona-Pandemie für scharfe Kritik.

Weiter sieht Bätzing eine wachsende Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft. "Die Zahlen zur Kirchenzugehörigkeit und Bindung sind Alarmsignale. Gerade in Fragen von Sexualität, Partnerschaft, Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist die Kluft besonders groß", sagte er.

Dass mit Olaf Scholz (SPD) nun ein konfessionsloser Bundeskanzler im Amt ist, nannte Bätzing einen "Spiegel der gesellschaftlichen Realität". Trotzdem werde man sicher mit ihm eine Vertrauensebene finden. Dies sei auch deshalb wichtig, weil für die Kirche wichtige Richtungsentscheidungen etwa in Fragen des Lebensschutzes anstünden. "Da werden wir uns vernehmbar einbringen", so der DBK-Vorsitzende. Vielleicht brauche es mit Scholz mehr Dialog und einen längeren Anlauf, aber der Bundeskanzler sei guten Argumenten aufgeschlossen, christlich geprägt und werteorientiert.

Mit Blick auf den Reformprozess des Synodalen Wegs der katholischen Kirche in Deutschland betonte Bätzing, er habe "Hoffnung auf Veränderung", unter anderem aufgrund des Drucks durch die infrage gestellte Glaubwürdigkeit der Kirche. Bei der Aufarbeitung der Missbrauchskrise hätten die Verantwortlichen der Kirche Fehler gemacht. "Da schließe ich mich auch sehr bewusst ein. Der entscheidende Fehler war, den Betroffenen viel zu lange nicht zugehört zu haben. Das ist der Lernprozess der vergangenen 20 Jahre." Jetzt stelle man sich der Aufarbeitung, "weil wir es den Betroffenen schuldig sind und weil das Thema die Hochverbundenen in der Mitte der Kirche beinahe zerreißt."

Blick aus Rom auf Deutschland immer besonders kritisch

Angesprochen auf wenig ermutigende Signale aus Rom zum Synodalen Weg, erklärte Bätzing, "der Blick aus Rom auf Deutschland als Land der Reformation ist immer besonders kritisch. Das ist für das Vorhaben des Synodalen Weges nicht leicht. Wir brauchen sehr viel Kommunikation. Wir wollen Kirche starkmachen und nicht schwächer werden lassen."

Die katholische Kirche in Deutschland werde kleiner und müsse sich deswegen auch neuen Milieus öffnen. "Wir sind kein prägendes Milieu mehr, deshalb müssen wir aufbrechen und Partner suchen, mit denen wir gleiche Werte teilen. Das können zum Beispiel Jungunternehmer sein, die eine Initiative für geflüchtete Frauen gründen und mit ihnen ein Modelabel aufbauen", so der Limburger Bischof.

Es sei die Aufgabe der Kirche und der Bischöfe in der heutigen Zeit, "vieles hinter sich zu lassen", etwa Statusfragen. "Was stellte man sich früher Großes unter dem Bischof vor – nicht zuletzt in Limburg ist diese Vorstellung enttäuscht worden", sagte Bätzing. "Wir müssen Dinge aufgeben, und es wird nicht zum Schaden der Kirche sein. Es ist nur eine Erleichterung des Marschgepäcks." (tmg/KNA)