Schwester Christine Klimann über das Sonntagsevangelium

Gott, was denkst du dir eigentlich?

Aktualisiert am 26.03.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Rom ‐ Die Ereignisse der letzten Wochen haben Schwester Christine Klimann tief aufgewühlt. Wie kann es sein, dass so wenige Menschen so viele ins Unglück stürzen können? Im Sonntagsevangelium trifft sie auf einen so barmherzigen wie geheimnisvollen Gott, der sich auch ihren wütenden Fragen stellt.

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Impuls von Schwester Christine Klimann

Der Krieg in der Ukraine ist ein Erdbeben. Ein äußeres Erdbeben, das unendliches Leid anrichtet, ungeahnte Auswirkungen hat und Millionen Menschen in die Flucht schlägt. Aber auch ein inneres Erdbeben, das Selbstverständlichkeiten erschüttert und keinen Stein auf dem anderen lässt. Im 17. Jahrhundert hat der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz zu argumentieren versucht, dass Gott die beste aller möglichen Welten erschaffen hat, einen Gedanken, dem ich in ruhigeren Zeiten – vielleicht auf etwas träge Art und Weise – ganz gut folgen konnte. Ein wenig schäme ich mich dafür, denn es ist nicht so, dass es die Dramen nicht gegeben hätte, sie waren bloß weiter weg. Heute, ohnehin schon geschüttelt von der Corona-Pandemie, kann ich diese Frage aber nicht mehr wegdrängen: Wie kann es sein, dass so wenige Menschen so viele ins Unglück stürzen können? Was ist das für eine Welt? Gott, was denkst du dir eigentlich?

Das heutige Evangelium passt darauf erstmal wie die Faust aufs Auge: Die Menschen – und mit meinem Appell-Ohr höre ich: ich – also wir müssen uns bekehren, um zum Vater zurückzukehren, von dem wir uns entfernt haben. Heißt das, dass wir Bußwallfahrten organisieren sollen? Es ist frustrierend, denn diejenigen, die das meiner Meinung nach nötig hätten, tun es ja doch nicht. Oder ist es doch so, dass der Vater vielleicht zornig ist, weil wir uns nicht bekehren und deswegen seine Pfeile auf die Erde schickt? An dieser Stelle schrecke ich auf und nehme doch wieder das Evangelium zur Hand.

Der Vater in diesem Evangelium bleibt unbegreiflich. Er liebt seine Söhne, das ist eindeutig. Aber er scheint kein besonderes Glück mit ihnen zu haben. Der eine verlangt, was ihm zusteht, und geht weg, vermutlich sehr weit weg – innerlich wie äußerlich. Der andere, der physisch in seiner Nähe bleibt, scheint aber relativ wenig vom Vater verstanden zu haben. So hat die Geschichte nicht wirklich ein Happy End: Der jüngere Sohn kommt zwar zurück, aber der ältere schließt sich selbst aus. Ist das die beste aller möglichen Welten? Sicherlich nicht. Aber vermutlich ist es die Welt, in der Gott mit uns Beziehung leben will. Unser unbegreifliche Gott, der uns tatsächlich die Freiheit lässt. Der mir die Freiheit lässt, in dieser neuen Situation zu fragen, zu suchen, zu klagen, zornig zu werden, zu weinen, Übelkeit zu spüren, Friedensfahnen zu hissen, an nächtlichen Wallfahrten und Demonstrationen teilzunehmen, enttäuscht zu sein und doch seine Nähe zu suchen. Ein Gott, der mir Raum lässt. Und der doch da ist, wartet, ohne Zorn und mit weit geöffneten Armen – auf mich und auf jeden Menschen.

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 15,1–3.11–32)

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.

Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.

Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen;
aber niemand gab ihm davon.

Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen
und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater.

Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.

Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.

Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.

Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Die Autorin

Schwester Christine Klimann gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist Pastoralreferentin und studiert in Rom Psychologie.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.