"Sie müssen merken, dass es uns um sie geht"

Jugendbischof Wübbe: Kirche muss die Sprache der Jugendlichen sprechen

Aktualisiert am 12.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn/Osnabrück ‐ Corona hat die Lage weiter erschwert: Kirchliche Jugendarbeit erreicht immer weniger junge Menschen. Im katholisch.de-Interview spricht DBK-Jugendbischof Johannes Wübbe über Ansätze, dem entgegenzusteuern. Dazu gehöre, sich von den Jugendlichen ihre Lebenswelt erklären zu lassen.

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In der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist er für das Thema Jugend zuständig: der Osnabrücker Weihbischof Johannes Wübbe. Gerade im Bereich der katholischen Jugendarbeit stellen sich aktuell viele Fragen: Wie geht es nach Corona weiter? Wie schafft sie es, trotz vieler Krisenherde in der Kirche junge Menschen zu erreichen? Und wie kann die Kirche sie auf ihrem Weg in die Zukunft mitnehmen? Weihbischof Wübbe gibt im Interview seine Einschätzung zu diesen Themen – und sagt, wie er mit den Forderungen nach Reformen in der Kirche aus den Reihen des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) umgeht.

Frage: Herr Weihbischof, Sie sind seit rund einem halben Jahr Vorsitzender der DBK-Jugendkommission. Was von dem, was Sie sich vorgenommen haben, konnten Sie schon auf den Weg bringen?

Wübbe: Zunächst einmal habe ich mir vorgenommen, mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen. Da bin ich dran, auch wenn das in Corona-Zeiten sicherlich nicht ganz einfach ist. Wir haben neue Beraterinnen und Berater in der Jugendkommission. Bei den digitalen Treffen bleibt das Kennenlernen leider etwas auf der Strecke. Gleichzeitig werde ich auch immer wieder eingeladen, die neuen Leitlinien der Jugendpastoral, die im Herbst veröffentlicht worden sind, vorzustellen.

Frage: Sie haben das Thema Corona angesprochen: Wie nehmen Sie vor diesem Hintergrund aktuell die katholische Jugendarbeit in Deutschland wahr?

Wübbe: Die große Frage ist natürlich, wie es nach Corona weitergehen kann. Ich habe großen Respekt davor, was von vielen Akteurinnen und Akteuren in der Jugendpastoral während der Pandemie auf die Beine gestellt wurde. Jetzt ist die große Hoffnung, dass viele Angebote bald wieder ohne größere Einschränkungen in Präsenz stattfinden können.

Frage: Corona hat vieles in der Jugendarbeit verkompliziert, viele Angebote mussten ausfallen. In dieser Zeit sind viele Jugendliche für die Jugendarbeit verloren gegangen, haben den Kontakt zu den Verbänden verloren. Wie kann man die wieder ins Boot holen?

Wübbe: Das ist natürlich eine große Herausforderung. Die Verbände sind sich dessen bewusst. Gerade auf Ortsebene wissen sie, dass es neue, kreative Veranstaltungsformate braucht. Dafür müssen sie den Jugendlichen hinterhergehen, sie persönlich einladen. Was man auch nicht vergessen darf: Eine ganze Reihe von Kindern und Jugendlichen hat besonders unter der Pandemie-Situation gelitten. Da muss man sich die Frage stellen, wie auch das einen Raum bekommen kann. Ich hoffe, dass man durch Veranstaltungen in Präsenz wieder ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln kann, das dabei hilft, optimistisch nach vorne zu schauen.

Das Sommerlager der KjG Laubenheim von oben
Bild: ©KjG Mainz-Laubenheim (Archivbild)

Ein Zeltlager auf Abstand: Viele Jugendverbände, wie hier die KjG Laubenheim, haben sich trotz Corona einiges einfallen lassen.

Frage: Wenn wir Corona beiseitelassen: Wie schätzen Sie die Situation in der kirchlichen Jugendarbeit im Allgemeinen ein? Die Kirche steckt in großen Transformationsprozessen und erreicht generell immer weniger Leute.

Wübbe: Wenn ich beispielsweise im Bistum Osnabrück bei einer Visitation bin, nehme ich wahr, dass vor Ort in der Pfarrei die Jugendarbeit meist noch funktioniert. Da gibt es nach wie vor eine große Identifikation. Aber natürlich gehen die vielen Krisen in der Kirche nicht spurlos an der Jugendarbeit vorbei. Es gibt viele Jugendliche, die sagen, dass sie da nicht mehr mitgehen können. Gleichzeitig gibt es andere, die sagen: Ich erlebe Kirche in meinem Jugendverband, in meiner Gruppenleiterrunde anders, deshalb bleibe ich dabei.

Frage: Erreicht die Kirche die Lebenswelt eines "durchschnittlichen "Jugendlichen überhaupt noch?

Wübbe: Auch das ist eine große Herausforderung. Es wird uns manchmal vorgeworfen, dass wir als Kirche zu weit von der Lebenswelt der jungen Menschen entfernt sind. Da stellt sich für mich die Frage, wer "die" Kirche ist. Deshalb setze ich sehr auf personale Kompetenz in der Jugendarbeit: Wir brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit den Jugendlichen in Kontakt sind. Auch meine Aufgabe als Jugendbischof ist es, so gut ich kann auf die Jugendlichen zuzugehen, beispielsweise auf Diözesan- oder Bundesversammlungen. Ich weiß auch nicht alles. Ich möchte mir von den Jugendlichen sagen lassen, was wir tun können, damit wir miteinander Kirche gestalten können.

Frage: Das ganze findet ja immer noch im "inner circle" der Kirche statt. Kann man den überhaupt noch durchbrechen?

Wübbe: Das glaube ich schon. Ob ich als Bischof dann immer der richtige Ansprechpartner dafür bin, ist nochmal eine andere Frage. Aber ich vertraue darauf, dass Leute, die eine gute Idee haben und sie umsetzen – wir haben ja auch die Stichworte offene Jugendarbeit und offene Jugendsozialarbeit –, Jugendliche erreichen und durch ihre Arbeit eine gute Visitenkarte von Kirche abgeben. Unsere neuen Leitlinien zeigen: Unser Ziel muss es sein, dass die Jugendlichen merken, es geht uns um sie. Wir möchten ihnen dabei helfen, dass sie einen Weg finden, der ihnen guttut – und hoffentlich auch einen Weg, bei dem sie ihren Platz finden in der Kirche.

Frage: Damit die Kirche dabei auch glaubwürdig rüberkommt: Was braucht es in der Kirche, um wieder attraktiver zu werden für Jugendliche?

Wübbe: Zuhören, die Sprache der Jugendlichen sprechen. Damit meine ich aber nicht ein falsch verstandenes "Ich weiß schon, wie es euch geht, es ist alles cool". Sie müssen merken, dass wir ihnen als Kirche ehrlich gegenübertreten, dass wir uns ihre Lebenswelt von ihnen erklären lassen, damit es ein wirkliches Gespräch auf Augenhöhe geben kann.

Frage: Können die Beschlüsse des Synodalen Wegs, so wie sie sich aktuell zumindest in den großen Linien abzeichnen, die Attraktivität von Kirche für Jugendliche stärken?

Wübbe: Ich bin sehr überzeugt, dass die Jugendlichen im Anschluss genau darauf achten werden, was beschlossen wurde und wie das umgesetzt wird. Ich nehme bei den Jugendlichen in den Verbänden ein großes Interesse am Synodalen Weg wahr. Sie bringen sich positiv-kritisch ein – genau das brauchen wir. Wir müssen beim Synodalen Weg zu Beschlüssen kommen, die eine Zukunftsfähigkeit der Kirche garantieren, und die vor allem die Sorgen, die Verletzungen und die Nöte der Menschen, auch der jungen Menschen, im Blick haben. So können wir ihnen helfen, wieder Zutrauen in die Kirche zu finden, damit sie sagen können: Die Kirche hilft mir, sie tut mir gut. Aber Papiere sind das eine. Sie müssen auch mit Leben gefüllt werden.

„Wir müssen beim Synodalen Weg zu Beschlüssen kommen, die eine Zukunftsfähigkeit der Kirche garantieren, und die vor allem die Sorgen, die Verletzungen und die Nöte der Menschen, auch der jungen Menschen, im Blick haben.“

—  Zitat: Weihbischof Johannes Wübbe

Frage: Für Sie als Jugendbischof ist der BDKJ der Hauptansprechpartner. Aus dessen Reihen gibt es beim Synodalen Weg teilweise ziemlich radikale Reformforderungen. Inwiefern müssen Sie da ein wenig bremsen?

Wübbe: Ich würde da nicht von bremsen sprechen. Ich war selbst BDKJ-Präses. Auch hier gilt zuallererst: Ich möchte ihre Sichtweise verstehen und dann zusammen mit ihnen schauen, ob und wie wir miteinander Vorstellungen realisieren können; und es gibt eben auch radikale Reformforderungen, die nicht nur allein vom BDKJ vertreten werden.  

Frage: Es gibt ja manchmal den Vorwurf an die im BDKJ organisierten Jugendverbände, dass sie keinen Fokus auf Evangelisierung legten, dass zum Teil auch Positionen vertreten würden, die nicht katholisch seien. Wie stehen Sie dazu?

Wübbe: Ich halte wenig von solchen Verallgemeinerungen. Es muss insgesamt eine Sorge der Kirche sein – ich komme nochmal auf die neuen Leitlinien zurück –, wie es gelingen kann, dass der Glaube jungen Menschen hilft, sie selbst zu werden. Wir haben als Institution eine Verantwortung, Personen zu qualifizieren, die die jungen Leute darin begleiten. In den Leitlinien der Jugendpastoral werden passenderweise die Worte Jesu an einen Kranken zitiert: "Was soll ich dir tun?" Wenn man diese Einstellung beherzigt, werden die jungen Menschen frei entscheiden, wie nah die Beziehung zu Jesus Christus wird. Glaube ereignet sich nicht dadurch, dass man den Katechismus auswendig kann. Man muss von diesem Jesus berührt werden.

Frage: Der BDKJ hat sich kürzlich für die Streichung von Paragraf 219a ausgesprochen. Sie haben dieser Forderung bereits widersprochen. Werden Sie in dieser Sache nochmal das persönliche Gespräch mit dem BDKJ suchen?

Wübbe: Wie ich ja schon gesagt habe, freue ich mich auf das Gespräch und den Austausch mit dem BDKJ, auch zu diesem Thema. Ich nehme die differenzierte Auseinandersetzung des BDKJ mit den vielfältigen Fragen, die mit der Abschaffung des Paragrafen 219a verbunden sind, wahr. Das Ringen um das Frauenbild und eine klare Abgrenzung der Thematik von Diskussionen um Paragraf 218, der den Schwangerschaftsabbruch regelt, sind wichtig. Doch ich sehe die Abschaffung von Paragraf 219a mit großer Sorge. Und diese Sorge habe ja nicht nur ich allein. Bleibt bei der Streichung dieses Paragrafen der Schutz des ungeborenen Lebens, um den es prioritär doch gehen muss, gewährleistet?

Frage: Im Blick auf die aktuellen Strukturdebatten in der Kirche: Was kann die Kirche dabei von den Jugendverbänden lernen?

Wübbe: Auf jeden Fall mehr Demokratie und Beteiligung. Natürlich ist die Kirche an sich keine demokratische Institution. Aber wir haben durchaus die Möglichkeit, zu lernen, auf Augenhöhe miteinander umzugehen und miteinander den Weg in die Zukunft zu suchen. Da haben wir sicher noch Luft nach oben, auch wenn es bereits an vielen Stellen geschieht. Man muss dann aber auch ernst nehmen, was die Menschen uns sagen. Sie sind getauft, gefirmt, und dadurch vollständige Mitglieder des Volkes Gottes. Von daher sind wir gut beraten, auf sie zu hören und mit ihnen die Kirche der Zukunft zu entwickeln.

Von Matthias Altmann