Österliche Gedanken in apokalyptischen Zeiten

Warum die Auferstehung auch heute noch relevant ist

Aktualisiert am 18.04.2022  –  Lesedauer: 

Salzburg ‐ Auferstehung ist ein großes Wort, das vielen Menschen rätselhaft bleibt. Was bedeutet die Auferstehung 2022? Der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff erkundet in seinem Gastbeitrag die heutige Kraft der Botschaft der Auferstehung.

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Es sind mehr als Krisen. Es handelt sich um Ereignisse von apokalyptischen Ausmaßen. Seit mehr als zwei Jahren kreisen die Wellen der Corona-Pandemie unsere Welt ein. Mehr als sechs Millionen Tote hat sie bislang gefordert. Die Anpassungsfähigkeit des Virus verlangt der Menschheit ab, sich auf ein Leben mit ständiger Infektionsgefahr einzustellen. Die ökonomischen, die sozialen Folgen des globalen Krisenmanagements lassen sich noch kaum abschätzen, während sie der Krieg in der Ukraine auf ungeahnte Weise verschärft. Der Westen rüstet militärisch mit Etats nach, die den Schuldendruck auf die öffentlichen Haushalte für Jahre erhöhen. Mit den notwendigen Gegenfinanzierungen der pandemischen Lockdowns verrechnet, wird die Zukunft der nächsten Generationen massiv belastet.

Diese Zukunft steht heute in einer Radikalität in Frage, die nach dem Ende des Kalten Krieges schier unvorstellbar schien. Unverhohlen droht der russische Präsident Wladimir Putin mit einem Einsatz von Atomwaffen, für den es kein Zurück mehr gäbe: die Kettenreaktionen nach einem Erstschlag stellen ein Ende der Menschheit in Aussicht, jedenfalls wie wir sie kennen. Mit der sich vollziehenden Klimakatastrophe steht sie längst auf dem Spiel. Am Nordpol wurden im März 2022 Rekordtemperaturen gemessen: kaum mehr als eine weitere Nachricht, die sich in das Ensemble verheerender Folgen der Erderwärmung einfügt.

Ein Leben in der Katastrophe lässt sich erregungspolitisch nicht abdämmen. Was jedem Menschen bevorsteht; was als persönliches Schicksal bedrängt, wird mit Bildern eines Weltuntergangs akut. Denn es sterben hier nicht nur einzelne Menschen, sondern das kosmische Gefüge löst sich auf, in dem jedes Lebensprojekt auf seine Sinnkonten einzahlt. Die realen Apokalypsen der Gegenwart offenbaren, was Leben im Zeichen des Todes bedeutet: Die Übermacht des Todes kassiert alles. Wenn dies mit dem Ende der Menschheit als einem evolutionären Versuch zu einer realistischen Option wird, verlieren alle Sinnversprechen ihren Haftpunkt. Und die Weitergabe von Leben verkehrt sich in ihr Gegenteil.

Die Übermacht des Todes kassiert alles

Die Umkehrung jener schöpferischen Macht, die religiöse Traditionen als den Anfang von allem zur Geltung bringen, erweist sich in der Durchschlagskraft negativer Kreativität: in der Fähigkeit des Menschen, sich und seine gesamte Welt zu vernichten. Seit den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki weiß die Menschheit darum. Sie vollzieht es im Artensterben, im Ressourcenkonsum, in einer ökologischen Verschuldung, die nicht mehr zu stoppen ist. Die Menschheit muss nicht mit, sondern in der Katastrophe, wörtlich: der Umwendung der Schöpfungsverhältnisse von Leben in Tod leben.

Porträtfoto von Gregor Maria Hoff
Bild: ©Harald Oppitz/KNA

Gregor Maria Hoff ist Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Paris-Lodron-Universität Salzburg.

Diese Erfahrung ist mit Angstbildern im kulturellen Gedächtnis der Menschheit fest verankert. Die Schöpfungsnarrative, die im kanonischen Aufbau der Bibel den Ausgangspunkt der Rede von Gott wie vom Menschen bilden, sind mit Erfahrungen der Vernichtung von Leben koaliert. Die paradiesische Situation des Anfangs dient als Spiegel einer Lebenswirklichkeit, in der Tod zum Alltag gehört: mit dem Brudermord als Fanal, mit der Bewirtschaftung einer Welt, in der es darum geht, das Überleben zu sichern; mit den in den biblischen Texten nachvollziehbaren Folgen der agrarischen Revolution und der Urbanisierung; mit Konflikten und Kriegen. Das apokalyptische Skript des Buches Genesis läuft auf eine totale Vernichtung zu, vor deren Hintergrund zu fragen ist, wie sich die Verfasser einbilden konnten, das als Schöpfung beschriebene Szenario eines Anfangs von allem sei als gut zu qualifizieren.

Aber genau das behauptet die Schöpfungsgeschichte Gen 1,1-2,3 nicht nur; sie führt diesen Gedanken durch. Indem sie einen Anfang setzt, macht sie auf die Möglichkeit und eben auch Notwendigkeit aufmerksam, dass der Mensch in einer Welt lebt, in der er den Unterschied von Sein und Nichtsein, von Leben und Tod sinnbezogen wahrnehmen kann – und muss. Im Licht der ersten Unterscheidung, über die der Mensch nicht verfügt, die vielmehr mit jener schöpferischen Lebensmacht verbunden wird, die im und als Anfang schuf, tritt dem Menschen eine Wirklichkeit entgegen, die sich noch in Prozessen der Vernichtung von Leben und möglicherweise auch dieser Welt als Anfang erweist. Die Erfahrung dieser Kreativität ist umfassend. Wenn davon die Rede ist, dass gut sei, was geschaffen ist, geht es genau darum: um die Möglichkeit sinnbestimmter Wahrnehmung dieser Welt. Erfahrungen mit gelungenem Leben stellt der Tod in Frage. Aber er nimmt sie nicht zurück. Der Tod wird deshalb von den religiösen Ursprungsgeschichten des Buches Genesis als Aspekt einer schöpferischen Dynamik begriffen. Alles wird auf Gott bezogen und im Zeichen seiner unbegrenzten schöpferischen Lebensmacht gedeutet.

Sinnbestimmte Wahrnehmung der Welt

Der Philosoph Thomas Nagel hat in Auseinandersetzung mit einem weltbildförmigen Naturalismus darauf hingewiesen, dass jeder Versuch, die Welt zu deuten und nicht zuletzt Wissenschaft zu betreiben, einen inneren Zusammenhang von "Geist und Kosmos" beansprucht. Michel Serres hat dies entlang des Wunders mathematischer Weltbeschreibung durchbuchstabiert. Unverdächtige, weil nicht religiöse Stimmen. Sie weisen auf die Erfahrung einer sinnbezogenen Welt, einer Welt mit Ordnungsmustern noch im Moment entropischer Auflösung hin. Das stellt nicht bloße Theorie, sondern eben eine Erfahrung dar, die sich selbst bei jemand wie Friedrich Nietzsche durchsetzt: Noch die Wahrheit eines radikalen Nihilismus will als Wahrheit gesagt, adressiert, behauptet und argumentiert sein. Dass wir dem Sinn nicht entkommen, indem wir kommunizieren, sagt nichts darüber aus, ob es einen "Sinn des Sinns" (Volker Gerhardt) gibt, der jenseits aller kalkulierbaren Vernichtung dieser Welt trägt. Wohl aber haftet daran die Einsicht, dass es nachvollziehbare Muster sinnbezogener Ordnung in einer Welt gibt, auch wenn sie auf Vernichtung geeicht scheint.

Die Statue des Heiligen Paulus auf dem Petersplatz im Vatikan.
Bild: ©User:AngMoKio/Creative Commons

Der Heilige Paulus gehörte zu den ersten Missionaren des Christentums.

Diese Erfahrung bringt auch jener Autor ins Spiel, von dem die erste Notiz vorliegt, in der mit autobiographischem Vermerk von einer Auferweckung von den Toten die Rede ist. In einer Welt, die von der imperialen Macht Roms bestimmt wird und die, vertreten durch den Jerusalemer Statthalter Pontius Pilatus, Jesus von Nazareth hinrichten ließ, behauptet Paulus von Tarsus, dass der Gekreuzigte am dritten Tag auferweckt worden sei (1 Kor 15,4). Mehr noch: dass er nicht nur dem Kreis seiner Anhänger erschienen sei, sondern auch ihm selbst (V. 8). Paulus weiß darum, dass eine solche Behauptung mehr als Irritationen hervorruft. Es ist nichts weniger als eine "Torheit"(1 Kor 1,18. 23) für jemand, der – wie die Griechen – philosophisch valide Erkenntnis sucht ("Weisheit": V. 22). Auf Zuruf der Erstzeuginnen und Erstzeugen allein dürfte auch Paulus kaum zu einer Überzeugung gefunden haben, die aus einem Verfolger der "Kirche Gottes" einen glühenden Anhänger machte (V. 8-11). Zwei grundlegende Einsichten bestimmen den Theologen Paulus: der Glaube an Gottes schöpferische Lebensmacht (Röm 1,20) und an die Thora, an das Gesetz, das die Ordnung, den guten Sinn der Schöpfung Gottes zur Geltung bringt. Aber muss sie nicht scheitern, wenn der Tod das letzte Wort hat und der Mensch in seinem Versuch, das Gute zu tun, immer wieder in den Selbstwiderspruch seiner Existenz geführt wird? "Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde. Ich stoße also auf das Gesetz, dass in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute tun will." (Röm 7, 21) Die entscheidende Frage des Paulus lautet, wie sich dieser Widerspruch auflösen lässt. "Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?" (V. 24)

Eine umstürzende Erkenntnis

Wie Paulus zur Einsicht findet, dass Gott den gekreuzigten Nazarener von den Toten auferweckt hat, lässt sich nur mit seinen eigenen Worten als eine Konfrontation fassen. Sie tritt in ihm als eine Überzeugung auf, die den Charakter einer umstürzenden Erkenntnis besitzt. Paulus bezieht das Problem, an dem er laboriert, auf seinen Glauben an die schöpferische Lebensmacht Gottes. Sie ist der Anfang von allem. Ihr ist nichts vorgeordnet. Sie erweist sich aber erst dann als unbegrenzt, wenn ihr auch der Tod, also die Macht der Vernichtung allen Lebens und von allem, nur zugeordnet ist. Diese Einsicht erlaubt es Paulus, am Kreuz vom Leben zu sprechen. Für die Menschen, die mit Jesus gelebt haben, sind das Leben Jesu und die Botschaft vom Reich Gottes der Ort, an dem sich die schöpferische Lebensmacht Gottes im Menschen als unbegrenzt erweist. Das bedeutet konkret: die Einschließung von Menschen in dieses Reich, die vom Leben ausgeschlossen, die von sozialem Tod bedroht sind, die leiden.

Eine solche Erfahrung setzt angesichts der realen Apokalypsen der Geschichte auf einen Sinn, der sich deshalb nicht aus der Welt bringen lässt, weil sich in ihr selbst eine schöpferische Wirklichkeit manifestiert: Welt deuten, Sinn erfahren, Liebe leben und Leben auch angesichts des Todes bejahen zu können. Das ist wie bei Paulus immer auf Hoffnung hin gesagt. Aber ist die Möglichkeit des Menschen, in einer vom Tod umstellten Welt hoffen zu können, nicht selbst bereits Aspekt von Auferstehung? Jenseits der bedrängenden Apokalypsen unserer Zeit ist solche Hoffnung freilich nicht zu erreichen. Die Fähigkeit des Menschen, mehr als zu überleben, entscheidet sich an dieser Frage. Paulus gibt darauf die radikalste Antwort, die sich denken lässt – gerade heute.schu

Von Gregor Maria Hoff