Briefunterzeichner nicht "die" Stimme der afrikanischen Kirche

Bingener: In Afrika gibt es die gleichen Fragen wie beim Synodalen Weg

Aktualisiert am 20.04.2022  –  Lesedauer: 

Aachen ‐ Mehr als 70 Bischöfe, darunter viele Afrikaner, kritisieren den Synodalen Weg. Das sei aber nicht "die" Stimme der Kirche in Afrika, sagt missio-Präsident Dirk Bingener im katholisch.de-Interview. Vielmehr stellten sich auf beiden Kontinenten ähnliche grundsätzliche Fragen.

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Über 70 Bischöfe haben in einem offenen Brief den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland kritisiert – darunter bemerkenswert viele aus Afrika. Wie wird Kirche dort gelebt und wie ist die Äußerung der afrikanischen Amtsträger zu verstehen? Im Interview spricht missio-Präsident Dirk Bingener über eine vielschichtige Kirche auf dem afrikanischen Kontinent und über gleiche Fragen, über die gemeinsam gesprochen werden müsse.

Frage: Herr Bingener, wie ist Kirchesein in Afrika anders als in Europa?

Bingener: Genauso wie es nicht "die" Kirche in Europa gibt, gibt es auch nicht "die" Kirche in Afrika. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Religiosität im Alltag und der Öffentlichkeit eine größere Rolle spielt als bei uns. Religiöse Fragen werden dort zum Teil sehr emotional diskutiert – das kann dann auch zu Konflikten führen oder als Vorwand für politische Konflikte instrumentalisiert werden. Deswegen ist die Kirche in vielen afrikanischen Ländern bei Grundsatzfragen oder Themen der religiösen Lehre eher vorsichtig. Man weiß, welche Bedeutung diese Fragestellungen in den Gesellschaften haben.

Weiterhin lässt sich beobachten, dass es in der Kirche in Afrika ein großes Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl gibt. Das hängt auch mit den Herausforderungen zusammen, mit denen die Kirche dort konfrontiert ist.

Frage: Unter welchen Zwängen steht die Kirche denn?

Bingener: Die Kirche wächst und ist gesellschaftliche sehr angesehen. Doch auch freikirchliche und charismatische Gruppen bekommen immer mehr Zulauf – das beeinflusst die katholische Kirche natürlich. Dazu kommen die Fragen der Globalisierung, des Klimawandels, der Urbanisierung und Landflucht, wodurch Familienstrukturen und Wertesysteme ins Wanken geraten. Wie kann die Kirche den Menschen Halt geben und nicht im Alten verharren, sondern den Weg im Geiste des Evangeliums mitgehen? Das steht vielerorts im Fokus. Dazu kommen zum Teil existenzielle Probleme der Menschen, wenn es um Hunger und Armut geht. Die Pastoral muss darauf eingehen, ebenso wie sie sich auch mit interreligiösem Dialog sowie der Friedens- und Versöhnungsarbeit auseinandersetzen muss. Wer in einer solchen Realität lebt, kann die Diskussionen in Deutschland also durchaus als akademisch und lebensfern wahrnehmen – auch wenn ich diese Auffassung nicht teile.

Frage: Im Brief der Bischöfe wird unter anderem mit Blick auf Fragen der Sexualität argumentiert sowie mangelnder Freude am Evangelium.

Bingener: Ich nehme es so wahr, dass im Brief viel mit Stereotypen im Hinblick auf den Synodalen Weg gearbeitet wird: Als ob es in den Beratungen lediglich um die angebliche Genderideologie oder Machtfragen einer Funktionärskirche gegangen sei und grundsätzlich weder das Volk Gottes noch die Freude am Evangelium in den hiesigen Prozessen eine Rolle spielen würden.

Dann hilft es aber auch zu schauen, wer den Brief alles nicht unterschrieben hat. Viele unserer Partner haben sich dem Text eben nicht angeschlossen – und hätten vor einer Unterschrift sicher Kontakt mit uns gesucht, um unsere Einschätzung anzuhören. Klar ist, dass es auch unabhängig von diesem Brief einen Dialog mit den Kirchen in den afrikanischen Ländern braucht. Es stellt sich die Frage, ob es anstatt solcher Briefe nicht mehr Formate zum Austausch zwischen den Christinnen und Christen weltweit braucht, auch im Hinblick auf die kommende Bischofssynode zur Synodalität. Wir müssen uns in Deutschland die Frage stellen, wie wir vermitteln, was im Synodalen Weg passiert – und dann stärker in den Dialog kommen. Da haben wir sicher zu wenig erklärt, was in der Rezeption oft zu unzutreffenden Vereinfachungen geführt hat. Wir müssen weg von den Stereotypen, die beide Seiten voneinander haben, und einen gemeinsamen Blick auf die Sachfragen und Herausforderungen werfen. Dazu ist dann die Erfahrung und Expertise aller gefragt, hier wie anderswo. Was also ist die Einschätzung der Kirche in afrikanischen Ländern zu den systemischen Ursachen des Missbrauchs?

Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Dirk Bingener ist Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerks missio Aachen.

Frage: Hat die Befremdung in afrikanischen Ländern auch mit der exponierten Rolle der Laien im Synodalen Weg zu tun?

Bingener: Die Kirche in vielen afrikanischen Ländern lebt gerade vom Engagement der Laien, weil es nicht so viel hauptamtliches pastorales Personal wie hierzulande gibt. Die kleinen christlichen Gemeinschaften dort leben von einer starken Laienbewegung, die sich durchaus auch zu Wort meldet. Es wäre also völlig falsch, die Äußerung dieser Bischöfe als "die" Stimme der Kirche Afrikas wahrzunehmen. Dort stellen sich die gleichen Fragen wie bei uns – gerade wenn es um die systemischen Ursachen für Missbrauch geht.

Frage: Werden in Afrika andere Antworten auf diese Fragen gefunden?

Bingener: Diese Fragen sind in vielen Ländern noch stark tabuisiert. Zudem sind Abhängigkeiten innerhalb der Kirche oftmals viel stärker ausgeprägt als hier. Wenn wir mit Ordensfrauen zum Thema Machtmissbrauch reden, sind viele vorsichtig mit öffentlichen Äußerungen. Auch die Priester sind in einer viel größeren Abhängigkeit zu ihrem Bischof als ihre Amtsbrüder hier in Europa. Dadurch fällt es schwerer, Machtfragen zu thematisieren. Es sei denn, es wird durch Bischöfe oder Ordensobere gewollt und gefördert.

Frage: Die Gesellschaften in Europa sind im Gegensatz zu denen vieler afrikanischer Länder sehr säkular. Wie kann da ein Dialog auf Augenhöhe aussehen?

Bingener: Wir führen in unserer Initiative "Strong by missio" beispielsweise junge Leute aus Nigeria, Kenia und Deutschland zusammen. Der Dialog funktioniert da zunächst über Lebensfragen: Wie das Studium in beiden Ländern abläuft und Strukturen unterschiedlich funktionieren. Daraus entspinnen sich dann Themen wie der Hoffnung oder dem Halt im Leben. Notwendig ist also zunächst der Dialog des Lebens der Christinnen und Christen miteinander. Wir brauchen mehr Begegnungen auf allen Ebenen, auch über digitale Kanäle. Themen wie die des Synodalen Wegs bespricht man nicht in zwei Stunden bei der ersten Begegnung, sondern das erklärt sich erst nach dem zweiten oder dritten Tag des Beieinanderseins. Dann gibt es eine gemeinsame Ebene, auf der auch komplexe Glaubensfragen in ihrer Breite besprochen werden können. Synodalität ist ein Weg, den man nicht nur in Deutschland miteinander gehen kann, sondern auch darüber hinaus mit den weltkirchlichen Partnern. Dafür brauchen wir viel mehr Dialog.

Von Christoph Paul Hartmann