Warum Hannelore Illchmann Diakonin sein will

Frauendiakonat: Seit 20 Jahren in der Warteschleife

Aktualisiert am 29.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Allgäuerin Hannelore Illchmann (77) engagiert sich seit Jahren in der Kirche. Vor 20 Jahren hat sie sogar die Ausbildung zur Diakonin gemacht. Nur ausüben darf sie das Amt bis heute nicht. Im Interview mit katholisch.de erklärt sie, warum sie die Weihe für Frauen in der Kirche für nötig hält.

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Die Allgäuerin Hannelore Illchmann, 77, engagiert sich seit Jahren in der Kirche. Als 1997 das Netzwerk "Diakonat der Frau" gegründet wurde, war sie eine der ersten Mitgliedsfrauen. Das Netzwerk entwickelte einen dreijährigen Ausbildungskurs, die Ausbildung zur Diakonin. Hannelore Illchmann nahm als eine der ersten daran teil. Nur ausüben darf sie das Amt bis heute nicht. Im Interview mit katholisch.de erklärt sie, warum Frauen zu Diakoninnen geweiht werden sollten.

Frage: Frau Illchmann, Sie haben bereits vor 20 Jahren Ihre Ausbildung zur Diakonin gemacht. Frustriert?

Hannelore Illchmann: Nein, ganz so blauäugig war ich damals auch nicht. Ich war über 50 Jahre alt und habe in meiner Kirchengemeinde ein Praktikum gemacht. Es war mir rasch klar, wie die Kirche tickt und dass sich an den vorhandenen Strukturen so bald nichts ändern wird.

Frage: Warum wollten Sie Diakonin werden?

Illchmann: Ich verspürte diesen Wunsch schon seit meiner Studienzeit in den späten 1960er-Jahren. Ich hatte immer das Gefühl, Gott ruft mich, er braucht mich jetzt - eine Berufung. Ich wollte für Menschen da sein, für die sonst keiner da ist. Ich war zum Beispiel in der Arbeit mit Geflüchteten tätig. Ich habe Menschen beim Sterben im Hospiz begleitet. Das alles sind Aufgaben für eine Diakonin. Heute leite ich in meiner Kirchengemeinde Wortgottesfeiern in drei Altenheimen und in einem Krankenhaus. Dazu habe ich auch die Ausbildung gemacht und eine bischöfliche Beauftragung erhalten, mache das also offiziell. Auch mein Gemeindepfarrer freut sich, dass ich ihn so entlasten kann.

Frage: Spenden Sie auch die Krankenkommunion?

Illchmann: Ja, das mache ich. Ich bin schon seit langem Kommunionhelferin. Wenn ich die Krankenkommunion einem sehr kranken Menschen im Altenheim oder im Krankenhaus bringe, dann mache ich meist eine kleine Feier daraus. Ich lese einen biblischen Text vor, spreche das Kyrie, die Fürbitten und den Segen. Wir beten immer gemeinsam das Vaterunser. Manchmal sind sogar Angehörige dabei.

Frage: Aber das darf kein Ersatz für die Krankensalbung sein? 

Illchmann: Ich finde es ungeheuerlich, dass nicht mal ein geweihter Diakon das Sakrament der Krankensalbung spenden darf. Selbst wenn ein Mensch im Sterben liegt und der Diakon vor Ort wäre, müsste er dafür einen Priester holen. Und es ist furchtbar schwierig, einen Priester her zu bekommen und das auch noch rechtzeitig, bevor der Mensch verstirbt. Es ist ziemlich drängend, Laien für diesen Dienst am Menschen zu beauftragen. Das ist viel dringlicher als die Beauftragung zur Taufe, die jetzt etwa im Bistum Essen möglich ist. Eine Krankensalbung lässt sich nicht aufschieben. Es ist außer Blick geraten, welch wichtiges Sakrament das für die Menschen ist. Es ist furchtbar, dass ich als Frau bei diesen letzten Schritten eines Menschen, den ich sonst seelsorglich betreue, nicht mitgehen darf.

Ein Priester macht mit Öl ein Kreuzzeichen in die Hand einer Frau.
Bild: ©KNA

Bislang ist es nur einem Priester vorbehalten, das Sakrament der Krankensalbung zu spenden. Selbst ein geweihter Diakon darf diesen Dienst nicht ausüben.

Frage: Aber es gibt doch den Sterbesegen, den jeder zu Hause feiern kann?

Illchmann: Diesen Sterbesegen finde ich gut, aber damit macht man das Sakrament verzichtbar, und das sollte nicht Sinn der Sache sein. Gerade bei der Krankensalbung geht es um eine Stärkung des Erkrankten. Daher sollte jeder Diakon, jede Pastoralreferentin oder Gemeindereferentin, die mit Kranken zu tun haben, dieses so wichtige Sakrament spenden können. In dieser Sterbensnot noch mit aller Eile einen Pfarrer heranzuschaffen, das geht wirklich nicht.

Frage: Sie machen eigentlich schon recht viel als Frau in Ihrer Kirchengemeinde. Das reicht Ihnen aber nicht, oder?

Illchmann: Nein, denn es könnte noch viel mehr gehen. Vor Jahren habe ich dem zuständigen Ortsbischof Gebhard Fürst in Rottenburg geschrieben und darum gebeten, dass ich Menschen, die ich beim Sterben begleite, auch beerdigen darf. Der Bischof hat damals abgelehnt, mit der Begründung, er könne das nicht im Alleingang entscheiden, sowas müsse immer flächendeckend geschehen. Es war eine Ausrede. Mittlerweile gibt es eine Frau aus meinem Diakonatskreis, die eine solche Beauftragung tatsächlich erhalten hat. Manchmal geht in dieser Kirche doch mehr, als man denkt.

Frage: Haben Sie es nochmals versucht und beim Bischof nachgefragt, ob Sie die Erlaubnis für den Beerdigungsdienst doch noch erhalten?

Illchmann: Nein.

Frage: Aber heute dürften Sie es ja…

Illchmann: Nein, jetzt ist es zu spät. Früher hätte ich es gerne gemacht, damals war ich auch noch jünger und aktiver in der Gemeinde. Ich habe mir einige Abfuhren einkassiert und viele Briefe geschrieben, glauben Sie es mir. Ich will damit nicht wieder anfangen.

Frage: Was würden Sie denn heute zum Beispiel neu einführen wollen?

Illchmann: Was ich sinnvoll fände, wäre, wenn die Eltern in der Taufkatechese stärker in das Gemeindeleben eingebunden werden. Ich finde, sie brauchen ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass sie auch eine Hauskirche sind. Ich habe den Eindruck, sie wollen nur ihr Kind dringend taufen lassen und dazu einen Pfarrer rufen. Sie warten nur, ob er kommt oder nicht. Das kann es doch auch nicht sein. Ich habe das Gefühl, dass die Leute vergessen haben, dass sie auch ein Teil der Kirche sind.  

Bild: ©Katholisches Sonntagsblatt/Morlok

Hannelore Illchmann (77) ist ausgebildete Diakonin. Sie wartet darauf, ihr Amt ausführen zu können. Bislang ist es nur zeritfiziert.

Illchmann: Sind Sie eigentlich verheiratet?  

Illchmann: Nein, ich lebe zölibatär.

Frage: Das heißt, der Wunsch, Diakonin zu werden, hätten Sie auch mit vollem Lebenseinsatz verwirklichen können?

Illchmann: Ja, schon in der Schule merkte ich, dass ich als Lehrerin für die Schüler noch mehr sein wollte, als nur Englisch oder Französisch zu unterrichten. Ich war Vertrauenslehrerin und einmal ist einer meiner Schüler tödlich verunglückt. Da merkte ich, dass ich dazu berufen bin, seelsorglich für andere Menschen da zu sein.  

„Wir Frauen haben schon so viele Beauftragungen. Wir haben Beauftragungen für alles Mögliche. Wir brauchen jetzt die Weihe. Das wäre endlich eine offizielle Anerkennung.“

—  Zitat: Hannelore Illchmann, ausgebildete Diakonin

Frage: Sind Sie also dafür, dass Frauen zu Diakoninnen geweiht werden sollten?

Illchmann: Ja, denn es ist ein absoluter Gewinn für die Kirche, wenn es Frauen in diesem Männerclub gäbe. Alleine die Sprache der Frauen im Gottesdienst würde allen guttun. Auch Kleriker sind froh, wenn sie von Frauen seelsorglich betreut werden. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Wir Frauen haben schon so viele Beauftragungen. Wir haben Beauftragungen für alles Mögliche. Wir brauchen jetzt die Weihe. Das wäre endlich eine offizielle Anerkennung, damit wir als Frauen als Teil der offiziellen Kirche agieren können.

Frage: Trauen Sie es dem jetzigen Papst Franziskus zu, dass er für die Frauen etwas voranbringen könnte?

Illchmann: Papst Franziskus macht viele Türen auf, er schließt aber auch einige Fenster wieder. Es braucht Geduld und einen langen Atem. Beides habe ich schon seit langem. Aber es ist mir einfach ein Anliegen, denn der Kirche gehen so viele Charismen und Dienste durch dieses Zögern verloren. Ich kenne Frauen, die gehen einfach, weil sie sagen, wenn ich hier nicht gewünscht werde, dann gehe ich dorthin, wo ich mit Kusshand aufgenommen werde.

Frage: Sie bleiben in der Kirche?

Illchmann: Ja, ich bleibe, aber eine Kirche, die Frauen abweist, ist für mich nicht mehr glaubwürdig.

Am 29. April 2022 findet der diesjährige "Tag der Diakonin" statt. Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, der Katholische Deutsche Frauenbund und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und das Netzwerk Diakonat der Frau laden zu einem Wortgottesdienst im Dom St. Petrus in Osnabrück ein und  zur Teilnahme an der Veranstaltung mit Livestream auf YouTube. Das diesjährige Motto lautet: "Frauendiakonat weltweit"

Von Madeleine Spendier