Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 25

Speyerer Dom: Kaiserdom und größte romanische Kirche der Welt

Aktualisiert am 09.01.2021  –  Lesedauer: 

Speyer ‐ Eine steingewordene Machtdemonstration der salischen Herrscher sollte der Speyerer Dom seinerzeit werden. Als heute größtes romanisches Gotteshaus der Welt hat die Kathedrale die Zeiten überdauert und ist bis heute ein Dom der Superlative. Dabei stand sogar ein kompletter Abriss im Raum.

  • Teilen:

Wer den Dom St. Maria und St. Stephan in Speyer betritt, kann von den Ausmaßen dieser Kathedrale schier überwältigt werden. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die Schlichtheit des Gotteshauses. Die Bedeutung dieser Kathedrale hängt aber nicht nur mit seiner schieren Größe zusammen. "Der Dom hat eine ganz starke identitätsstiftende Wirkung – nicht nur für die Gläubigen im Bistum, sondern für alle, die hier in Speyer, in der Pfalz oder der näheren Umgebung wohnen", sagt Friederike Walter, Leiterin des Dom-Kulturmanagements in Speyer. Der Grund für diese Wirkung liegt in der Geschichte des Gotteshauses.

Nach seiner Wahl zum König hat der Salier Konrad II. einen ehrgeizigen Plan: Er will in Speyer die größte Kirche des Abendlandes errichten. Der Dom soll damit seinen Herrschaftsanspruch als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches untermauern. In Speyer – das zu dieser Zeit noch eher ein Dorf als eine Stadt ist – hat er die Möglichkeit, die gesamte Umgebung auf den Dom hin zu gestalten. "Das genaue Datum der Grundsteinlegung kennt man nicht", sagt Walter. Wahrscheinlich wird zwischen 1024 und 1030 mit dem Bau begonnen. Die Vollendung seiner Pläne erlebt Konrad nicht mehr. Als er 1039 im Dom beigesetzt wird, ist dieser noch eine Baustelle. Geweiht wird die Kathedrale schließlich 1061.

Neuer Dombau erreicht Rekorde

Doch lange bleibt der erste Dom in seiner ursprünglichen Form nicht bestehen: Schon 1080 lässt Konrads Enkel Heinrich IV. den Dom von Grund auf umbauen, erhöhen und gibt ihm in weiten Teilen seine heutige Gestalt. Gerade der Ostteil wird verändert. Die Apsis bekommt einen halbrunden Abschluss und es werden vier hohe Türme gebaut, die es vorher nicht gab. Statt eines flachen Daches wird außerdem ein Gewölbe eingezogen. Die Gründe für den Neubau liegen vermutlich in der Einlösung eines Gelübdes nach einer erfolgreichen Schlacht oder im Investiturstreit mit dem Papst. Mit dem Dombau will Heinrich beweisen, dass er ein gottesfürchtiger Mann ist und seinen Herrschaftsanspruch auch in kirchlichen Dingen untermauern. Und der Dom erreicht bei seiner Vollendung im Todesjahr Heinrichs 1106 tatsächlich Rekorde: Er ist nicht nur weiterhin – wie schon nach dem Bau Konrads – die damals längste Kirche der Welt sondern auch das neue Gewölbe des Mittelschiffs ist das größte seit der Antike.

Besucher im Dom zu Speyer
Bild: ©picture alliance/Andreas Arnold/dpa (Archivbild)

Allein die physischen Maße des Doms in Speyer wirken gigantisch. Aber auch seine geschichtliche und architektonische Bedeutung ist groß.

In den folgenden Jahrhunderten brannte der Dom mehrfach. Der größte Einschnitt in die Erfolgsgeschichte beginnt dann 1689. Im pfälzischen Erbfolgekrieg zerstören die französischen Truppen Ludwigs XIV. die Kurpfalz systematisch. Auch der Speyerer Dom wird in Mitleidenschaft gezogen. Die Gräber werden aufgebrochen und geplündert und die Stadt wird in Brand gesteckt. Die Kathedrale brennt daraufhin vollständig aus. Der Ostteil hält schwer beschädigt den Flammen stand und wird in der Folgezeit mit einer Mauer abgeschlossen und so weiter als Kirche genutzt. Der Westteil bleibt aus finanziellen Gründen zunächst eine Ruine.

Mitte des 18. Jahrhunderts ist schließlich genug Geld zusammen, um den Westteil wiederaufzubauen. Unterschiedliche Baumeister werden nach Speyer geladen. Den Auftrag bekommt Franz Ignaz Michael Neumann, der Sohn des berühmten Barockbaumeisters Balthasar Neumann. Das Langhaus baut er möglichst nah am Original und in der Formensprache der Romanik wieder auf. "Die Baunaht sieht man heute nur, wenn man genau hinschaut und das weiß", sagt Friederike Walter. Im Westteil wählte Neumann dagegen in Ansätzen barocke Formen – aus finanziellen Gründen aber nur sparsam. Davon ist heute allerdings nur noch wenig zu sehen.

Mainzer Bischof verhindert den Abriss

Kaum ist die Domkirche wieder fertiggestellt, bricht die Französische Revolution aus und der Dom wird 1794 von Revolutionstruppen erneut verwüstet. Die gesamte Innenausstattung geht dabei verloren. Die französischen Truppen nutzen den profanierten Dom als Viehstall sowie Futter- und Materiallager. 1801 wird das Bistum Speyer aufgelöst und die katholischen Gemeinden dem Bistum Mainz zugeteilt. 1806 soll der baufällige Dom sogar abgerissen und als Steinbruch verwendet werden. Der Mainzer Bischof Joseph Ludwig Colmar (1802-1818) habe das durch seine Fürsprache bei der Gattin von Napoleon noch verhindern können, erklärt Walter.

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Als die Pfalz nach dem Wiener Kongress 1815 Bayern zufällt, wird wenig später auch das Bistum Speyer wiedererrichtet und der Dom erneut zur Bischofskirche erhoben und 1822 nach einer Renovierung neu geweiht. Später lässt der bayerische König Ludwig I. den Dom im Inneren mit Fresken im Nazarener Stil ausmalen und veranlasst zwischen 1854 und 1858 die Neuerrichtung des Westbaus im Stil des Historismus. Die barocken Teile werden dabei weitestgehend entfernt und auch die beiden Flankentürme wieder aufgegriffen, die schon der ursprüngliche Dombau besitzt.

"Re-Romanisierung" in den 1950er Jahren

Den Zweiten Weltkrieg überstand der Dom nahezu unbeschadet. Bei der großen Domrestaurierung der 1950er Jahre erfolgte dann eine "Re-Romanisierung" des Gotteshauses. Dabei werden auch die Ausmalungen des 19. Jahrhunderts mitsamt Putz größtenteils wieder entfernt. Seit 2012 sind die restaurierten Fresken im Kaisersaal, einem Raum direkt über der Vorhalle des Westwerks, zu sehen.

"Man kann beim Speyerer Dom absolut von einem Dom der Superlative sprechen", sagt Friederike Walter. "Das erschöpft sich aber nicht in seiner physischen Größe. Er ist nicht nur ein riesenhaftes Bauwerk." Bedeutend sind auch die Gräber im Inneren der Kathedrale: Vier mittelalterliche Kaiser, drei Kaiserinnen und Könige sind hier bestattet. Das Besondere dabei: Nicht nur die Salier nutzten den Dom als Grablege, auch Herrscher anderer Dynastien wählten die Kathedrale als Ort ihrer letzten Ruhe. Der Dom ist damit eine der bedeutendsten Grableben des Mittelalters auf deutschem Boden. Zum Teil sind die Steinsarkophage noch im Original erhalten. Die weitaus größte Zahl an Gräbern im Dom sind jedoch die der Bischöfe von Speyer. Mehr als 40 Oberhirten wurden in der Kathedrale beigesetzt – zuletzt Bischof Anton Schlembach im Juni 2020.

Die Krypta im Kaiserdom zu Speyer
Bild: ©Domkapitel Speyer/Florian Monheim

Die Krypta im Kaiserdom zu Speyer stammt noch aus der ersten Bauphase des Doms im 11. Jahrhundert. Sie erstreckt sich unter dem gesamten Chorraum und Querhaus und ist die größte Hallenkrypta der Welt.

Zur Grablege gelangt man über die Krypta, die sich unter dem gesamten Chorraum und Querhaus der Kathedrale erstreckt. Sie ist eine der weltweit größten ihrer Art und stammt noch aus der frühesten Bauphase des Doms. Der Speyerer Dom ist zudem eines der ersten bekannten Gebäude, das mit einer umlaufenden Zwerggalerie errichtet wurde, ein begehbarer Säulengang unterhalb des Dachansatzes.

Beispielhafte Architektur und Vorbild

Seit der Zerstörung der Abteikirche von Cluny während der Französischen Revolution ist der Speyerer Dom nun die größte romanische Kirche der Welt. "Der Dom war von Beginn an eine Kirche, die eine sehr große Bekanntheit erlangt hatte und auch sehr vorbildhaft war. Viele andere Baumeister haben sich später am Dom orientiert." Diese beispielhafte Architektur erkennt 1981 auch die UNESCO an: Vor 40 Jahren wird der Speyerer Dom in die Welterbeliste aufgenommen. Aber die Architektur ist nicht das einzige, was durch die Kathedrale geprägt wird.

Aus Sicht der UNESCO sind auch die Wiederaufbaumaßnahmen der Kathedrale nach dem Brand im 17. Jahrhundert "von großer Bedeutung für die Entwicklung von restauratorischen Grundsätzen in Deutschland, Europa und der Welt", heißt es auf der Internetseite der Deutschen UNESCO-Kommission. Für die Dombaumeister ist damit eine immerwährende Aufgabe formuliert: die Kathedrale in ihrer jetzigen Form denkmalgerecht zu erhalten.

Von Christoph Brüwer