Aussagen von Franziskus seien irritierend und verletzend

Strack-Zimmermann kritisiert Russland-Haltung des Papstes

Aktualisiert am 10.05.2022  –  Lesedauer: 

Köln/Münster ‐ Interview-Aussagen des Papstes hinsichtlich einer möglichen Mitschuld der Nato am Ukraine-Krieg haben für Irritationen gesorgt. FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann hält sie für zynisch und respektlos gegenüber den Opfern.

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Die FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann hat die Äußerungen von Papst Franziskus zum Ukraine-Krieg und zur Rolle der Nato kritisiert. Die Aussagen seien irritierend und verletzend, sagte Strack-Zimmermann am Dienstag dem Kölner Internetportal "domradio.de". Sie habe die Äußerungen des Papstes zum russischen Angriffskrieg als zynisch und respektlos gegenüber den Opfern empfunden.

Die Verteidigungspolitikerin nahm Bezug auf ein Interview des Papstes im "Corriere della Sera", das für Irritationen gesorgt hatte. Franziskus hatte unter anderem zu bedenken gegeben, vielleicht habe "das Bellen der Nato an Russlands Tür" den russischen Präsidenten Wladimir Putin dazu gebracht, den Konflikt auszulösen. Auch sei dieser Konflikt von außen geschaffen worden.

Skepsis bei Vermittlungsbemühungen des Papstes

Strack-Zimmermann bedauerte, dass der Papst nicht die Sicht der Opfer artikuliert, stattdessen aber über mögliche Beweggründe spekuliert habe, warum Putin den Krieg ausgelöst habe. Zugleich kritisierte die Katholikin den Vorwurf, die Nato-Osterweiterung habe den Krieg provoziert: "Nichts auf dieser Welt – selbst wenn man das so sähe, ich sehe es anders – rechtfertigt einen Überfall Russlands auf die Ukraine mit all der Dramatik, die wir gerade erleben."

Skeptisch zeigte sie sich hinsichtlich möglicher Vermittlungsbemühungen des Papstes. "In dem Moment, in dem er versucht, die Beweggründe des Wladimir Putin zu erklären, ist er nicht mehr wirklich neutral", so Strack-Zimmermann, die eine diplomatische Lösung des Konflikts nicht erwartet. Dem Papst müsse es auch im Hinblick auf Verhandlungen in erster Linie um die Opfer gehen, "selbst, wenn er vermitteln wollte, muss er den Blick dieser Menschen im Auge haben". Das habe er jedoch nicht gemacht.

Bild: ©Vatican Media/Romano Siciliani/KNA (Archivbild)

Papst Franziskus empfing Wladimir Putin im Juli 2019 im Vatikan.

er Münsteraner Theologe und Osteuropa-Experte Thomas Bremer die katholische Kirche vor Illusionen im Umgang mit der russisch-orthodoxen Kirche. "Alles, was die katholische Kirche im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine unternommen hat, wurde von der russisch-orthodoxen Seite instrumentalisiert – als wäre die katholische Kirche ganz auf der Seite der russischen Orthodoxie", betonte Bremer am Montagabend in Münster. "Man kann nicht solche Aktionen in der Hoffnung starten, etwas zum Guten zu wenden, weil die russisch-orthodoxe Seite das nur für sich ausnutzt." Bremer sprach unter dem Titel "Die ukrainischen Kirchen und der Krieg" bei einer Ringvorlesung der Uni Münster zum Ukraine-Krieg.

Der Osteuropa-Experte erläuterte, dass die eigenständige Orthodoxe Kirche der Ukraine, die 2018 gegen den Willen des Moskauer Patriarchats neu entstanden sei, und die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine den Krieg von Anfang an verdammt hätten. Überraschend aber sei gewesen, dass Onufrij, der Metropolit der dem Moskauer Patriarchat unterstehenden Ukrainischen Orthodoxen Kirche, den Krieg als "Katastrophe" bezeichnet und zum Gebet für die ukrainischen Verteidiger aufgerufen habe. Auch habe er betont, dass "Souveränität und Integrität der Ukraine" verteidigt werden müssten.

Onufrij appelliert an Putin

Darüber hinaus habe der Synod der Ukrainischen Orthodoxen Kirche den Moskauer Patriarchen Kyrill I. aufgerufen, sich für die "Beendigung des brudermörderischen Blutvergießens im ukrainischen Land" einzusetzen, so Bremer. Und Onufrij habe an Putin appelliert, den Krieg auf ukrainischem Boden zu beenden.

"Die Russisch-Orthodoxe Kirche verhält sich dagegen sehr wenig zum Krieg, steht an der Seite der russischen Regierung und vertritt ein antiwestliches Narrativ", führte Bremer aus. "Kein einziger ihrer Bischöfe hat sich kritisch dazu geäußert." Die Ukrainische Orthodoxe Kirche, die Kyrill um Unterstützung gebeten habe, werde von der russischen Orthodoxie nicht gehört; ihre Appelle kämen in der russischen Öffentlichkeit nicht vor. Deshalb wenden sich laut Bremer immer mehr Bistümer und Gemeinden der alten, Moskau-treuen Kirche der Ukraine von der russisch-orthodoxen Kirche ab und der neuen Kirche zu.

"Auch unabhängig vom Ergebnis des Krieges wird die Russisch-Orthodoxe Kirche viele ihrer Gemeinden in der Ukraine verlieren", sagte der Osteuropa-Experte voraus. "Man darf eine Annäherung zwischen den ukrainischen Kirchen erwarten, aber wenig Übertritte." (tmg/KNA)