Glockenexperte Julian Rothhaar aus Rodenbach

Dieser 13-Jährige kann Kirchenglocken am Klang erkennen

Aktualisiert am 07.06.2022  –  Lesedauer: 
Dieser 13-Jährige kann Kirchenglocken am Klang erkennen
Bild: © privat

Bonn ‐ Julian Rothhaar ist 13 Jahre alt und Glockenexperte. Schon immer haben ihn Kirchenglocken fasziniert, sagt er im Gespräch mit katholisch.de. Seine Oma habe ihn immer mit in den Sonntagsgottesdienst genommen. Und dann hat er festgestellt, dass er die Glockentöne voneinander unterscheiden kann.

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"Wir sind eine gläubige Familie", erzählt die Oma von Julian Rothaar am Telefon. "Sonntags gehen wir immer in den Gottesdienst.” Walburga Jung engagiert sich seit 40 Jahren in der Herz-Jesu-Kirchengemeinde in Rodenbach bei Kaiserslautern, das im Bistum Speyer liegt. Ihren Enkel hat sie von klein auf mit in den Gottesdienst genommen. Meist wollte er vor Beginn des Gottesdienstes noch einmal vor die Kirche, um die Glocken zu hören. "Dann bin ich halt noch einmal raus mit ihm", erinnert sie sich. Wir schauen von unserem Haus direkt auf den Kirchturm, schwärmt sie, "die Glocken bedeuteten Heimat für uns."

Ein absolutes Gehör

Schon früh wurde Julian Rothhaar ein absolutes Gehör attestiert. Daher kann er Glocken an ihrem Ton erkennen und voneinander unterscheiden. "Die Tonhöhe der Glocke erhöre ich", erklärt Julian selbstbewusst. Er brauche dazu nicht einmal ein Stimmgerät. Den richtigen Ton der Glocke erkenne er einfach so, denn auf seine Ohren könne er sich verlassen. Natürlich könne es passieren, dass er auch mal falsch liege, schließlich umfassen die Glockentöne vier Oktaven, von C0 bis C4. In den Oktavsprüngen irre er sich aber nie. Höchstens liege er mal einen Halbton daneben, wenn die Glocke nicht korrekt am Nullpunkt zum Beispiel zwischen G und As eingestimmt ist. Denn jede Glocke sei auf einen ganz bestimmten Schlagton gestimmt, erklärt er. Der Schlagton ist der Ton, der erklingt, wenn man die Glocke anschlägt. Meist sei dieser eindeutig zu erhören, so Rothhaar. 

Bild: ©privat

13 Jahre jung und schon Organist. Julian Rothhaar an der Orgel der Heimatgemeinde Herz Jesu in Rodenbach.

Das Bestimmen der Glockentöne hat sich Rothhaar selbst beigebracht. Sein Tonwissen habe er sich durch Musikinstrumente angeeignet. Er spielt Klavier und Orgel. Schon mit fünf Jahren hat er begonnen Klavierunterricht zu nehmen, erinnert sich Rothhaar. Heute sitzt er lieber auf der Orgelbank. "Für mich ist die Orgel die Königin der Instrumente. Schon immer wollte ich Orgel spielen", sagt er. Musik sei ihm wichtig, sie gebe ihm Kraft. Auch seine Großmutter mag es, wenn er den Gottesdienst mit seiner Musik begleitet. "Ich spüre, dass es ihm guttut, dann tut es mir auch gut", so Jung. Um herauszufinden, auf welchem Ton eine Kirchenglocke erklingt, brauche er die Orgel aber nicht.

150 Glockenfreunde in Deutschland

Wie er seine besondere Fähigkeit entdeckt hat? Schon vor Jahren habe er bemerkt, dass die Glocke seiner Heimatgemeinde ganz anders erklinge als die der Nachbargemeinde. Und damit war seine Leidenschaft für Glocken entfacht. Jede Glocke hat ihren eigenen Ton, weiß Julian. Es gibt nur ein paar wenige Glocken, die gleich klingen. "Meistens sind Kirchenglocken unterschiedlich gestimmt, daher gibt es auch so viele Geläutemotive." Die Glocken seiner Heimatgemeinde kennt der 13-jährige Glockenexperte auswendig: C2, B2, G1 und Es1.

Mit seiner Leidenschaft für Glocken ist Julian Rothhaar aber nicht allein. Es gibt etwa 150 sogenannte Glockenfreunde in Deutschland, die miteinander in Kontakt stehen und sich austauschen. Julian Rothhaar ist einer von ihnen. "Uns verbinden der Klang und der Charakter der Glocke und ihre Geschichte", erklrät er. "Und wir lieben unbekannte Glocken."

Die Sankt Petersglocke im Kölner Dom
Bild: ©KNA

Die Sankt Petersglocke, auch "Dicker Pitter" und "Decke Pitter" genannt, im Kölner Dom ist die größte schwingend geläutete Glocke der Welt.

Selten findet man auf einer Glocke einen Vermerk über ihre Tonlage. Wenn man Glück hat, dann ist das irgendwo im Archiv der Kirchengemeinde dokumentiert, sagt Julian Rothhaar. Wenn nicht, dann kann Julian Rothhaar weiterhelfen. "Die Leute aus der Gemeinde freuen sich immer, wenn ich anrufe und ihnen anbiete, die Glockentöne in ihren Kirchtürmen zu bestimmen", erzählt er. "Denn durch mich erfahren sie endlich, welche Glocken da oben hängen." Sobald das Pfarramt die Erlaubnis gibt, macht er einen Termin aus und klettert den Kirchturm hoch. Auch wenn das zum Teil sehr gefährlich ist, weil es zum Teil sehr wackelige und hohe Stehleitern gibt oder ungesicherte Stellen. Rothhaar selbst habe aber keine Angst vor der Höhe, denn er ist schwindelfrei. "Auch wenn es manchmal nicht so ohne sei, da oben", meint er.

Julians größter Wunsch

Im Mai vor genau einem Jahr war er überhaupt das erste Mal oben im Kirchturm seiner Heimatgemeinde. Gemeinsam mit einem anderen Glockenfreund ist er hinaufgeklettert. Als er da oben im Turm stand, so nahe bei den Glocken, da war es um ihn geschehen, sagt der junge Glockenexperte. "Das war eine Initialzündung für mich." Damals konnte er auch bei seinem Bekannten das Aufnahmegerät mit professionellem Mikrofon testen. Danach hat er sein eigenes Gerät gekauft. Seitdem nimmt er Glockentöne auf, dokumentiert Kirchen und Geläute und fertigt Fotos an. Alle Aufnahmen stellt er auf seinen Youtube-Kanal "Josef Glocke', damit die, die es interessiert, sehen und hören können, was da oben abgeht. Dieses Klangerlebnis wolle er zu den Menschen bringen, sagt Rothhaar. Insgesamt hat er auf diese Weise schon über 30 Kirchenglocken dokumentiert. Regelmäßig besteigt er Kirchtürme. Selbst am Kölner Dom war er kürzlich oben. Er habe die Glocken zwar fotografiert, aber leider nicht gehört. Denn die Glockenführung mit dem vollen Geläute ist erst ab 16 Jahren erlaubt. Jetzt muss er noch ein paar Jahre warten, bis er die schöne Preciosa-Glocke und den dicken Pitter, die Sankt-Petersglocke, live hoch oben im Turm hören kann. Sein größter Wunsch.

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Er kann es nicht verstehen, wenn Menschen sich kritisch zum Glockenläuten äußern oder es gar als Ruhestörung oder Lärmbelästigung empfinden. "Wenn ich eine Glocke höre, dann wird mir warm ums Herz", ergänzt er. Für ihn sind Glocken ein wichtiger Teil der Glaubensverkündigung. Eine Glocke rufe zum Gebet, lade zum Gottesdienst oder zu einer kirchlichen Feier ein, egal ob Beerdigung oder Taufe. "Glocken begleiten mein Leben als Christ, ich könnte nie darauf verzichten", beteuert der 13-Jährige. Er weiß, dass vor allem ältere Menschen in der Gemeinde besondere Momente in ihrem Leben mit dem Glockenläuten verbinden. Daher möchte er möglichst vielen Menschen genau dafür begeistern: für Glocken und ihren Klang. Zurzeit arbeitet er an einer digitalen Glockenkarte für Deutschland mit, auf der eines Tages möglichst viele Kirchenglocken per Mausklick zu sehen und zu hören sind. Er freue sich darauf, mit möglichst vielen, sein Wissen über Glocken zu teilen.

Eine digitale Glockenkarte

Weil Julians Oma engagierte Küsterin in der Kirchengemeinde Herz Jesu in Rodenbach sei, helfe er ihr regelmäßig. Das Ein- und Ausschalten der Glocken sei seine Hauptaufgabe, neben dem Auffüllen der Kerzen und dem Auf- und Zuschließen der Kirche. Alles ehrenamtlich. Seine Oma gebe ihm aber regelmäßig ein kleines Taschengeld dafür, erklärt sie. 

Bild: ©privat

In der Sakristei hilft Julian Rothaar (13) ehrenamtlich seiner Oma. Das Einschalten der Kirchenglocken ist seine Aufgabe.

Ob Julian Rothhaar später Glockensachverständiger werden wolle? Glocken faszinieren ihn einfach, einen konkreten Berufswunsch habe er aber noch nicht, erzählt er. Allerdings weiß er genau, wie lange Kirchenglocken vor Beginn eines Gottesdienstes läuten sollten: Zwischen fünf bis zehn Minuten. Nicht länger und schon gar keine 15 Minuten, empfiehlt er. Denn ein Glockenklang stumpfe ab, wenn er zu lange erklingt. Eine Ausnahme ist allerdings das große, festliche Glockengeläute, das mindestens 15 Minuten brauche, damit alle Glocken zu hören sind. Aber bei einer kleinen Pfarrkirche reichen auch fünf bis zehn Minuten Glockenläuten, meint er. So habe jeder genug Zeit, sich auf den Gottesdienst vorzubereiten.

Julian habe ein großes Herz für andere, sagt seine Oma. In der Kirchengemeinde engagiert er sich für Geflüchtete, ist bei den Sternsingern dabei und hilft auch mal beim Säubern der Blumenanlage. Was ihr Wunsch für ihren Enkel wäre? Dass er immer auf die Töne des Lebens höre und auch auf die Zwischentöne. Ob sie sich vorstellen könnte, dass er eines Tages Priester werden könnte? "Wir haben nur einen Enkel", sagt Jung, "wir überlassen es Gott, was er mit ihm vorhat". Dafür bete sie jeden Tag. Genau jetzt zum Abschluss des Gesprächs erklingt die Kirchenglocke zum Angelus.

Von Madeleine Spendier