Standpunkt

Der fromme Wunsch einer Welt ohne Hunger

Aktualisiert am 04.07.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Die Vision von einer Welt ohne Hunger ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wieder in weite Ferne gerückt, kommentiert Tilmann Kleinjung. Er plädiert aber dafür, an der Vision festzuhalten – und hat eine Idee für einen ersten Schritt.

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"Zero Hunger". Das Ziel der Vereinten Nationen, bis zum Jahr 2030 in einer Welt ohne Hunger zu leben, schien vor ein paar Jahren mal greifbar nahe. Was für eine großartige Vision: Niemand, wirklich niemand muss mehr Angst haben, an Hunger oder Unterernährung zu leiden oder gar zu sterben. Wir hätten dafür noch acht Jahre Zeit.

Doch aus der Vision einer Welt ohne Hunger wird gerade ein frommer, kaum realisierbarer Wunsch. Der russische Krieg gegen die Ukraine verschärft die Lebensmittelkrise. Russland und die Ukraine lieferten vor dem Krieg fast die Hälfte des Weizens, der in Afrika zu Nahrungsmitteln verarbeitet wird. Dazu kommt die Klimakrise, die Dürre. Wieder vor allem in Afrika. In Eritrea oder Somalia hat es in den vergangenen vier Jahren kaum geregnet. Um eine Hungerkrise biblischen Ausmaßes zu verhindern, ist ein internationaler Kraftakt nötig. Gut, dass die G7 Staaten bei ihrem Gipfel in der vergangenen Woche Hilfe versprochen haben. Gleichzeitig müssen einheimische Produzenten unterstützt werden. Denn Nahrungsmittelhilfen und Billigimporte aus dem Norden haben ja die Länder Afrikas in genau die Abhängigkeit gebracht, die jetzt so fatale Auswirkungen hat.

Auch das war vor wenigen Jahren kaum vorstellbar. Auch bei uns, in Deutschland ist Hunger wieder ein Thema. Die Preise steigen, den Tafeln gehen die Lebensmittel aus. Und dennoch landen rund zwölf Millionen Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr im Müll. Joghurts, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, Obst mit Druckstellen, Brot, das nicht mehr frisch ist. All das wäre eigentlich noch genießbar und dennoch landet es in den Supermärkten im Container. Und wer es da rausholt, macht sich strafbar. Der Gesetzgeber behandelt "Containern" wie Diebstahl. Darauf macht unermüdlich der Nürnberger Jesuit Jörg Alt aufmerksam. Er fordert ein Gesetz wie in Frankreich. Dort dürfen Supermärkte noch genießbare Lebensmittel nicht entsorgen, sie müssen sie spenden, weiterverarbeiten oder kompostieren. Wann kommt ein solches Gesetz in Deutschland? Es wäre ein echter Beitrag zum Kampf gegen den Hunger und ein starkes Zeichen, dass wir den Wunsch ernst nehmen, in einer Welt ohne Hunger leben zu wollen.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Leiter der Redaktion Religion und Orientierung im Bayerischen Rundfunk (BR).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.