Stefan Müller wirkt im Bistum Limburg

Blinder Priester: Gott und Gemeinschaft führen mich

Aktualisiert am 29.07.2022  –  Lesedauer: 
Priester Stefan Müller bei der Wandlung
Bild: © Privat

Hadamar ‐ Stefan Müller ist ein Pionier, denn er ist blind – und Priester. Bis er geweiht werden konnte, musste er allerdings einen langen Weg bewältigen und sich immer wieder beweisen. Seine Beeinträchtigung bietet ihm aber auch eine ganz eigene Perspektive auf den Glauben – und die Rolle des Priesters.

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"Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach." (Mk 10, 51-52) Diese Bibelstelle löst viel in Stefan Müller aus, denn der 55-Jährige ist selbst blind – und Priester. "Es hat mich enorm bestärkt, dass Jesus die blinden Menschen heilt", sagt Müller. Der blinde Bartimäus in der Bibel sei zunächst ein Bettler gewesen. Nach seiner Heilung konnte er aber für sich selbst sorgen. "Ich fühle mich dadurch geheilt, dass ich nicht betteln muss, sondern einen Beruf habe", sagt Müller. Bis er diesen ausüben konnte, musste er allerdings einen teilweise steinigen Weg gehen.

Schon bei seiner Geburt hatte Müller eine Sehbehinderung. Im Laufe seines Lebens nahm die Sehkraft immer weiter ab, bis zur völligen Blindheit vor rund zehn Jahren. Aufgewachsen in einer – wie er sagt – "gut katholischen Familie", gehörten der Kirchgang am Sonntag, die regelmäßige Beichte und das Tischgebet zum Familienleben dazu. Eine Berufung zum Priester spürte Müller das erste Mal mit 14 Jahren, kurz nach seiner Firmung. Bei einer Beichte habe er gegenüber seinem Heimatpfarrer geklagt, dass sich durch die Firmung nichts in seinem Leben geändert habe und es ihm nicht leichter falle, als Christ zu leben. Auf die Frage des Pfarrers, was es für ihn bedeute, entschieden als Christ zu leben, war für Müller nach reiflicher Überlegung der Entschluss klar: "Für mich hieß das: Wenn ich entschieden als Christ leben möchte, dann muss ich Pfarrer werden." Dieser Gedanke habe ihn daraufhin nicht mehr losgelassen.

Auch für Verantwortliche eine neue Situation

Aber nicht alle waren gleich Feuer und Flamme für seinen Wunsch, Priester zu werden. "Dadurch, dass bis dahin noch niemand mit einer Sehbeeinträchtigung die Weihe empfangen hatte, war das auch für die Verantwortlichen im Bistum Limburg eine neue Situation", sagt Müller im Rückblick.

Dass Ruhestandspriester im Alter ihre Sehkraft verlieren, ist grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Das Kirchenrecht erlaubt es ihnen trotzdem weiterhin Messen zu Feiern: "Ein blinder oder an einer anderen Schwäche leidender Priester feiert das eucharistische Opfer erlaubt, indem er irgendeinen aus den gebilligten Messtexten verwendet, falls erforderlich unter Assistenz eines anderen Priesters oder eines Diakons oder auch eines hinreichend unterwiesenen Laien, der ihn unterstützt", heißt es im Kodex des Kanonischen Rechts (CIC Can. 930 §2). Ein angehender Priester aber, der schon vor der Weihe stark sehbehindert oder sogar blind ist, ist dagegen eine absolute Ausnahme. Das musste auch Stefan Müller erkennen.

Der Limburger Bischof Franz Kamphaus gratuliert Stefan Müller nach der Priesterweihe.
Bild: ©KNA

Am 28. Juni 1997 wurde Stefan Müller vom Limburger Bischof Franz Kamphaus zum Priester geweiht – als erster blinder Mensch Deutschlands.

Kann jemand mit einer starken Sehbeeinträchtigung als Seelsorger tätig werden? Kann er die Menschen mit ihren Sorgen, Ängsten, Nöten und Anliegen wahrnehmen, wie das für den Beruf des Priesters erforderlich ist? Diese Fragen mussten geklärt werden. Mehrfach hätten Vorgesetzte ihm gegenüber geäußert, dass sie sich nicht vorstellen könnten, dass ein blinder Mensch Priester wird – gaben ihm dann aber dennoch eine Chance, erzählt der Geistliche heute.

Zwei Jahre war Müller Diakon, obwohl sonst nur ein Jahr vor der Weihe üblich ist. Zudem musste er ein Jahrespraktikum in der Seelsorge absolvieren, das unter den Seminaristen früher als "Strafpraktikum" für diejenigen galt, bei denen noch nicht sicher war, ob sie den Weg zum Priester weitergehen dürfen. "Wenn du das als eine Strafe siehst, dann musst du wirklich überlegen, ob Priestersein dein Weg ist", sagte Müllers geistlicher Begleiter damals. Und Müller bewährte sich tatsächlich. Nach seinem Praktikum erklärte der Limburger Regens, dass seine Sehbehinderung keine grundsätzliche Einschränkung sei, die einer Priesterweihe im Weg stehe. 1997 empfing Müller im Limburger Dom schließlich das Weihesakrament – als erster blinder Mensch in Deutschland. "Ich bin nicht aus Mitleid geweiht worden", betont er heute und ist dankbar für seine Chance, die Offenheit und die Unterstützung der Verantwortlichen.

Unterstützung braucht er im Gottesdient nur teilweise: Beim Ein- und Auszug orientiert Müller sich an einem Ministranten, indem er sich am Ellenbogen festhält und sich so bis zu seinem Platz führen lässt. In den beiden Kirchen, in denen er hauptsächlich die Messen feiert, kann er sich danach selbst orientieren. In anderen Kirchen, in denen er sich nicht so auskennt, benötigt er diese Unterstützung auch für den Weg vom Ambo zum Platz oder vom Ambo zum Altar. Müller hat ein Evangeliar in Blindenschrift, aus dem er während der Messe das Evangelium vorträgt. Die Gebete hat er auswendig gelernt. Wenn er Kelch und Hostienschale selbst auf dem Altar abstellt, kann er bei der Wandlung gezielt danach greifen.

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Eine deutliche Einschränkung brachte allerdings die Corona-Pandemie mit sich: Über zwei Jahre lang teilte der Priester keine Kommunion aus, weil er nicht garantieren konnte, dass das kontaktlos passiert. Erst an Pfingsten war das durch den Wegfall der Bestimmung zur kontaktlosen Kommunionausteilung im Bistum wieder möglich. In Einzelgesprächen in der Seelsorge kann Müller in seiner Blindheit sogar einen Vorteil erkennen: "Dadurch, dass ich beispielsweise nicht sehen kann, wie die Einrichtung aussieht, kann ich unbefangener in die Gespräche gehen und stecke dadurch nicht so schnell jemanden in eine Schublade, sondern kann mich ganz auf mein Gegenüber konzentrieren", sagt der Priester. Lediglich in Gruppensituationen habe er einen Nachteil, da er die einzelnen Personen nicht so schnell wahrnehmen könne.

Auch im Pfarrhaus der Pfarrei St. Johannes Nepomuk im hessischen Hadamar lebt Müller nicht allein, sondern gemeinsam mit dem leitenden Pfarrer Andreas Fuchs. Dieser Gemeinschaftsaspekt ist für Müller wichtig. "Es wäre sicherlich ganz schlecht, wenn ich allein leben müsste", sagt er. Gerade dort, wo seine Sinneswahrnehmungen aufhörten, könne Fuchs ihm im Vertrauen Dinge sagen, ohne ihn aber zu bevormunden. Denn die beiden kennen sich schon lange: 1997 wurden die Priester gemeinsam geweiht. Seit 2003 bilden sie auch auf Pfarreiebene ein Team. Zuvor hatten sie dem damaligen Bischof Franz Kamphaus gegenüber betont, dass sie sich gut vorstellen könnten, gemeinsam zu leben und zu arbeiten. Seitdem wurden sie einmal bereits zusammen in eine andere Pfarrei versetzt. "Nur in einer Gemeinschaft sowohl in der Pfarrei als auch im Pfarrhaus kann ich ein guter Seelsorger sein", sagt Müller. Dafür sei die katholische Kirche schließlich eine große Gemeinschaft. "Da habe ich meinen Platz und ich denke, dass ich diesen Platz gut ausfüllen kann."

Gott muss ihn nicht tragen und ist dennoch immer bei ihm

Was seine Blindheit für seinen Glauben bedeutet, beschreibt Müller mit einem Bild: Er könne nicht selbst auf einen Berg klettern. "Aber es gibt Menschen, die mit mir gehen und mit deren Hilfe ich das schaffe. Das ist für mich ein sehr schönes Beispiel dafür, wie Gott mich führt", beschreibt der Priester. Er könne selbst laufen, Gott müsse ihn nicht tragen und sei dennoch immer bei ihm. Denn wenn er den Kontakt zu demjenigen verliert, der ihn führt, kommt er nicht weiter. "Ich gehe den Weg selbst, aber er führt mich und so komme ich an ein Ziel, das ich allein nie erreichen würde", sagt er. Gott sorge für ihn, das erlebe er auch durch seine Mitmenschen. "Insofern kann ich das, was ich in der Predigt über Gott verkünde, auch ganz praktisch erfahren."

Wichtig ist Müller aber, dass nicht nur Sehende Verständnis für Menschen mit Sehbehinderung aufbringen, sondern auch umgekehrt. "Für mich gehört es dazu, die Grenzen zu akzeptieren, die die Sehbehinderung mir setzt", sagt Müller. In seiner Schulzeit habe er – damals noch sehbehindert und nicht blind – im Advent an Frühschichten der Katholischen Hochschulgemeinde teilgenommen, konnte beim Kerzenschein die Liedblätter und Texte allerdings nicht lesen. Bei vollständig eingeschalteter Beleuchtung wäre das möglich gewesen und er hätte durchgängig mitsingen und -beten können. Dafür hätten allerdings alle Sehenden auf die Kerzenatmosphäre verzichte müssen. Damit wäre der Frühschicht viel genommen gewesen. "Natürlich möchte ich, dass meine Situation und Bedürfnisse berücksichtigt werden, aber in einer angemessenen Weise", erklärt Müller. Was dieses "angemessen" bedeute, darüber müsse man sprechen und sich austauschen. So sei er zwar auf die Unterstützung anderer angewiesen, könne anderen aber auch helfen, etwa durch Predigten, Trauerfeiern oder Seelsorgegespräche. Er ist überzeugt: "Keiner kann sein Leben ganz alleine bewältigen."

Von Christoph Brüwer