Stellungnahmen enttäuschten durch Ambivalenz

Osteuropa-Expertin: Papst lässt die Ukraine immer wieder im Stich

Aktualisiert am 26.08.2022  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs hätten viele Menschen Hoffnungen auf die Diplomatie des Vatikan gesetzt, sagt Regina Elsner. Diese Hoffnungen seien aber enttäuscht worden. Die Absage des Papsttreffens mit Kyrill könne nun eine Chance sein.

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Aus Sicht der katholischen Theologin und Osteuropa-Expertin Regina Elsner lässt Papst Franziskus die Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskriegs immer wieder im Stich. Internationale Beobachter hätten viel Hoffnung und Vertrauen in die diplomatischen Aktivitäten des Vatikan gesetzt, aber "seit sechs Monaten enttäuscht fast jede Stellungnahme aus Rom durch ihre Ambivalenz und Unfähigkeit, die Wahrheit zu benennen", kritisierte Elsner in einem Gastbeitrag für den Blog "Euromaidan Press" (Freitag). In den Stellungsnahmen würden weder der Aggressor noch die "tödliche Ideologie" angesprochen.

So habe der Vatikan in mehreren symbolischen Akten das Leid der Ukraine und Russlands im Krieg gleichgesetzt, etwa an Karfreitag, als eine ukrainische und eine russische Frau gemeinsam das Kreuz getragen hätten oder bei der Marienweihe Russlands und der Ukraine. Zudem habe der Papst mehrfach auch eine Mitschuld des Westens eingeräumt.

Dem Vatikan fehle es "offensichtlich an ernsthafter Expertise über Osteuropa jenseits von Russland – oder am Willen, die vorhandene Expertise zu nutzen", so Elsner. Auch polnische und rumänische Gläubige hätten ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht, dass der Vatikan "den russischen Mythos vom Druck der NATO auf Russland" unterstütze. Gleichzeitig sei sich der Vatikan anti-ökumenischen Strömungen innerhalb der orthodoxen Kirche Russlands nicht bewusst.

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Zudem bemühe der Vatikan sich seit dem Kalten Krieg um eine besondere Beziehung zur orthodoxen Kirche. Eine Erneuerung der guten Beziehungen habe es unter Papst Benedikt XVI. gegeben, als die Führungen beider Kirchen ein gemeinsames Interesse entdeckt hätten, nämlich "die Verteidigung konservativer christlicher Werte gegen den Liberalismus", erklärte Elsner. Die Unterdrückung abweichender Meinungen innerhalb und außerhalb der Kirche in Russland, der Ukraine und Belarus sei dabei allerdings nie ein Thema des ökumenischen Dialogs gewesen.

Ein weiterer Grund für das "Versagen des Vatikan", sich einstimmig gegen den Krieg zu positionieren sei zudem die "völlige Unkenntnis der Funktionsweise der Propaganda, die in diesem Krieg zu einem so mächtigen Werkzeug wurde". Die Behauptung, dass beide Seiten ihren Anteil an der Wahrheit hätten, sei in diesem Krieg eine der Hauptwaffen der Kriegsführung. "Wenn der Vatikan zustimmt, dem Westen einen Teil der Schuld und Russland einen Teil der Wahrheit zu geben, trägt er genau zu diesen Mythen bei, er gibt zu, dass er keine Ahnung von der Situation in der Ukraine hat und nicht in der Lage ist, Informationen zu differenzieren", kritisierte die Theologin.

Angesichts dieser Gründe hätten viele Beobachter nervös auf das mögliche Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Kasachstan geschaut. Die Absage von Patriarch Kyrill, am Gipfel der Religionsführer in Kasachstan teilzunehmen, sei nun eine Chance, "endlich eine klare Haltung gegenüber Russland zu finden, zu erkennen, dass weder Putin noch Patriarch Kyrill ein Interesse an der Beendigung des Krieges haben", so Elsner. Dann könne der Vatikan auch seine Solidarität mit der Ukraine verstärken und zum Kampf um Freiheit und Würde beitragen. (cbr)