Standpunkt

"Religion und Außenpolitik": Wir brauchen mehr und nicht weniger davon

Aktualisiert am 31.08.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Weil die Bundesregierung sparen will, steht ein Bereich der deutschen Außenpolitik auf dem Prüfstand, klagt Pater Nikodemus Schnabel: das Referat "Religion und Außenpolitik". Für Schnabel ist klar, dass Religion dem Verständnis von Politik hilft.

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"Die Öffnung der deutschen Außenpolitik für mehr Impulse aus der Zivilgesellschaft ergänzt die klassische Außenpolitik zwischen Staaten um eine Außenpolitik der Gesellschaften. Religionsgemeinschaften sind die größten transnationalen zivilgesellschaftlichen Akteure auf der Welt: 84 Prozent der Weltbevölkerung bekennen sich zu einer Religion. Im politischen Raum werden die Begriffe 'Religion' und 'Problem' gerne in einem Atemzug genannt, da Religionen allzu oft entweder als Konfliktquellen oder -beschleuniger oder aber als diskriminierte und verfolgte Minderheiten gesehen werden. Selten werden sie als Partner auf Augenhöhe betrachtet. Dabei haben Religionsvertreter oft ein gutes Gespür für Entwicklungen in ihrem Land und beeinflussen diese an vielen Stellen. Mit dem Ziel, Religionsgemeinschaften und ihren möglichen Einfluss auf Gesellschaft und Politik besser zu verstehen, widmet sich auch das Auswärtige Amt dem Thema Religion."

Was hier auf den Seiten des Auswärtigen Amtes zur Arbeit des Referats "Religion und Außenpolitik" zu lesen ist, hat nichts an Dringlichkeit und Gültigkeit eingebüßt. Ob das auch für die Randnummer 4247-4249 des Koalitionsvertrags der Ampel gilt? Dort heißt es: "Wir … verstärken die Programme in europäischen Grenzregionen sowie die internationale Sportpolitik und den Bereich Religion und Außenpolitik."

Im politischen Berlin pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass im Zusammenhang mit dem großen Streichkonzert im Bereich der einst hoch angesehenen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik nicht nur der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) vor drastischen Kürzungen steht, sondern, dass auch das Referat 612 "Religion und Außenpolitik" mit anderen Referaten der AA-Kulturabteilung zusammengeschmolzen, wenn nicht sogar ganz von der Bildfläche verschwinden soll.

Ist das Teil der politisch beschworenen "Zeitenwende"? Auf den Faktor Religion im auswärtigen Analysieren und Handeln zu verzichten? Braucht es angesichts der religionisierten Politik einiger Machthaber – man denke nur an Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine – nicht gerade ein Mehr als ein Weniger an Religious Literacy? Wie möchte die Bundesrepublik Deutschland sich etwa außenpolitisch kompetent gegenüber China, Indien, Russland, der Ukraine, dem Iran, Myanmar, Saudi-Arabien, Nigeria, der Türkei oder Nord-Mazedonien positionieren, ohne eingehende Berücksichtigung des Faktors Religion in den genannten Ländern?

Ich hoffe sehr, dass sich im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland genug Stimmen der Vernunft zu Wort melden, die sich dieses eminent wichtigen außenpolitischen Instrumentariums nicht berauben lassen wollen.

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Der Jerusalemer Benediktinermönch Nikodemus Schnabel OSB ist Lateinischer Patriarchalvikar für alle Migranten und Asylsuchenden und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.