Fragen nach Tradition der Kirche und nach Konfession seien nicht überflüssig

Ökumeniker Thönissen warnt vor konturlosem Nebeneinander von Christen

Aktualisiert am 02.11.2022  –  Lesedauer: 

Paderborn ‐ Neigt die jüngere Theologen-Generation von heute zu einer nicht- oder überkonfessionellen Grundhaltung? Der Paderborner Ökumeniker Wolfgang Thönissen warnt: Es würden zwar wichtige Fragen der Ökumene besprochen, "aber der Stachel im Fleisch ist weg".

  • Teilen:

Der Paderborner Ökumeniker Wolfgang Thönissen sieht bei der jüngeren Theologen-Generation eine Tendenz zu einer nicht- oder überkonfessionellen Grundhaltung. Ein Kollege an seiner Fakultät habe ihm empfohlen, sich von der bisherigen "Konfessionsökumene" zu verabschieden, sagte der langjährige Leitende Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn am Dienstag in einem Interview des Fachdiensts "Ökumenische Information" der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

"Heute unterhalten sich junge katholische und evangelische Kollegen gerne über Eucharistie und Kirche und andere wichtige Fragen der Ökumene, aber der Stachel im Fleisch ist weg, nämlich die Frage, was bedeutet unser gemeinsames theologisches Nachdenken für die künftige Gemeinschaft zwischen den Christen und zwischen den Kirchen?", beklagte Thönissen.

Wenn diese Fragen suspendiert würden, ergebe sich "ein multilaterales Nebeneinander von Christen", das "konturlos" sei, betonte Thönissen. "Natürlich müssen wir den Konfessionalismus überwinden, das ist überhaupt keine Frage", fügte er hinzu. Er halte aber die Fragen nach der Tradition der Kirche und nach der Konfession nicht für überflüssig. "Ich liebe klare Verhältnisse; wenn ich weiß, dass mein Gegenüber ein gestandener Lutheraner ist, dann kann ich damit wunderbar umgehen, auch wenn ich ihm nicht in allem zustimmen kann." Aber wenn alles für gleich gültig erklärt werde, ohne dabei noch die zentrale ökumenische Frage nach der zukünftigen Gestalt der Einheit der Kirche zu stellen, "dann sehe ich darin jedenfalls keine Zukunft der Ökumene, sondern ihr Ende".

Gemeinsame Kirchen-Initiative gegen den Krieg

Angesichts der befürwortenden Haltung der russisch-orthodoxen Kirche zum Krieg gegen die Ukraine regt Thönissen eine gemeinsame Initiative der anderen Kirchen an. "Die orthodoxen Kirchen müssen untereinander klären, wie sie künftig mit der russisch-orthodoxen Kirche umgehen wollen", sagte der Ökumeniker. "Waffen segnen und einen Angriffskrieg unterstützen, kann ich beim besten Willen nicht für eine mögliche christliche Position halten", betonte Thönissen. Die anderen orthodoxen Kirchen sollten überlegen, "ob man nicht einen Vorstoß in Richtung der westlichen Kirchen wagt".

Das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie, der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, könnte die Initiative ergreifen, "alle bereitwilligen orthodoxen Kirchen mitzunehmen, um das Band zu den westlichen Kirchen zu festigen", schlug Thönissen vor, "auf der Grundlage, dass alle Kirchen für Frieden sind und keine Kirche einen Krieg unterstützen kann". Wenn sich die großen Kirchenführer wie Papst Franziskus, Patriarch Bartholomaios, der anglikanische Erzbischof Justin Welby und andere Kirchenvertreter darauf verständigen könnten, halte er das für einen gangbaren Weg.

Thönissen, der Ende September in den Ruhestand trat, leitete das Paderborner Lehr- und Forschungsinstitut, das zugleich im ökumenischen Dialog tätig ist, seit 1999. Er ist weiterhin Konsultor des Vatikan-Dikasteriums für die Einheit der Christen, berät die Kommission für Ökumene der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und gehört der Lutherisch-Katholischen Dialogkommission auf weltkirchlicher Ebene an. (tmg/KNA)