Ein Kreuzzug der Nächstenliebe – und sein Scheitern

Wie Eugenio Pacelli versuchte, katholische Juden zu retten

Veröffentlicht am 24.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Christiane Laudage (KNA) – Lesedauer: 

Rom ‐ Verzweifelte Briefe erreichen 1938 den Vatikan. Kardinal Eugenio Pacelli entwickelt die Idee, jüdische Konvertiten nach Irland zu bringen. Doch Skepsis, Auflagen und Antisemitismus lassen den Plan rasch zerbrechen.

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Als das faschistische Italien im Herbst 1938 eigene Rassengesetze einführte, die eine systematische Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung einleiteten, erreichten den Vatikan verzweifelte Briefe von Menschen, die um ihr Leben fürchteten. Aus dem Deutschen Reich waren rund 18.000 jüdische Menschen nach Italien geflohen, die nun auf Grund der neuen Gesetzeslage ihr Aufenthaltsrecht in Italien zu verlieren drohten. Sie wussten nicht mehr weiter und suchten Hilfe beim Papst.

Inmitten dieser Hilferufe entwickelte der damalige Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., eine ungewöhnliche Idee: Das katholische Irland sollte zum Zufluchtsort für katholisch getaufte jüdische Flüchtlinge werden. ·

Ein besonderer Bestand im Vatikanischen Archiv

Über diesen Plan, der letztlich scheiterte, schreibt der US-amerikanische Historiker David Kertzer auf Basis seiner Forschungen im Vatikan-Archiv. Sein Aufsatz erscheint im Februar in der Fachzeitschrift "Irish Theological Quaterly" der päpstlichen Universität in Maynooth (Irland), wurde aber bereits vorab online gestellt.

David Kertzer ist ein ausgewiesener Kenner der vatikanischen Quellen und Autor mehrerer Bücher zu diesen Themen. Er hat für diesen Aufsatz verschiedene Bestände im Vatikanischen Archiv ausgewertet, so auch die "Serie Ebrei", in der sich die Hilfsgesuche an den Vatikan befinden. Der deutsche Historiker Hubert Wolf arbeitet ebenfalls seit einigen Jahren an diesem Bestand und hat das Projekt "Asking the Pope for Help" (Den Papst um Hilfe bitten) ins Leben gerufen. Es bekam im Dezember 2025 eine Langzeitförderung von 15,4 Millionen Euro über die kommenden 25 Jahre zugesprochen.

Briefe voller Verzweiflung

"Ich wende mich an Sie, Emminenz, in meiner großen Verzweiflung. Ich bin eine deutsche Katholikin und bis März muss ich Italien verlassen, weil ich jüdischer Abstammung bin", schrieb zum Beispiel Margarete Gerstel-Faerber an Kardinal Eugenio Pacelli. "Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll oder was tun! .... Was soll aus mir werden?" Briefe wie diese verfehlten nicht ihre Wirkung auf den Kardinalstaatssekretär Pacelli. "Viele ähnliche Bitten sind an den Heiligen Stuhl gelangt, der nicht versäumt hat, opportune Schritte zu unternehmen, um das Schicksal der konvertierten Juden zu mildern", zitiert der Historiker Kertzer aus der Korrespondenz Pacellis.

Pacelli setzte nach Erkenntnis des Historikers große Hoffnungen auf Irland, wo sich nach seinem Eindruck ein "Kreuzzug der Nächstenliebe" für konvertierte Juden formierte. Über den Nuntius in Dublin, Paschal Robinson, band er die irische Sektion der katholischen Laienorganisation St.-Vinzenz-von-Paul-Gesellschaft ein. Deren langjähriger Präsident Sir Joseph Glynn sollte die praktische Organisation übernehmen, erläutert Kertzer.

Hubert Wolf in der Diözesanbibliothek in Münster
Bild: ©KNA/Andreas Kühlken

Der deutsche Historiker Hubert Wolf hat das Projekt "Asking the Pope for Help" (Den Papst um Hilfe bitten) ins Leben gerufen.

Wer sollte mit dem irischen Kreuzzug der Nächstenliebe gerettet werden? Im Zentrum der Bemühungen standen katholisch getaufte Juden oder Katholiken jüdischer Herkunft, die vom italienischen Staat nach den neuen Rassegesetzen als "Juden" eingestuft wurden, wie David Kertzer ausdrücklich betont - nicht praktizierende Juden.

Wohlwollen in Rom, Skepsis in Dublin

Über Nuntius Robinson ließ Pacelli die irische Seite regelmäßig über Einzelfälle informieren, so Kertzer: Ehepaare, Ärzte, Akademikerinnen, junge Konvertiten aus Deutschland, Österreich oder Ungarn, die in Italien studiert oder gearbeitet hatten und nun Italien verlassen mussten. Pacelli verwies gerne in seiner Korrespondenz darauf, dass Papst Pius XI., damals schon schwer krank, das Unternehmen voll umfänglich unterstütze.

Doch im Alltag stießen die Pläne schnell an Grenzen, zeigt der Historiker auf. Jede Einreise hing nach Ausweis der Quellen von der Zustimmung der Regierung in Dublin ab, konkret vom Industrieminister Seán Lemass. Er stellte Visa nur unter der Bedingung in Aussicht, dass keine berufliche Konkurrenz für irische Arbeitskräfte entstehe. Außerdem sicherten die Visa den Flüchtlingen kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht zu. Hinzu kamen finanzielle Hürden: Für jede Einreise verlangte der irische Staat eine Kaution, um sicherzustellen, dass die Flüchtlinge dem Staat nicht zur Last fallen würden. Die irische Flüchtlingskommission, auf deren Unterstützung der Vatikan setzte, konnte angesichts begrenzter Mittel und wachsender Vorbehalte daher nur wenige Fälle ernsthaft verfolgen, resümiert Kertzer nach dem Quellenbefund. ·

Vorbehalte bei irischen Katholiken

Entscheidend wurde schließlich die Stimmung im Land, zeigt der Historiker auf. Wie der Nuntius nach Rom berichtete, stießen die Pläne für die Aufnahme konvertierter Juden in Irland auf breite Skepsis - nicht nur bei Teilen der Bevölkerung, sondern auch bei katholischen Verbänden. Viele fragten, warum ausgerechnet "fremde" Arbeitskräfte ins Land kommen sollten, während es unter Iren bereits große Arbeitslosigkeit und Armut gebe, so Kertzer.

„Ich wende mich an Sie, Emminenz, in meiner großen Verzweiflung. Ich bin eine deutsche Katholikin und bis März muss ich Italien verlassen, weil ich jüdischer Abstammung bin.“

—  Zitat: Margarete Gerstel-Faerber an Kardinal Eugenio Pacelli

Der irische Justizminister Patrick Ruttledge warnte im April 1939, die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge könne radikale Gruppen anheizen, die behaupteten, "der irische Arbeiter werde von billig importierter jüdischer Arbeit verdrängt", zitiert der Historiker aus den Quellen. Am selben Tag beschlossen die irischen Bischöfe einstimmig, in ihren Diözesen keine Kollekten zur Unterstützung der Einwanderung konvertierter Juden zu veranstalten.

3.000 Einwanderungsvisa aus Brasilien

Während der irische Plan faktisch scheiterte, so Kertzer, arbeitete der Vatikan bereits an einer anderen, deutlich umfassenderen Lösung. Auf Initiative des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber kam es 1939 zu Verhandlungen mit Brasilien, dessen Präsident Getúlio Vargas schließlich 3.000 Einwanderungsvisa eigens für getaufte Juden aus dem Herrschaftsbereich des "Dritten Reiches" freigab - zu Ehren des neuen Papstes Pius XII. Anders als in Irland sollten diese Visa nicht nur der Durchreise, sondern einer dauerhaften Ansiedlung dienen. Die Auswahl der Begünstigten sollte direkt über den Vatikan oder von ihm beauftragte kirchliche Stellen laufen.

Für die wenigen Konvertiten, die über Irland zunächst Aufnahme gefunden hatten und später erneut unter Druck gerieten, bot das brasilianische Programm eine letzte Chance, so Kertzer. Der Nuntius in Dublin bemühte sich 1940, für eine Gruppe nicht-arischer Katholiken aus Irland Brasilien-Visa zu erwirken, musste aber bald erfahren, dass auch diese Tür nur eingeschränkt offenstand: Brasilien lehnte grundsätzlich Menschen ab, die erst nach 1934 getauft worden waren.

Von Christiane Laudage (KNA)