Ein Bischof zwischen Protest und Versagen
Zum 70. Todestag des Eichstätter Oberhirten Michael Rackl

Ein Bischof zwischen Protest und Versagen

Die Rolle der katholischen Bischöfe im Dritten Reich ist umstritten. Beispielhaft zeigt sich das an der ambivalenten Rolle des Eichstätter Bischofs Michael Rackl. Heute vor 70 Jahren starb er.

Von Tobias Glenz |  Bonn/Eichstätt - 05.05.2018

Michael Rackl habe "zu den engagiertesten Kämpfern gegen den Nationalsozialismus" gezählt, hieß es lange Zeit über den früheren Eichstätter Bischof. In geradezu  "kompromiss- und schonungsloser Offenheit" habe er den Kampf nationalsozialistischer Kräfte gegen die katholische Kirche angeprangert, lautete ein weiteres Urteil der Geschichtswissenschaft. Umso beeindruckender sei dies gewesen, weil die Diözese Rackls in weiten Teilen auf mittelfränkischem Gebiet lag – einer Hochburg der nationalsozialistischen Bewegung unter dem berüchtigten Gauleiter Julius Streicher. Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Neueste Forschungsergebnisse, wie sie jüngst die Historiker Markus Raasch und Christiane Hoth vorgelegt haben, zeichnen ein vielschichtiges Bild Rackls. Dieses korrigiert die Vorstellung einer makellosen Widerstandshaltung des Eichstätter Oberhirten, der am 5. Mai 1948 starb.

Michael Rackl war ein Sohn des Deutschen Kaiserreichs. Am 31. Oktober 1883 wurde er in Rittershof bei Pölling in der Oberpfalz geboren. Er war das älteste von neun Kindern eines wohlhabenden Landwirts; zwei seiner Schwestern wurden später Ordensschwestern, ein Bruder schlug ebenfalls die Priesterlaufbahn ein. Rackl studierte nach seinem Abitur 1904 am Eichstätter Lyzeum Theologie und Philosophie. 1909 wurde er zum Priester geweiht, 1911 promovierte er an der Universität Freiburg im Fach Dogmatik. An der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Eichstätt hatte er von 1913 bis 1935 den Lehrstuhl für Dogmatik inne. 1924 wurde er zusätzlich Regens des Eichstätter Priesterseminars und Rektor der Hochschule.

Nationalismus und Militäraffinität

Aufschluss über seine spätere Haltung im Nationalsozialismus kann Rackls Weltbild geben: Er galt als überzeugter Nationalist, der durchaus die Idee der Volksgemeinschaft guthieß – gleichwohl mit einem anderen Anstrich als die Nationalsozialisten. "Alle physisch, geistig und sittlich gesunden Völker haben die Vaterlandsliebe ... hochgeschätzt und ... mit dem Glanz religiöser Weihe umgeben", schrieb er 1917. Über sich selbst formulierte er: "Und meine heilige christliche Religion, der katholische Glaube, hat meiner Liebe zum deutschen Vaterland und zur bayerischen Heimat den Segen und die Weihe von oben gegeben." Gemäß dieser Haltung propagierte er im Ersten Weltkrieg auch den "Heldentod" deutscher Soldaten als "etwas Gutes, Schönes, Edles und Erhabenes", als "heroischen Tugendakt" und "christliches Martyrium". Nach dem verlorenen Krieg und dem Ende des Kaiserreichs tat sich Rackl folgerichtig schwer mit der Weimarer Demokratie und der gesellschaftlichen Modernisierung in den "goldenen 20ern".

Bild: © KNA

Von 1924 bis 1935 war Michael Rackl Regens des Eichstätter Priesterseminars.

Bereits vor der Machtergreifung Hitlers sah Rackl im Einklang mit den deutschen Bischöfen ideologische Unvereinbarkeiten der NSDAP mit der Kirche. Das änderte sich auch nach 1933 nicht. Er vermittle "den Gesamteindruck einer Persönlichkeit, die den Erfordernissen des nationalsozialistischen Staates wenig Verständnis entgegenbringt", wertete das Bayerische Kulturministerium. Andererseits gehörte Rackl zu den Unterzeichnern des "Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat" vom 11. November 1933. Rackl machte zu jener Zeit seine Vaterlandstreue immer wieder öffentlich. So galt er den bayerischen Behörden, die über seine Bischofsernennung zu befinden hatten, als "politisch einwandfrei". Am 2. Dezember 1935 wurde er als neuer Bischof von Eichstätt vereidigt, am 21. Dezember erfolgte die Bischofsweihe durch seinen Vorgänger Konrad Graf von Preysing, der in die Reichshauptstadt Berlin wechselte.

Vermutlich war es auch der Vergleich zu von Preysing, der Rackls kritische Stellungnahmen in den Augen der Nazis harmlos erscheinen ließ. Der Vorgänger im Bischofsamt hatte immer wieder öffentlich gegen die neue Regierung Stellung bezogen. In einem Pastoralblatt von 1933 schrieb von Preysing etwa, die göttliche Ordnung werde konterkariert, wenn "ein Geschöpf, Volkstum, Rasse und Blut ... zum letzten Ziel, zum Selbstzweck gemacht werde". In der Fuldaer Bischofskonferenz war er einer der wenigen, die sich gegen das Reichskonkordat aussprachen und eine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten ablehnten. Von Preysing prägte damit durchaus die Geistlichen und Gläubigen seiner Diözese. Das katholische Leben im Bistum Eichstätt blühte nach 1933 mehr denn je, die Messen waren gut besucht, die Kommunionzahlen stiegen, Prozessionen und Wallfahrten erlebten großen Zuspruch, ebenso die katholischen Jugendvereine. Gleichzeitig erhielt aber auch die NSDAP nach der Machtübernahme schichtenübergeifenden Zulauf auf Diözesangebiet.

Vorkämpfer für die katholische Sache

In dieser Situation übernahm Rackl in Eichstätt das Ruder. In den ersten Jahren nach seiner Weihe präsentierte er sich als Vorkämpfer für die katholische Sache. Konsequent stellte er die ideologischen Unterschiede zwischen Kirche und NS-Staat heraus. Unter anderem trieb er die Neuausrichtung der Jugendseelsorge voran, sorgte für Bibelabende, Katechesen und Einkehrtage. Außerdem legte er Wert auf ein eigenständiges kirchliches Pressewesen als "Gegengewicht gegen die kirchenfeindliche Presse" der Nazis, wie er im Sommer 1936 bei Priesterexerzitien sagte. In Flugschriften und Predigten machte er aus seinen Ansichten keinen Hehl: "Im nationalsozialistischen Staate besteht nicht mehr die volle Freiheit des Gewissens, der Religion und der Bekenntnisse … Jeder Katholik muss sich entscheiden, ob er seiner Kirche treu sein oder ein Nationalsozialist werden will", so Rackl in einer Homilie vom 7. Juni 1936. "Beides zugleich ist unmöglich."

Einige Eichstätter Geistliche standen unter staatlicher Überwachung und wurden wegen NS-kritischer Äußerungen mit Haft bedroht. Rackl stellte sich mehrfach schützend vor seine Diözesanpriester. Bekannt geworden ist der Fall des Eichstätter Dompfarrers Johannes Kraus. Wegen seiner ablehnenden Äußerungen zur Staatsführung nannten die NS-Behörden ihn "einen außerordentlich scharfen und fanatischen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus". Nach der Veröffentlichung eines regimekritischen Flugblattes reagierten die Nationalsozialisten mit einer Ausweisung des Dompfarrers aus seiner Diözese, es folgte ein Unterrichtsverbot, zwischenzeitliche "Schutzhaft" bei der Gestapo und schließlich eine Zwangsversetzung. Rackl verteidigte das Verhalten Kraus' dennoch in seinen Predigten und sprach kulturkämpferisch vom "Kampf zweier Weltanschauungen, die einander gegenüberstehen wie Feuer und Wasser". Als er gegen die Ausweisung von Kraus im Eichstätter Dom predigte, kamen mehrere Tausend Gläubige zur Bischofskirche und unterstützten auf diese Weise den Bischof und ihren Dompfarrer. Neben dieser Massendemonstration setzten sich die Eichstätter Gläubigen auch durch eine Unterschriftenaktion für Kraus' Verbleib ein.

Konrad Graf von Preysing (1880-1950) war der Vorgänger Michael Rackls als Bischof von Eichstätt.

Das oppositionelle Verhalten Rackls war jedoch nur die eine Seite der Medaille. Immer mehr bemühte er sich abseits der Kirchenpolitik um eine Zusammenarbeit mit dem NS-Staat. So ließ er beispielsweise eine Caritassammlung zugunsten der Sammlungen für das nationalsozialistische "Winterhilfswerk" ausfallen. Noch vor Kriegsbeginn gelobte er seine "innere Verbundenheit mit der Deutschen Wehrmacht" vor dem Eichstätter Militärkommandeur. 1940 feierte er den Sieg Deutschlands über Frankreich und nannte den späteren Kampf gegen die Sowjetunion "einen Kreuzzug, einen heiligen Krieg für Heimat und Volk, für Glauben und Kirche, für Christus und sein hochheiliges Kreuz". Nach dem Kriegsausbruch 1939 blieb er öffentlich weitgehend still, vermied Konflikte mit der Partei und konzentrierte sich auf ein innerkirchliches Wirken. Die Zwangsversetzung von Johannes Kraus nahm er 1942 ohne jedweden Protest hin. Vor allem aber schwieg Rackl zum Schicksal der Juden, was für einen Großteil der Eichstätter Geistlichkeit galt. Öffentliche Verlautbarungen oder Protestbekundungen gegen Verfolgung und Völkermord blieben aus.

"Persilscheine" für SS und Gestapo

Rackl überlebte das Kriegsende nur um drei Jahre. Bis zu seinem Tod 1948 setzte er sich besonders für die Versorgung und Integration von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in seiner Diözese ein. Darüber hinaus half er jedoch immer wieder auch ehemaligen Nationalsozialisten, unterstützte Parteimitglieder, SS-Offiziere und Gestapoangehörige und stellte zu ihrer Entlastung zahllose "Persilscheine" aus.

Wie ist Rackls Verhalten während der NS-Diktatur nun zu werten? Einerseits führte er eine Auseinandersetzung mit dem Nazistaat, wenn es um die Bewahrung kirchlicher Freiheiten und Rechte sowie der Seelsorge ging. Andererseits nahm seine Abwehrbereitschaft im Laufe der 1930er-Jahre immer weiter ab. In späteren Äußerungen scheint immer wieder offener Nationalismus, Demokratieferne und eine ausgeprägte Militäraffinität durch – gekoppelt mit einem Schweigen zu Kriegsverbrechen und Judenmord. Michael Rackl erhob im Dritten Reich also durchaus seine Stimme, "zu den engagiertesten Kämpfern gegen den Nationalsozialismus" kann er aber kaum mehr gezählt werden.

Von Tobias Glenz

Buchtipp

Maria Anna Zumholz / Michael Hirschfeld (Hrsg.): Zwischen Seelsorge und Politik. Katholische Bischöfe in der NS-Zeit. Aschendorff Verlag 2018. ISBN 978-3-402-13228-9. 29,80 Euro.