Richard Henkes: Wie ein Pallottinerpater gegen die Nazis predigte
Märtyrer aus dem Bistum Limburg wird seliggesprochen

Richard Henkes: Wie ein Pallottinerpater gegen die Nazis predigte

Am Ende bezahlt Richard Henkes sein Engagement mit dem Tod: 1945 rafft eine Typhusepidemie den leidenschaftlichen Prediger und Lehrer dahin. Bis dahin wurde er für sein politisches Engagement bekannt. Jetzt wird er seliggesprochen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Limburg - 15.09.2019

Richard Henkes weiß schon früh, was er will: In der Nachfolge Jesu leben und sich für die Freiheit des Einzelnen einsetzen. Beides soll ihm später zum Verhängnis werden. Geboren wird Henkes 1900 in einem kleinen Dorf im Westerwald. Wohl behütet wächst er in einer katholischen Familie auf. Die Begegnung mit Pallottinern, die in Kamerun missionieren, beeindruckt ihn nachhaltig. Er will auch dorthin gehen und wechselt deshalb auf die neu eröffnete Pallottinerschule in Vallendar. Schon hier zeigt sich sein Anliegen, den Ausgleich zwischen Einzel- und Gruppeninteressen zu suchen. Ihm ist die Gemeinschaft wichtig, er will sich aber nicht vollkommen von ihr vereinnahmen lassen.

Kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs wird er noch eingezogen. An die Front muss er zwar nicht, dennoch verändert ihn der Kriegseinsatz. Weit weg von der heilen Welt seiner Kindheit trifft er auf eine kalte Realität aus Gewalt und Verrohung. Das lässt ihn erstmals an seiner Berufung zweifeln. Zurück zu Hause werden die Zweifel stärker: Wegen einer Tuberkuloseerkrankung muss er lange in Kur und ist zur Untätigkeit verdammt – kein Zustand für den agilen Henkes. Er entwickelt depressive Züge, stellt sich mehr und mehr die Frage nach seiner Berufung und letztendlich auch die Gottesfrage. Doch er schafft es, seine Depressionen zu überwinden. 1925 wird er zum Priester geweiht.

Konflikt mit dem Nationalsozialismus

Während seiner Ausbildung stellt Henkes fest, dass er gut mit Menschen umgehen kann und ein Gefühl für Gruppen hat. Er ändert also seinen Plan und geht nicht nach Kamerun. Henkes wird Lehrer. Bei seinen Schülern ist er beliebt, denn der junge Mann ist modern und lässt seine Klasse auch mal einen Aufsatz über eine Zigarettenschachtel schreiben. Die älteren Kollegen begegnen ihm dafür mit Missgunst. Bald bietet sich ihnen eine Möglichkeit, gegen den missliebigen Junglehrer zu schießen. Denn seit seiner Kurzeit schreibt Henkes regelmäßig Briefe an eine junge Frau aus Ahrweiler, dafür wird er sogar ermahnt. Letztendlich zieht der Orden die Reißleine: Um den Bruder aus der Schusslinie zu holen und gleichzeitig dem Lehrermangel in Schlesien zu begegnen, wird der junge Pädagoge in den Osten versetzt.

Dorthin geht er nur ungern, denn Henkes leidet sein Leben lang an Heimweh. Doch auch am neuen Einsatzort lehrt und predigt er mit viel Einsatz weiter. Doch das politische Klima ändert sich: Seit 1933 sind die Nationalsozialisten an der Macht. Ihr Bild der "Volksgemeinschaft" steht Henkes Ideal des Ausgleichs zwischen Gruppe und Individuum entgegen. Deshalb gerät Henkes mit den Nazis bald aneinander.

Ein Gedenkstein für Richard Henkes vor seinem Geburtshaus in Ruppach.

Bei einem Besuch in seiner Heimat wird er von jemandem in seiner Heimatgemeinde wegen zwei Predigten angezeigt. Worum es in den Texten genau geht, ist heute nicht mehr bekannt. Er hatte sich aber wohl kritisch über die Nationalsozialisten und Adolf Hitler geäußert. Henkes wird verhört, darf aber wieder gehen. Es soll nicht das letzte Mal sein, dass er sich wegen seiner Einstellung rechtfertigen muss.

In Schlesien ist er abends gern bei Familien zu Gast, isst und trinkt mit ihnen. An einem dieser Abende ist im Jahr 1937 der Absturz des Zeppelins "Hindenburg" das große Gesprächsthema. Henkes entfährt es: Wäre Hitler auf diesem Luftschiff gewesen, hätte Deutschland ein Problem weniger. Die Familie gibt das an die Behörden weiter. Henkes kommt nach Breslau, wo ihm der Prozess gemacht wird. Ein Zufall hilft ihm: Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 gibt es eine Generalamnestie. Henkes kommt so mit einem blauen Auge davon.

Reliquien von Richard Henkes.

Henkes verfolgt seine Ideale unbeirrt weiter: Mit seinen Schülern analysiert er im Unterricht NS-Lieder und zeigt auf, wie sehr dort der angebliche Wille des "Volkes" über die Interessen des Einzelnen gestellt werden. Seine Ausbildung in Vallendar hat ihn nachhaltig geprägt: In seinem Verständnis ist ein Christ kein blindes Herdentier, sondern ein freier Mensch im Glauben. Diesen Grundgedanken bringt er auch in seine Predigten ein.

Den Pallottinern wird Henkes "zu heiß". Sie haben Angst, dass er die Aufmerksamkeit der Machthaber zu sehr auf die Schulen des Ordens zieht. Deshalb wird Henkes aus dem Schuldienst genommen: In Branitz und wird er Exerzitienmeister und Wallfahrtsseelsorger. Seine Predigten ziehen hier tausende Pilger an – und wenden sich wieder gegen das NS-Regime. Vor allem die Ermordung von Menschen mit geistiger Behinderung beschäftigt Henkes. Er nennt das sogenannte "Euthanasie"-Programm "Mord". Außerdem verbreitet er die regimekritischen Predigten des Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen und die Enzyklika "Mit brennender Sorge" von Papst Pius XI., die sich ebenfalls mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt.

Eine Predigt zu viel

Ab 1941 wird er Pfarrverwalter in Strandorf (heute Strahovice in Tschechien), weil dort nach der Besetzung die tschechischen Priester vertrieben wurden. Im Ort bemerkt er Spannungen in der aus Deutschen und Tschechen bestehenden Bevölkerung. Henkes beginnt, Tschechisch zu lernen, um zwischen den beiden Gruppen vermitteln zu können. Daneben predigt er engagiert weiter.

Doch irgendwann ist es eine systemkritische Predigt zu viel: Henkes wird verhaftet und kommt erst ins Konzentrationslager Ratibor, dann nach Dachau. Dort lernt er weiter Tschechisch, denn er möchte seine Versöhnungsbemühungen nach dem Krieg fortsetzen. Gemeinsam mit Mitbrüdern kümmert er sich um Mitgefangene, wobei ihm hier wiederum vor allem die Tschechen am Herz liegen.

In einer solchen Baracke war Richard Henkes im Konzentrationslager Dachau untergebracht.

Ende 1944 bricht in Dachau eine Typhusepidemie aus, da das Lager vollkommen überfüllt ist. Die Betroffenen werden in Krankenbaracken gebracht, Quarantänebereiche eingerichtet. Die SS geht in diese Bereiche nicht mehr hinein, die Gefangenen sind sich selbst überlassen. Wer diese Baracken einmal betritt, darf nicht wieder hinaus. Henkes will seine Mitgefangenen nicht alleine lassen und meldet sich freiwillig. Er ist zwar geimpft, das Risiko einer Ansteckung bleibt jedoch bestehen. Im Krankenblock bringt er den Menschen Wasser und Nahrung, pflegt und betreut sie. Viele begleitet er auch in den Tod. Letztendlich erkrankt er auch selbst an Typhus und stirbt am 22. Februar 1945.

In Tschechien ist Henkes Wirken bis heute ein Begriff, so unterstützte die dortige Bischofskonferenz auch das Seligsprechungsverfahren, das die Pallottiner 2003 angestoßen hatten. 2007 gingen die Akten an den Vatikan. Im Dezember 2018 hat Papst Franziskus das Martyrium von Richard Henkes anerkannt. In der Kathedrale seines Heimatbistums wird er nun seliggesprochen.

Von Christoph Paul Hartmann