Die Kirche und die Schoah: Schweigende Päpste und Bischöfe?
Serie: Die Kirche und... – Teil 2

Die Kirche und die Schoah: Schweigende Päpste und Bischöfe?

Hexen, Ketzer, Kreuzzüge: In Kirchengeschichte und -gegenwart gab und gibt es immer wieder große Kontroversen. Diese beleuchten wir mit unserer neuen Serie. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Verhalten der Kirche während der Schoah – einer Zeit von großen Versäumnissen und tatkräftiger Hilfe.

Von Josef Bordat |  Bonn - 19.02.2020

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Der Weg vom Antijudaismus in der theologischen Auseinandersetzung der Antike und des Mittelalters zum rassistisch motivierten Antisemitismus der Moderne ist nicht nur zeitlich ein weiter. Auch in Wesen und Absicht unterscheiden sich die theologische Kritik des Judentums von der Judenfeindlichkeit als politisches, ja: gesellschaftliches Phänomen, das sich bereits im 18. Jahrhundert – gerade auch bei so großen Aufklärungsphilosophen wie Kant – entwickelte, im Nationalismus des 19. Jahrhunderts zur Kulturtheorie aufstieg – ebenfalls flankiert von Gehässigkeiten der Geistesgrößen jener Zeit – und das schließlich im 20. Jahrhundert – biologistisch gestützt – zum zentralen Deutungsmuster des Nationalsozialismus wurde. Vom christlichen Antijudaismus (der kein Proprium katholischer Theologen war) lässt sich keine direkte Linie zur Schoah ziehen.

Doch die fortschreitende Säkularisierung des Judentums und der jüdische Intellektualismus sowie die Entwicklung einer jüdisch geprägten linken Kunst- und Kulturavantgarde wurde auch von den christlichen Kirchen im 19. Jahrhundert mit Argwohn zur Kenntnis genommen. Die Wahrnehmung des Judentums als "zersetzend" und "wurzellos" hat hier ihren Ursprung. Die Juden standen für die Moderne, die vom Katholizismus sowohl theologisch als auch praktisch mit großer Skepsis bedacht wurde; erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich das grundlegend geändert.

Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952) war einer der bedeutendsten katholischen Bischöfe des 20. Jahrhunderts.

Dass jedoch "direkter Antisemitismus" in die "Lehre, Liturgie und Verkündigung" der katholischen Kirche in Deutschland eingedrungen wäre, sei eine "Ausnahme", so Arnold Angenendt, die nicht "den Episkopat und die Gemeinden" betraf. Und das werde man "als besondere Leistung anerkennen müssen", vor allem auch, wenn man bedenkt, wie schnell das Gift des Antisemitismus in andere gesellschaftliche Institutionen eindrang, in den Kulturbetrieb etwa oder in die Sportverbände. Ferner ist zu beachten, dass die Juden selbst den deutschen Katholizismus nicht als antisemitisch wahrnahmen. Im Gegenteil: Der parlamentarische Arm der Kirche, das Zentrum, wurde am Ende der Weimarer Republik "zu einem der letzten politischen Zufluchtsorte für Juden". Und auch wenn der Widerstand des deutschen Klerus in der Breite ausblieb und auch das tief gespaltene Episkopat keine einheitliche Position entwickeln konnte, dürfen die vereinzelten Stimmen des Protests und des Einsatzes für die verfolgten Juden nicht überhört werden.

Der deutsche Episkopat: Vereinzelte Proteste

In Deutschland gab es einige Proteststimmen von Bischöfen, die die Juden nicht immer explizit mitbenannten, sie aber stets mitmeinten. Bereits 1934 erschienen die Adventspredigten von Kardinal Faulhaber, der acht Jahre zuvor in Rom mit über 300 Bischöfen und über 3.000 Priestern das Opus sacerdotale Amici Israel ("Priesterliche Vereinigung der Freunde Israels") gegründet hatte, dessen Ziel die christlich-jüdische Versöhnung war. In seinen Predigten ging es um theologische, nicht um politische Fragen. Dennoch sahen die neuen Machthaber darin einen Fall von "Kanzelmissbrauch". Am 29. Mai 1934 stürmten uniformierte und bewaffnete Gauführer der HJ die Berliner Filiale der Herderschen Buchhandlung und verlangten die Entfernung des "katholischen Schunds" aus der Auslage und die Einstellung des Verkaufs der Adventspredigten von Kardinal Faulhaber, der den Nazis als "Judenfreund" ein Dorn im Auge war. Nach dem Krieg wurde dem Judenfreund die Anerkennung seiner Freunde zuteil. Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern schrieb ihm 1949: "Als Vertreter der Bayerischen Kultusgemeinden werden wir nie vergessen, wie Sie, verehrter Herr Kardinal, in den Jahren nach 1933 mit einem Mut sondergleichen die Ethik des Alten Testaments von der Kanzel verteidigten und Tausende jüdischer Menschen vor dem Terror und der Gewalt geschützt haben."

Zur Reichskristallnacht am 9./10. November 1938 nahmen die deutschen Bischöfe öffentlich keine Stellung. Eine Ausnahme bildete der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg. Er betete öffentlich für die Juden und wandte sich gegen die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten, so auch im Mai 1942 in einer Erwiderung gegen ein besonders gehässiges Flugblatt: "In Berliner Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird behauptet, daß jeder Deutsche, der aus angeblich falscher Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, und sei es auch durch freundliches Entgegenkommen, Verrat an seinem Volk übt. Laßt euch durch diese unchristliche Gesinnung nicht beirren, sondern handelt vielmehr nach dem strengen Gebot Jesu Christi: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" Bernhard Lichtenberg wurde verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis wegen "Kanzelmissbrauchs" und Vergehens gegen das Heimtückegesetz verurteilt. Auf dem Transport von der Haftanstalt Tegel in das KZ Dachau, in das er wegen "Gefährdung der Öffentlichkeit" überführt werden sollte, verstarb der schwer herz- und nierenkranke Geistliche am 5. November 1943.

Bild: © KNA

Pius XII., Papst von 1939 bis 1958. (Das genaue Aufnahmedatum ist unbekannt)

Kardinal Faulhaber, Domprobst Lichtenberg und andere haben über ihr Engagement für die Juden hinaus immer das Lebensrecht aller Menschen betont, unabhängig von Rasse, Religionszugehörigkeit und anderen Eigenschaften. Am Totensonntag, dem 15. November 1942 predigte der Berliner Erzbischof Konrad Graf von Preysing ganz in diesem Sinne: "Jeder Mensch trägt das Ebenbild Gottes in seiner Seele. Jeder Mensch hat Recht auf Leben und Liebe. Nie ist es erlaubt, Angehörigen fremder Rassen die menschlichen Rechte zu nehmen, das Recht auf Freiheit, das Recht auf Eigentum, das Recht auf unlösliche Ehe; nie ist es erlaubt, gegen irgendjemanden solche Grausamkeiten zu verüben." Die Predigt wurde zu einem Hirtenbrief für die Adventszeit umgearbeitet, der am 12. Dezember 1942 in den Kirchenprovinzen von Köln und Paderborn verlesen wurde. In diesem heißt es: "Wer immer Menschenantlitz trägt, hat Rechte, die ihm keine irdische Gewalt nehmen darf." und "All die Urrechte, die ein Mensch hat, das Recht auf Leben, auf Unversehrtheit, auf Freiheit, auf Eigentum, auf eine Ehe, deren Bestand nicht von staatlicher Willkür abhängt, können und dürfen auch dem nicht abgesprochen werden." Das Recht auf Leben gilt nach katholischer Auffassung für alle Menschen.

Die Pius-Päpste: Antisemiten?

Was aber ist mit dem Vatikan während der NS-Zeit? Anders gefragt: Was war mit den Pius-Päpsten, mit Pius XI., der von 1922 bis 1939 die Kirche führte, und mit Pius XII., der während des Zweiten Weltkriegs und der Shoah das Petrusamt inne hatte (noch bis 1958)? Wie war ihr Verhältnis zu den Juden?

Papst Pius XI., Autor der Enzyklika Mit brennender Sorge (1937), hat "ausdrücklich den modernen Rassismus verurteilt" und "handelte überhaupt demonstrativ projüdisch", wie Arnold Angenendt feststellt. Seinem Nachfolger, Pius XII., wird von (inzwischen gründlich widerlegten) Historikern wie Daniel Goldhagen (Autor von "A Moral Reckoning", 2002) und tendenziösen Schriftstellern wie Rolf Hochhuth (Autor des Theaterstücks "Der Stellvertreter", 1963 durch Erwin Piscator in Berlin uraufgeführt) insbesondere der Vorwurf gemacht, zur Shoah geschwiegen zu haben. Er, der Papst, wird dabei zu einer Art "Sündenbock", auf den die damals schweigende Mehrheit in Europa schon sehr bald nach dem Krieg ihre Schuldgefühle projizieren konnte.

Die Frage, ob der Papst schwieg, ist mit "Jein" zu beantworten. Papst Pius XII. hat zur Schoah zunächst keineswegs geschwiegen. In den Jahren 1941 bis 1943 hielt Pius drei öffentliche Ansprachen, in denen er die Verfolgung und Ermordung der Juden verurteilt hat. Geschwiegen hat der Papst dann lediglich ab September 1943, nachdem die Wehrmacht Rom besetzt hatte.

Doch die entscheidende Frage ist, warum der Papst dann schwieg. Sie wird oft mit "Antisemitismus" zu beantworten versucht, einem stillschweigenden Einverständnis mit dem Nazi-Terror. Dagegen Angenendt: "Die beiden Pius-Päpste waren weder Rassisten noch Antisemiten" und der Vatikan ist "von Antisemitismus freizusprechen". Das kann man jedoch weniger ihren Worten, sondern vielmehr ihren Taten entnehmen: Pius XI. hatte einige konvertierte Juden im Vatikan aufgenommen, Pius XII. handelte ebenso – zahlenmäßig in ganz neuen Dimensionen.

Bild: © KNA

Clemens August Graf von Galen war von 1933 bis 1946 Bischof von Münster.

Angenendt zitiert den jüdischen Theologen und Publizisten Pinchas Lapide: "Einmal fanden nicht weniger als 3.000 Juden in der Sommerresidenz des Papstes in Castel Gandolfo Unterkunft; sechzig lebten neun Monate lang an der Jesuiten-Universität Gregoriana, und ein halbes Dutzend schliefen im Keller des Päpstlichen Bibelinstituts." Pius XII. hat Juden das Leben gerettet, mindestens zwischen 100.000 und 200.000 Personen, Pinchas E. Lapide meint sogar, es seien 850.000 gewesen.

Pius XII. wird insbesondere zum Vorwurf gemacht, zur Deportation der Juden aus Rom (Oktober 1943) geschwiegen zu haben. Angenendt erinnert jedoch daran, dass "statt der befohlenen 8.000" nur etwa "1.000 Juden nach Auschwitz abtransportiert" wurden. Etwa 5.000 Juden waren in Klöstern und im Vatikan versteckt – Menschen, die wohl ermordet worden wären, hätte der Papst laut protestiert statt im Stillen zu helfen.

Ein kurzes Fazit

Die Rolle der Kirche im Kontext der Schoah ist differenziert zu beurteilen. Es ist vielleicht wirklich nicht das schlechteste, sich zunächst einmal vorurteilsfrei über die Pius-Päpste und die katholische Kirche in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus zu informieren. Dabei wird vieles an Versäumnissen deutlich, aber auch das beherzte Handeln von Päpsten, Bischöfen, Priestern und Laien. Gerade letztere taten oft im Verborgenen, was sie konnten, halfen jüdischen Mitmenschen oder unterstützten ihren Pfarrer und ihren Bischof, indem sie, wie im Fall von Galens, dessen Botschaften verbreiteten. Das taten sie mit hohem Einsatz, unter großem Risiko und ohne sich einer Würdigung in den Geschichtsbüchern gewiss zu sein. Sie taten es einfach, weil sie in den Juden und anderen vom NS-Regime verfolgten Menschen Schwestern und Brüder sahen. Das ließ sie handeln. Ganz katholisch eben.

Von Josef Bordat

Der Autor

Josef Bordat studierte Wirtschaftsingenieurwesen, Soziologie und Philosophie mit anschließender Promotion. Er arbeitet als freier Publizist in Berlin.