Kirchenglocken für Hitler
Im Zweiten Weltkrieg wurden Tausende Glocken eingeschmolzen

Kirchenglocken für Hitler

Über 100.000 Kirchenglocken wurden im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen, um aus ihrem Metall Kriegsgerät herzustellen. Das Vorgehen des NS-Regimes stieß teilweise auf heftige Ablehnung. Trotzdem konnten nur wenige Glocken gerettet werden.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 24.08.2018

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs verfasste der britische Geheimdienst ein Gutachten über die Frage, wie sich eine Seeblockade auf die Versorgungslage des Deutschen Reichs mit Kupfer, Zinn und anderen kriegswichtigen Metallen auswirken würde. Das Ergebnis des Gutachtens schien beruhigend: Bei einer Blockade der überseeischen Nachschubwege werde das NS-Regime wegen seiner nur geringen Vorräte an Metallen, die für die Produktion von Fahrzeugteilen, Geschossen und Zündern benötigt wurden, höchstens 15 bis 18 Monate Krieg führen können, vermuteten die Agenten.

Es sollte sich bald zeigen, dass dies eine gravierende Fehleinschätzung war. Trotz der ungünstigen Ausgangslage bei der Versorgung mit kriegswichtigen Rohstoffen waren Adolf Hitler und seine Militärs in der Lage, fünfeinhalb Jahre Krieg zu führen; der von den britischen Geheimdienstlern prognostizierte Zusammenbruch der deutschen Rüstungsproduktion trat bis zum Ende des Weltkriegs nicht ein. Im Gegenteil: Ende 1944 waren die deutschen Kupfer- und Zinnvorräte sogar deutlich höher als zu Beginn des Kriegs. Ausländische Bobachter sprachen deshalb auch von einem "deutschen Metallwunder".

Straff organisierte "Metallmobilisierung"

Wie dieses "Wunder" zustande kam, hat der Historiker Jonas Scherner vor kurzem in einem Beitrag für die "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte" beschrieben. Detailliert schildert der in Norwegen lehrende Wissenschaftler in seinem Text, wie das Deutsche Reich dank einer straff organisierten "Metallmobilisierung" in der Lage war, seine Rüstungsproduktion bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs aufrechtzuerhalten.

Linktipp: Der Weg in den Untergang

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann die Terror-Herrschaft der Nationalsozialisten. Katholisch.de listet die wichtigsten Ereignisse bis 1945 in einer Chronologie auf.

Bereits kurz nach Kriegsbeginn begannen die mit Rohstofffragen befassten Behörden des NS-Staats demnach damit, Vorbereitungen für die Durchführung einer reichsweiten Metallsammlung zu treffen. Um den besorgniserregenden Mangel an kriegswichtigen Rohstoffen zu beseitigen, sollten Metallgegenstände aus öffentlichen Gebäuden und – auf freiwilliger Basis – aus privaten Haushalten gesammelt werden. Um der Bevölkerung die Teilnahme an der Sammlung schmackhaft zu machen, wurde die Aktion im Frühjahr 1940 mit großem Propagandaaufwand als "Metallspende des Deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers" am 20. April deklariert. Auf Anregung von Propagandaminister Joseph Goebbels erhielt jeder Spender eine Urkunde mit seinem Namen.

Die Aktion war ein großer Erfolg und überstieg mit knapp 77.000 Tonnen deutlich die Prognosen der Organisatoren. Zu Tausenden brachten die Deutschen Kronleuchter, Kerzenständer und andere Metallgegenstände zu den rund 62.000 Sammelstellen im ganzen Reich.

Delikater Griff nach den Glocken

Das Ergebnis der Sammlung war so groß, dass die Behörden eine andere wichtige Rohstoffquelle zunächst verschonen konnten – die Glocken in den Kirchen des Reichs. Doch auch ein anderer Grund ließ das Regime beim Griff nach den Glocken zögern: Den NS-Machthabern war klar, dass ein Einzug der Glocken für die Metallgewinnung ein heikles Thema war und dabei behutsam vorgegangen werden musste. Schon im Ersten Weltkrieg hatten Gläubige teilweise erheblichen Widerstand geleistet, als kaiserliche Beamte Glocken aus den Kirchtürmen abgehängt und zu den Schmelzereien transportiert hatten.

Im März 1933 stellte Adolf Hitler den Kirchen überraschend weitreichende Zugeständnisse in Aussicht.
Bild: © Bundesarchiv

Aus Angst vor Unruhen an der Heimatfront entschied Hitler 1940, die Glocken vorerst in den Kirchen zu belassen.

Wohl aus Angst vor ähnlichen Unruhen an der Heimatfront entschied Hitler deshalb im Laufe des Jahres 1940, die Glocken vorerst in den Kirchen zu belassen. Der Diktator hatte schon seit Kriegsbeginn mehrfach betont, dass "während des Krieges alle nicht unbedingt notwendigen Maßnahmen vermieden werden sollten, die das Verhältnis des Staates und der Partei zur Kirche verschlechtern könnten". Und so kam es, dass die "Reichsstelle für Metalle" den Kirchen gegenüber versicherte, dass man nach Kräften bemüht sei, die Kirchenglocken solange wie möglich vor den Schmelzöfen zu bewahren.

Doch schon ein halbes Jahr später wurden die Überlegungen für eine reichsweite Glockenabnahme wieder aufgenommen. Anlass waren die Vorbereitungen für den Angriff auf die Sowjetunion, für den die Menge der verfügbaren Rohstoffe noch einmal gesteigert werden musste. Im Februar 1941 entschieden die Behörden deshalb, die Glocken im Reich und den besetzten Gebieten abzunehmen, um so dringend benötigtes Metall zu gewinnen.

Allerdings gab es über das genaue Vorgehen bei der Aktion Unstimmigkeiten zwischen Hitler und Goebbels. Der Propagandaminister wollte zunächst die Kirchen im Reich plündern lassen, doch der Diktator befahl, mit der Glockenabnahme in den besetzten Gebieten zu beginnen. Dies wiederum stieß vor allem in Frankreich auf Widerstand. Der dortige Militärbefehlshaber bat um eine Verschiebung der Glockenaktion in seinem Gebiet, da diese nur unter "schärfsten Zwangsmaßnahmen" gegen die einheimische Bevölkerung durchgeführt werden könne. Die Besatzungsbehörden in den Niederlanden und Belgien wiederum wollten nur mit der Demontage der Glocken beginnen, wenn dies auch in Frankreich geschehe.

Linktipp: Kreuz und Hakenkreuz

Die "Machtergreifung" der Nazis vor 85 Jahren brachte die Kirche in eine Zwickmühle. Einerseits verurteilte sie deren Positionen. Andererseits forderte die katholische Lehre Gehorsam gegenüber dem Staat. (Artikel von Januar 2018)

Die sich über längere Zeit hinziehende Diskussion drohte insbesondere die deutschen Zinnreserven gefährlich zu minimieren. Deshalb rückte Hitler im November von seinem Befehl ab und gab grünes Licht, auch die Glocken im Reich abzuhängen. Zugleich wurde jedoch weiter Wert darauf gelegt, die Kirchen und ihre Gläubigen nicht unnötig zu provozieren. Als kleines Zugeständnis wurde deshalb entschieden, jeweils eine Läuteglocke – meist die kleinste Glocke – in den Kirchen zu belassen und nicht nur Kirchen-, sondern auch Ratshausglocken abzunehmen.

"Neugeartete Menschen, die Christus ingrimmig hassen"

Dieses Entgegenkommen des NS-Regimes konnte laut Historiker Scherner jedoch nicht verhindern, dass Teile der deutschen Bevölkerung, darunter auch Mitglieder der NSDAP, äußerst kritisch reagierten. Auch unter den Kirchgängern machte sich demnach "erhebliche Verbitterung" breit, insbesondere angesichts der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, als nur ein Teil der abgenommenen Glocken auch tatsächlich eingeschmolzen, der Rest aber jahrelang gelagert worden war.

Am 12. Dezember 1941 schrieb Goebbels in sein Tagebuch: "Vor allem die Wegnahme der Glocken hat in einzelnen Gauen zu schweren Verstimmungen geführt", was er auf die "Hetze der Pfaffen" zurückführte. Nur kurz darauf berichtete er erneut über "Kräche" in einigen Gauen infolge der Glockenabnahme. In einigen Orten um Würzburg sei es sogar zu Demonstrationen gekommen. Auch einzelne kirchliche Würdenträger sparten nicht mit Kritik. So stellte der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber die Glockenabnahme in einem Hirtenwort in einen Kontext mit "neugearteten Menschen, die Christus ingrimmig hassen".

Insgesamt wurden im Zweiten Weltkrieg 102.500 Kirchenglocken abgehängt und größtenteils eingeschmolzen.

Auch später kam es nach Angaben von Historiker Scherner immer wieder zu Kritik der Bevölkerung. In Oberbayern etwa habe die Bevölkerung teilweise versucht, die Beschlagnahmung der Glocken zu verhindern; in manchen Orten hätten Gläubige zudem versucht, die meist bei den Bahnhöfen lagernden Glocken zu stehlen. Der NS-Geheimdienst schlug daher vor, die abgenommenen Glocken so schnell wie möglich zu den Hüttenwerken zu transportieren.

102.500 Glocken wurden während des Weltkriegs abgehängt

Auch wenn es das NS-Regime also nicht schaffte, die befürchtete Unruhe in der Bevölkerung zu vermeiden, war die Glockenabnahme laut Scherner kriegswirtschaftlich betrachtet dennoch ein Erfolg: Von November 1941 bis April 1942 nahm das Regime 54.000 Glocken ab, von denen 37.000 unmittelbar zu den Hütten transportiert wurden; 15.000 Glocken kamen zunächst in Sammellager, und nur 2.000 Glocken blieben vorübergehend liegen. Insgesamt, so schreibt der Historiker, wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sogar rund 102.500 Glocken abgehängt, von denen der Großteil auch eingeschmolzen wurde.

Die wenigen Glocken, die nicht eingeschmolzen wurden, lagerten am Ende des Krieges meist auf "Glockenfriedhöfen". Der größte Lagerplatz dieser Art befand sich auf einem Gelände in der Nähe des Hamburger Hafens, wo nach der Kapitulation des Deutschen Reichs noch mehr als 10.000 Glocken auf den Schmelzofen warteten. Immerhin: Viele dieser Glocken konnten in den Jahren nach dem Krieg durch einen von den Alliierten gegründeten "Ausschuss für die Rückführung der Glocken" an die Kirchengemeinden in Deutschland und den ehemals besetzten Gebieten zurückgegeben werden.

Von Steffen Zimmermann