(Marien-) Wunder gibt es immer wieder – oder?
So geht die Kirche mit Erscheinungen der Gottesmutter um

(Marien-) Wunder gibt es immer wieder – oder?

Maria fasziniert Gläubige auf der ganzen Welt. Manche berichten sogar, die Gottesmutter sei ihnen persönlich erschienen. Doch die Amtskirche steht solchen Berichten skeptisch gegenüber. Zu offensichtlich ist bisweilen, dass es sich um irdische statt um übernatürliche Phänomene handelt.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 16.02.2018

Ganz hinten in der alten St. Petrus-Kirche stand Maria Anna Zumholz zu Beginn der 1990er-Jahre bei einem Gottesdienst im emsländischen Heede. Da wurde eine ältere Frau auf einer Bahre neben sie geschoben, die Hände und Füße eingewickelt in einen dicken weißen Verband. Wie Zumholz nach dem Gottesdienst erfuhr, handelte es sich bei Grete Ganseforth um eine besondere Patientin: Die Verbände verdeckten unerklärliche Blutungen an Händen und Füßen, die immer wieder auftraten, seit Ganseforth als Kind die Gottesmutter Maria erschienen war. 

Aus den Augen rinnt Blut

"Durch diese zufällige Begegnung war mein Interesse geweckt, ich wollte mehr über die angeblichen Marienerscheinungen erfahren", sagt die Historikerin und Katholikin Zumholz heute, über 25 Jahre und eine knapp 750seitige Doktorarbeit später. Nach ihren Recherchen trugt sich die erste Erscheinung von Heede an Allerheiligen 1937 zu. Die 11-jährige Grete besucht einen Gottesdienst, danach zeigt sich ihr und drei weiteren Seherkindern auf dem Friedhof vor der Kirche die Gottesmutter. Etwa hundert Mal beschreiben die Kinder bis 1940 das Phänomen. Für immer mehr Menschen wird Heede zum Pilgerziel. Grete bleibt ihr Leben lang durch das Erlebnis geprägt. An ihr zeigen sich später als Stigmata die Wundmale Christi, vor allem aber schwitzt sie Blut. Ein Foto zeigt die Frau, inzwischen mittleren Alters, in einem Bett sitzend; aus den Augen und Wunden an den Händen rinnt die rote Flüssigkeit.

Maria Anna Zumholz ist stellvertretende Leiterin der Arbeitsstelle Katholizismus- und Widerstandsforschung an der Universität Vechta.

Die katholische Kirche steht dem Phänomen solcher Marienerscheinungen grundsätzlich kritisch gegenüber. Maria sei "eine liebende Mutter, aber keine Oberpostbeamtin, die uns täglich Botschaften schickt", sagte einmal Papst Franziskus. Medjugorje in Bosnien-Herzegowina etwa entwickelte seit 1981 eine große Anziehungskraft, ist aber bis heute nicht offiziell anerkannt. Bis zu 42.000 Mal wollen die nun erwachsenen Seherkinder bis in die Gegenwart mit der Jungfrau Maria in Kontakt getreten sein, jedes Jahr kommt rund eine Million Besucher. 2010 setzte der damalige Papst Benedikt XVI. eine Prüfkommission zu Medjugorje ein, die abschließende Bewertung der Ergebnisse lässt aber noch auf sich warten.

Auch Heede ist bis heute kein offiziell anerkannter Marienwallfahrtsort, obwohl sich weiterhin viele Menschen angezogen fühlen. Es handelt sich hier lediglich um eine Gebetsstätte. Ähnlich geht es anderen Orten, an denen Menschen über Marienerscheinungen berichteten. "In Deutschland ist bislang kein einziger neuzeitlicher Wallfahrtsort offiziell approbiert worden", weiß Zumholz, die als Privatdozentin an der Arbeitsstelle Katholizismus- und Widerstandsforschung der Uni Vechta arbeitet. Eine Übernatürlichkeit der Ereignisse erkannte der Vatikan weltweit in nur 12 Fällen an. Darunter sind Guadaloupe in Mexiko, der größte Marienwallfahrtsort überhaupt, sowie Fatima in Portugal und Lourdes in Frankreich.

Die Zurückhaltung in Bezug auf vermeintliche Erscheinungen hat ihren Grund. Bisweilen ist es zu offensichtlich, dass es sich doch um irdische statt um übernatürliche Phänomene handelt. Die Historikerin Zumholz hat in ihrer Doktorarbeit einige interessante Muster entdeckt. So treten die Erscheinungen zu bestimmten Zeiten in der Geschichte besonders häufig auf. Das galt etwa für die Jahre vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg: Nach Angaben von Zumholz wurden zwischen 1930 und 1950 allein in Westeuropa etwa 30 Serien von Marienerscheinungen in Bäumen und über 300 Einzelerscheinungen vor kindlichen Sehern geprüft. In Osteuropa waren es nur zwischen 1945 bis 1952 sogar rund 2.000 Erscheinungen. "Mit dem Glauben an diese Marienerscheinungen haben wahrscheinlich manche Gläubige ihre Kriegsängste kompensiert", vermutet Zumholz.

Stigmata durch Autosuggestion?

Auch für Stigmata wie sie Grete Ganseforth trägt, gibt es bisweilen naheliegende Erklärungen: "Psychologen sehen das so: Es gibt speziell begabte Menschen, die in ihrem Leben vielleicht ein besonderes Schockerlebnis hatten und sich dann so in eine bestimmte Vorstellung hinein versenken können, dass sie durch eine derartige Autosuggestion tatsächlich entsprechende Symptome entwickeln", erklärt Zumholz. Bei Manchen entstünden dann nicht nur an Händen und Füßen, sondern auch am Bauch die Wundmale des gekreuzigten Jesus. Die Frage, warum bei manchen Menschen die Stigmata Jesu auftreten, beschäftigt die Wissenschaft bis heute. Die Fälle von Autosuggestion seien – anders als etwa bei Menschen, die sich vermeintliche Wundmale selbst zufügten – aber kein Betrug, betont Zumholz.

Überdurchschnittlich oft würden Marienerscheinungen aus einsamen oder grenznahen und damit zu früheren Zeiten potentiell konfliktreichen Orten gemeldet: Lourdes liegt an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien, Heede an der Grenze Deutschlands zu den Niederlanden. Im bayerischen Heroldsbach, rund 100 Kilometer von der früheren deutsch-deutschen Grenze entfernt, gab es ab 1949 ebenfalls Berichte über Marienerscheinungen. Und schließlich zeige sich Maria besonders oft jungen Menschen — meist Mädchen —, die über eine stärker ausgeprägte Vorstellungskraft verfügten als Erwachsene.

Vor der Anerkennung als offizieller Marienwallfahrtsort erfolgt eine strenge kirchliche Prüfung nach verschiedenen Kriterien. Erstens muss das weitere Leben den tadellosen Charakter des Sehers oder der Seherin bezeugen, er oder sie darf zweitens nicht unter einer psychischen Krankheit leiden und die Marienerscheinung muss drittens eine positive Wirkung sowohl auf die Persönlichkeit des Sehers als auch auf deren Umgebung haben – entwickelt sich durch das Ereignis ein Konflikt, dann kann hier nicht Maria am Werke gewesen sein, so die Begründung. Die Prüfung endet jeweils in einer von drei Feststellungen: "Es steht fest, dass es sich um Übernatürliches handelt", "Es steht nicht fest, ob es sich um Übernatürliches handelt" oder "Es steht fest, dass die Erscheinungen nicht übernatürlich sind".

Nur der erste Satz bedeutet eine offizielle Approbation – die allerdings nur gleichbedeutend ist mit der Feststellung, dass nichts gegen den Glauben an die wunderbaren Ereignisse spricht. Eine kirchliche Anerkennung für eine bestimmte Marienerscheinung "bezieht sich nie auf deren objektive Tatsächlichkeit; sie stellt nur fest, dass die mit ihr verbundene Botschaft nichts gegen die Glaubens- und Sittenlehre der Kirche enthält", heißt es dazu im"Lexikon für Theologie und Kirche". Die Approbation erlaube, die "über- oder außernatürliche Verursachung der Botschaft mit menschlichem Glauben anzunehmen".

Player wird geladen ...
Video: © katholisch.de

Wer ist Maria? Ein Beitrag der Serie "katholisch für Anfänger".

Es bleibt also den Gläubigen überlassen, wie sie mit dem jeweiligen Phänomen umgehen. Denn Marienerscheinungen sind sogenannte "Privatoffenbarungen", die nicht zu den zentralen Glaubensinhalten gehören. "Ich kann auch als gläubiger Christ mit bestem Gewissen behaupten, dass mir Gouadaloupe oder Lourdes nichts sagen", erklärt Robert Vorholt, Professor für die Exegese des neuen Testaments an der Universität Luzern. Christen, auf die der Massenandrang an den großen Wallfahrstorten eher befremdlich wirkt, müssen also nicht an der Standfestigkeit ihres Glaubens zweifeln. Gleichzeitig gelte es, auch diese Form von Spiritualität zu achten, ergänzt Historikerin Zumholz: "Hier zeigen sich sehr anschauliche Formen von Religion, die vielleicht gerade die ansprechen, die sich mit einem eher abstrakten Glauben nicht zufrieden geben wollen." So sei etwa Lourdes ein gutes Beispiel für einen Marienwallfahrtsort, an dem kranke und sogar verzweifelte Menschen sich geborgen fühlen, Trost und Kraft finden könnten.

"Es geht nicht darum zu zeigen, Jesus ein ganz toller Hecht war"

Auch ein Blick auf die biblischen Ereignisse zeigt, dass Gläubige gelassen mit dem Phänomen "Wunder" umgehen können. Besonders die Erzählungen aus den Evangelien über die sogenannten "Naturwunder" hätten einen großen theologischen Symbolcharakter, sagt Theologieprofessor Vorholt. "Es geht nicht primär darum zu zeigen, dass Jesus ein ganz toller Hecht war und buchstäblich bei Kilometer So und So über das Wasser gegangen ist." Viel mehr ließen die Wundererzählungen "punktuell aufscheinen, wofür Jesus eigentlich steht: Für den Aufbruch in die Heimat Gottes." Sie seien eine Herausforderung an jeden einzelnen, sich zu fragen: 'Was traue ich Gott eigentlich zu?'. Ein Wunder sei für Christen aber nicht diskutabel, sagt Vorholt: Das der Menschwerdung Gottes und der Auferstehung Jesu selbst.    

Von Gabriele Höfling