Lateinamerika-Kenner erwarten in Kürze erste Ausnahmen vom Zölibat
Bischöfe würden Papst Franziskus bald um "viri probati"-Weihe bitten

Lateinamerika-Kenner erwarten in Kürze erste Ausnahmen vom Zölibat

Die Priesterweihe von verheirateten Männern sei in Kürze Realität: Davon sind Lateinamerika-Kenner in der katholischen Kirche überzeugt. Bald würden Bischöfe aus Amazonien Papst Franziskus um die Erlaubnis der "viri probati"-Weihe bitten, hieß es – und dieses Vorgehen sei ganz im Sinne des Pontifex.

Mainz - 04.03.2020

Bischöfe aus dem Amazonas-Gebiet werden Papst Franziskus nach Einschätzung des katholischen Hilfswerks Misereor bald um die Erlaubnis für die Priesterweihe von verheirateten Männern bitten. In den kommenden Wochen werde es Treffen von Bischöfen in verschiedenen Regionen Brasiliens geben, die sich mit der Frage nach sogenannten "viri probati" beschäftigen, sagte Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel am Mittwoch bei der Frühjahrs-Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Mainz. Dieses Vorgehen sei im Sinne von Franziskus, da die Diözesen vor Ort besser als der Vatikan einschätzen könnten, welche Maßnahmen zur Sicherstellung einer regelmäßigen Feier der Eucharistie im Amazonas-Gebiet nötig seien, so Spiegel.

Auch nach der Veröffentlichung des nachsynodalen Papstschreibens "Querida Amazonia" sei die Frage nach der Weihe von verheirateten Männern weiterhin aktuell, sagte Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck. Diese Möglichkeit "bleibt virulent, weil es nicht so einfach ist, zu sagen, die Priester kommen woanders her". Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Bischofskonferenz, pflichtete ihm bei: Papst Franziskus habe in seinem Dokument ausdrücklich auf das Abschlussdokument der Amazonas-Synode verwiesen. Dieses besitze Gültigkeit und solle "umgesetzt werden" – auch in der Frage der "viri probati". Über eine konkrete Anwendung in Amazonien müsse jedoch beraten werden. Kirchenrechtlich sei die Weihe verheirateter Männer durch eine Dispens aus dem Vatikan einfach umzusetzen, so Schick.

Frauenweihe "nicht offen"

Die Frage der Weihe von Frauen zu Priesterinnen sei dagegen "nicht offen", so Schick. Papst Franziskus habe sie im Anschluss an das Schreiben "Ordinatio sacerdotalis" von Papst Johannes Paul II. geklärt und die Frauenweihe ausgeschlossen. Die Einführung eines eigenen amazonischen Ritus hält der Erzbischof zudem für möglich. Er stellte jedoch infrage, ob mit einem Eigenritus auch die generelle Erlaubnis der Weihe verheirateter Männer einhergehe. Diese Möglichkeit hatte in der vergangenen Woche ein Vertrauter des Papstes aus Argentinien ins Spiel gebracht.

Spiegel äußerte sich zudem zum Raub einiger indigener Figuren am Rande der Amazonas-Synode, die im Tiber wiedergefunden wurden. Der Österreicher Alexander Tschugguel habe damit, entgegen seiner Intention, den Amazonas-Ureinwohnern "einen großen Dienst erwiesen". Die sogenannten Pachamama-Figuren symbolisierten die Lebensfülle der Natur und hätten den "Tiber in den Amazonas verwandelt". Eine Entsorgung auf dem Müll hätte Indigene hingegen sehr geschmerzt, so Spiegel.

Amazonien nicht westliche Kultur überstülpen

Den von Papst Franziskus in "Querida Amazonia" häufig verwendeten Begriff der Inkulturation erläuterte Erzbischof Schick als das Bilden einer Kultur, die das Leben fördere. "Bei der Inkulturation des Evangeliums in eine Kultur soll das, was wertvoll an dieser Kultur ist, bewahrt werden und das, was in einer Kultur lebensnegierend, ja tödlich ist, das muss ausgemerzt werden." In Amazonien sei die Kirche noch nicht in die Kultur integriert, sie sei kulturell noch häufig fremdbestimmt.

Damit der Bevölkerung Amazoniens keine westliche Kultur übergestülpt werde, dürfe man in Amazonien dem großen Priestermangel auch nicht mit ausländischen Missionaren begegnen, so Schick weiter. Papst Franziskus habe gefordert, dass die regelmäßige Feier der Eucharistie in dem Gebiet möglich sein müsse, doch dafür müsse die Kirche in Südamerika ihr eigenes Personal und eigene kirchliche Dienste hervorbringen.

Schick sagte weiter, dass die Inkulturation des Evangeliums in eine Kultur ein andauernder Prozess, sei, der nie ganz abgeschlossen werden könne. Dies betreffe auch die Kirche in Europa, die "heute zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist und weniger mit dem, was die Menschen bewegt". (rom/cst)

04.03.2020, 18:15 Uhr: Ergänzt um Ausführungen zur Inkulturation.