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Debatte um Priesterausbildung: Ein Prozess voller Merkwürdigkeiten

Die Debatte um eine Neuausrichtung der Priesterausbildung ist in vollem Gange. Doch in der aktuellen Diskussion sind Joachim Frank einige Merkwürdigkeiten aufgefallen. Besonders die Worte des Kölner Kardinals haben ihn aufhorchen lassen.

Von Joachim Frank |  Bonn - 01.07.2020

Ach, Theologie! Die Sorge einer bischöflichen Arbeitsgruppe war so sehr auf die gähnende Leere in den vielen, zu vielen Priesterseminaren der deutschen Bistümer konzentriert, dass die theologische Wissenschaft am Ende zu einem Unterpunkt auf einer To-do-Liste wurde. Einer vorläufigen, unverbindlichen und auf gar keinen Fall maßgeblichen Liste, wie eine ganze Reihe von Bischöfen anschließend betonte.

Das ist schon die erste Merkwürdigkeit in diesem Prozess: Die Bischofskonferenz veröffentlicht ein Papier, von dem die Bischöfe gleich danach auf breiter Linie abrücken. Man kann das eine transparente Diskussionskultur nennen. Man kann es aber auch ungeschickt und unausgegoren finden. Oder ist das Ganze ein subversiver Akt? Ein Weckruf an die Theologinnen und Theologen, sich zum Stellenwert ihrer Disziplin zu positionieren?

Bislang waren sie, die zweite Merkwürdigkeit, an den Reformplänen der Bischöfe nicht beteiligt. Vielleicht hat das aber auch sein Gutes. Man darf die Theologie nicht als Instrumentenkasten zur Fabrikation künftiger Priester definieren. Für einzeln nummerierte Sondermodelle ist der Betrieb tatsächlich überdimensioniert: zu viele Professoren für zu wenige Priester. Doch wer so denkt, verfehlt die Bestimmung und die Leistung akademischer Theologie als einer Reflexionsinstanz für Kultur und Gesellschaft, deren Teil die Kirche ist.

Die Priesterfixierung führt in dieser Zukunftsfrage ähnlich in die Irre wie in den Debatten diverser Bistümer über die Pfarreistrukturen der Zukunft. Es braucht hier wie da den beherzten Perspektivwechsel: Was ist der Kirche die Gemeinde wert? Was ist der Kirche die Theologie wert? Merkwürdig, wenn die Antwort darauf nicht – spontan und auch reflektiert – "alles" lautet. Am gelebten und am gedachten Glauben (fides quaerens intellectum) hängt doch die Existenz der Kirche.

Nach all diesen Merkwürdigkeiten ist das flammende Bekenntnis von Kardinal Rainer Woelki für die theologischen Fakultäten und ihre Verankerung an der (staatlichen) Universität umso bemerkenswerter: Zentren der Forschung, der Gottesfrage, des Dialogs von Glaube und Vernunft hat er sie genannt, "kulturelle Laboratorien" (mit einem Wort von Papst Franziskus). "Ohne die Theologie könnte auch die Kirche ihre Sendung in der heutigen Gesellschaft, die stärker noch als früher wissenschaftlich geprägt ist, gar nicht erfüllen."

An diesen Worten sollten Woelkis Mitbrüder und die Theologen den Vorsitzenden der Wissenschaftskommission messen. Seine Praxis – mit dem millionenschweren Aufbau einer eigenen kirchlichen Hochschule als Gegenüber zur Bonner Fakultät – ist derzeit eine ganz andere. Aber für einen Sinneswandel im Einklang von Wort und Tat ist es nie zu spät.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Die GKP verleiht mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Medienverband alljährlich den Katholischen Medienpreis.

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