Deutscher Erzbischof seit März Papstbotschafter für Schweiz und Liechtenstein

Nuntius Martin Krebs: Polarisierungen in der Kirche gibt es überall

Aktualisiert am 12.05.2021  –  Lesedauer: 

Bern ‐ Erfahrungen in der Weltkirche konnte Martin Krebs einige sammeln: Auf nahezu allen Kontinenten hat der neue Nuntius für die Schweiz und Liechtenstein schon gearbeitet. Im katholisch.de-Interview spricht er darüber, ob er sich seinen Posten aussuchen konnte und worauf er sich am meisten freut.

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USA, Japan, Mali, Neuseeland, Uruguay – das sind nur einige der Länder, in denen der aus Essen stammende Erzbischof Martin Krebs bereits als Apostolischer Nuntius tätig war. Am 3. März hat Papst Franziskus ihn nun zum Papstboschafter für die Schweiz und Liechtentein ernannt, seit Kurzem ist er in Bern. Im katholisch.de-Interview spricht er darüber, welche Herausforderungen für ihn in den kommenden Jahren anstehen und worauf er sich besonders freut. 

Frage: Herr Nuntius, Sie haben in den vergangenen Jahren weit entfernt der Heimat gelebt. Wie ist es für Sie, jetzt wieder in die Nähe von Deutschland zurückzukehren?

Krebs: Ungefähr zwei Drittel meines bisherigen Lebens habe ich außerhalb Deutschlands zugebracht, daher ist es reizvoll für mich, wieder einmal nah an meiner Heimat zu sein. Grundsätzlich bin ich aber nicht als Deutscher in der Schweiz, sondern als Vertreter und Staatsbürger des Heiligen Stuhls. Aber auch wenn ich in weit entfernten Gegenden der Welt wie Neuseeland oder den Pazifischen Inseln gelebt habe, habe ich den Kontakt zu Deutschland nie abreißen lassen. Wenn ich jetzt in Bern wieder geographisch näher an meiner Heimat bin, freue ich mich vor allem, häufiger meine Muttersprache zu sprechen und im Dienst gebrauchen zu können. Das macht viele Dinge einfacher. Trotz vieler Übereinstimmungen in der Sprache ist die Schweiz aber in vielerlei Hinsicht anders als Deutschland, wobei man sich als Nachbarn allerdings besser kennt, als es manchmal bei entfernt liegenden Ländern der Fall ist.

Frage: Sie haben schon mehrere Stellenwechsel mitgemacht. Wie läuft das ab, wenn der Papst einen Nuntius auf einen anderen Posten beruft?

Krebs: In der Regel bleibt man als Nuntius fünf Jahre lang auf einem Posten und stellt sich dann darauf ein, bald versetzt zu werden. Allerdings weiß man, dass es immer wieder Ausnahmen von diesem Standard gibt. Man lebt also – wie im richtigen Leben – mit Überraschungen, wie ich es jetzt nach zweieinhalb Jahren in Uruguay erlebt habe. Die Prozedur der Ernennung ist aber denkbar einfach: Es kommt ein Schreiben, manchmal auch noch ein Telefonanruf, in dem das Staatssekretariat des Heiligen Stuhls dem Nuntius mitteilt: "Der Heilige Vater hat Sie für den und den Posten ernannt und bittet um Ihre Zustimmung." Wenn der Nuntius die gegeben hat, bleibt die Sache noch für einige Zeit streng vertraulich, denn das Staatssekretariat bittet zunächst den Empfangsstaat um seine Erlaubnis zu dieser Ernennung, also das diplomatische Agrément. Sobald das beim Heiligen Stuhl eingetroffen ist, veröffentlicht er die Ernennung.

Frage: Können Sie dabei denn selbst Wünsche äußern?

Krebs: Im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls äußern wir in der Regel keine persönlichen Wünsche. Natürlich kann ich eine Ernennung auch ablehnen, aber dazu muss ich schon sehr gewichtige Einwände haben. Ich gehe davon aus, dass es gute Gründe dafür gibt, einen Nuntius für eine bestimmte neue Stelle zu ernennen. Die Verantwortlichen stellen längere Überlegungen an und führen Konsultationen durch. Ich habe also nicht den Eindruck, dass sie einfach würfeln.

Deutscher Erzbischof wird neuer Papst-Botschafter in der Schweiz

Ende 2020 schied der US-amerikanische Erzbischof Thomas Gullickson aus dem Amt des Papst-Botschafters in der Schweiz und in Liechtenstein: Nun gibt es einen neuen Nuntius – er stammt aus Deutschland.

Frage: Sie haben also nicht den Wunsch geäußert, wieder in die Nähe der Heimat versetzt zu werden?

Krebs: Nein, das habe ich nicht.

Frage: Bei Ihren Stationen haben Sie auf allen bewohnten Kontinenten viele verschiedene Kulturen kennengelernt. Inwiefern blicken Sie mit der Erfahrung, die Sie gesammelt haben, anders auf die Kirche in der Schweiz und in Liechtenstein als die Gläubigen vor Ort?

Krebs: Meine Erfahrungen in der Weltkirche bieten mir keinen exklusiven Zugang zu den Ortskirchen. Was ich weiß und sehe, das wissen und sehen auch andere. Ich kann aber gelassener akzeptieren, dass wir das, was wir als Weltkirche gemeinsam haben – den Glauben an Jesus, den Christus – in den Ortskirchen jeweils in etwas unterschiedlicher Weise leben müssen. Das geht gar nicht anders. Das heißt nicht, dass wir dafür unser kostbares gemeinsames Erbe aufgeben. Man fällt dadurch nicht dem Relativismus anheim, sondern kann seinen Glauben möglicherweise persönlicher leben. Das gilt auch für die Kirchen in der Schweiz und in Liechtenstein.

Frage: Wie beurteilen Sie denn die aktuelle Situation in den dortigen Ortskirchen?

Krebs: Ich habe manches über diese Ortskirchen gelesen und gehört, weiß also vom Urteil anderer. Aber für ein eigenes Urteil ist es noch viel zu früh. Nach meiner Einreise aus Uruguay habe ich erst vor wenigen Tagen die vorgeschriebene Quarantäne beendet, konnte also noch niemanden treffen. Ich hoffe aber, trotz der Pandemie bald vielen Menschen zu begegnen und dann auch die einzelnen Diözesen besuchen zu können. Da wird sich dann Schritt für Schritt ein Bild ergeben.

Frage: Innerkirchliche Spannungen und Polarisierungen waren ja zuletzt immer wieder – beispielsweise auch im Bistum Chur in der Schweiz – zu vernehmen. Inwieweit nehmen Sie solche Differenzen grundsätzlich in der Kirche wahr?

Krebs: Die Spannungen im Bistum Chur habe ich bereits vor vielen Jahren wahrgenommen und ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der sich dafür interessiert. Manche Ursachen für diese Spannungen gibt es auch anderswo, wenngleich die konkreten Situationen unterschiedlich sind. Ein Grund für Spannungen in der Kirche ist häufig die Frage, wie die Begegnung zwischen dem Evangelium und der modernen Welt gelebt werden soll. Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat gelehrt, dass diese Begegnung nicht nur möglich, sondern auch nötig und vorteilhaft ist – sowohl für die Gesellschaft als auch für die Kirche. Papst Paul VI. hat 1964 in seiner Enzyklika "Ecclesiam suam" geschrieben, dass diese Begegnung geprägt sein soll vom "Bestreben nach Korrektheit, Wertschätzung, Sympathie und Güte". Dieser Wegweisung will ich gerne folgen, auch im innerkirchlichen Gespräch zwischen unterschiedlichen Gruppen.

Frage: Haben Sie solche Differenzen und Polarisierungen auch in anderen Ländern wahrgenommen?

Krebs: Ja, solche Auseinandersetzungen gibt es auch anderswo. Die Begegnung zwischen Evangelium und der modernen Welt ist eine Herausforderung in allen Ortskirchen. Aber in ganz armen Ländern setzt man sich weniger mit theoretischen Fragen auseinander. Da geht es oft um das einfache, nackte Überleben in vielerlei Hinsicht, sodass andere Fragen eher im Hintergrund behandelt werden. Diese Probleme gibt es überall, aber sie zeigen sich nicht überall in der gleichen Weise.

Nuntius Martin Krebs vor einem Bild von Papst Franziskus
Bild: ©Federico Gutiérrez

In seiner Enzyklika "Evangelii gaudium" habe Papst Franziskus die Grundlinien seines Pontifikats aufgezeigt, sagt Nuntius Martin Krebs. "Das sind auch die Grundlinien meines Auftrags: Immer geht es um die Freude, mit der wir Christen sind."

Frage: Es gibt immer wieder den Vorwurf an die Kirche in Europa oder speziell in Deutschland, dass sie sich mit Themen wie dem Diakonat der Frau oder der Segnung homosexueller Paare beschäftigt, über die sich Gläubige in anderen Ländern keine Gedanken machen. Wie sehen Sie das?

Krebs: Dieser Vorwurf ist zu verstehen. Wenn allerdings einige Ortskirchen die Möglichkeit haben, solche Fragen zu durchdenken und durchzudiskutieren, dann ist das auch ein Dienst an anderen Ländern. Was dabei am Ende – auch für ärmere Länder – herauskommt, steht auf einem anderen Blatt. Ich halte diese Aufgabenteilung aber durchaus für vorteilhaft.

Frage: Welche Herausforderungen stehen in den kommenden Jahren für Sie in der Schweiz und in Liechtenstein an?

Krebs: Die erste Herausforderung für mich ist es, diese Ortskirchen erst einmal kennenzulernen und zu sehen, was ich in meiner Rolle als Apostolischer Nuntius zum Leben der Kirche beitragen kann. Ich bin in diesem Dienst zum Glück kein Einzelkämpfer, sondern arbeite zusammen mit anderen Verantwortlichen in ihren jeweiligen Bereichen. Wir stehen dabei letztlich gemeinsam vor Herausforderungen, die hier die gleichen sind wie anderswo in der Weltkirche. Wir sollen in dieser konkreten Epoche der Geschichte als Person und als Institution überzeugend als Christen leben. In seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" von 2013 hat Papst Franziskus die Grundlinien seines Pontifikats aufgezeigt und das sind auch die Grundlinien meines Auftrags: Immer geht es um die Freude, mit der wir Christen sind. Damit wirbt der Papst nicht für eine Wohlfühl-Religion, sondern meint in der Tradition des Ignatius von Loyola die geistliche Erfahrung des Trostes. Das können einfache, alltägliche Freuden sein, aber auch die Freude mitten im Leid. Eine entscheidende Quelle von "Trost" ist sicherlich das friedliche Zusammenleben trotz aller Konflikte in der Gesellschaft.

Wenn Sie mich nach meinen Herausforderungen fragen, so ist das für mich als Diplomat im engeren Sinne immer der Einsatz für Frieden. Dieser Einsatz folgt nach Franziskus unter anderem zwei Prinzipien, die lauten: "Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt" (EG 226-230) und "Das Ganze ist dem Teil übergeordnet" (EG 234-237). Für meine spezifische innerkirchliche Aufgabe kristallisiert sich das Streben nach Einheit und Ganzheit im Begriff der Synodalität. In einem Brief an die päpstlichen Missionswerke hat der Papst die Aufgabe kirchlicher Verantwortlicher im vergangenen Jahr einmal so beschrieben: "Blickt nach draußen, blickt nicht in den Spiegel. Zerbrecht alle Spiegel im Haus." Diese Formel inspiriert mich, den Herausforderungen meines Dienstes zu begegnen.

Frage: Was heißt das konkret für Sie?

Krebs: Es geht nicht darum, eine Kirche zu präsentieren, die uns gefällt, weil sie so schön kompakt und harmonisch ist, sondern Kirche ist gesandt, Kirche ist Mission, Kirche geht nach draußen. Wenn ich immer schaue, ob ich schön und ordentlich gekämmt bin, also auf die Außenwirkung achte, dann ist das für die Kirche ein Aspekt. Aber der wichtigere Aspekt ist: Lass den Kamm und den Spiegel liegen und schaue, wo du gebraucht wirst und wo sich das Leben abspielt. Da kommt das berühmte Bild von Papst Franziskus zum Tragen: Die Kirche ist wie ein Feldlazarett und sollte lieber verbeult sein als sich verschlossen und bequem an ihre Sicherheiten zu klammern.

Zur Person

Martin Krebs (*1956) wurde in Essen geboren. Nach seiner Priesterweihe 1983 und der Kaplanszeit im Bistum Essen ging er 1987 nach Rom, um an der Päpstlichen Diplomatenakademie zu studieren. 1991 promovierte er in Kanonischem Recht und arbeitete in den Apostolischen Nuntiaturen in Burundi, Japan, Österreich und Tschechien, bei der Europäischen Union in Brüssel und später in den USA. 2008 ernannte Papst Benedikt XVI. Krebs zum Titularerzbischof von Taborenta und bestellte ihn zum Apostolischen Nuntius in Guinea und Mali in Westafrika. 2013 wechselte Krebs nach Neuseeland und Ozeanien. Von dort aus übernahm er auch die diplomatische Vertretung des Papstes für Gebeite wie die Cook-Inseln, Kiribati, Palau, Fidschi, Samoa, Vanuatu und Tonga. 2018 wechselte Krebs nach Uruguay. Am 3. März 2021 hat Papst Franziskus ihn zum Apostolischen Nuntius für die Schweiz und Liechtenstein ernannt. 

Von Christoph Brüwer