Serie: Ein Gott, zwei Religionen – Christentum und Islam – Teil 3

Jesus und Maria: Ungeahnte Verbindungen zwischen Christentum und Islam

Aktualisiert am 05.06.2021  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Jesus und Maria spielen im Islam keine Rolle? Weit gefehlt: Tatsächlich misst der Koran den beiden Figuren eine herausragende Bedeutung zu und nennt Jesus sogar "Wort Gottes". Bei näherer Betrachtung zeigen sich noch andere ungeahnte Verbindungen zwischen Christentum und Islam.

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"O Maria! Siehe, Gott verkündet dir ein Wort von sich. Sein Name sei: Christus Jesus, Sohn der Maria." Der Verkündigungsruf des Engels ist uns allen vertraut – und doch klingt er für christliche Ohren irgendwie ungewohnt. Kein Wunder, immerhin stammt der zitierte Vers nicht aus der Bibel, sondern aus dem Koran. Denn, was unter Christen vielleicht wenig bekannt ist: Auch im heiligen Buch des Islam spielen Jesus und Maria eine prominente Rolle.

Für den christlichen Glauben ist das Bekenntnis zur Göttlichkeit Jesu zentral. Seit den beiden Konzilen von Nicäa und Konstantinopel im vierten Jahrhundert steht das im christlichen Glaubensbekenntnis, das alle Konfessionen miteinander teilen. Der Islam betont dagegen die strikte Einzigkeit Gottes und lehnt die Vergöttlichung Jesu deshalb als "Schirk" ab, was so viel wie Beigesellung heißt und die schwere Sünde des Götzendienstes bezeichnet. Gerade in den Darstellungen Jesu und seiner Mutter finden sich jedoch zahlreiche Berührungspunkte zwischen Christentum und Islam, die den beiden Religionen helfen können, sich gegenseitig besser kennenzulernen – und ein tieferes Verständnis der eigenen Überzeugungen zu gewinnen.

Die koranischen Ehrentitel Jesu

Im Koran heißt Jesus "Isa" und wird unter diesem Namen an die zwanzig Mal erwähnt. Damit kommt er sogar häufiger namentlich vor als Mohammed, der im Koran nur vier Mal mit Namen angesprochen wird. Auch wenn Jesus im Islam "nur" ein Mensch ist, kommt ihm als einem der wichtigsten Propheten trotzdem eine herausragende Bedeutung zu. So wird Jesus gemeinsam mit Moses, Mohammed und nur wenigen anderen Figuren des Koran als "Rasul", als Gesandter gewürdigt. Dieser Ehrentitel, mit dem stellenweise auch die Engel Gottes bezeichnet werden, bringt die Nähe Jesu zu Gott zum Ausdruck und hebt seine besondere Stellung gegenüber den übrigen Propheten hervor, die im Koran für gewöhnlich "Nabi" heißen.

Ein aufgeschlagener Koran in einer Moschee
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Über 100 Stellen im Koran beziehen sich auf Jesus, der dort "Isa ibn Maryam" (Jesus, Sohn der Maria) heißt. Er wird im heiligen Buch des Islam häufiger mit Namen genannt als Mohammed, trägt den Ehrentitel "Messias" und wird sogar als "Wort Gottes" bezeichnet.

Weitere ehrenvolle Bezeichnungen für Jesus im Koran sind "Geist -", "Zeichen -" und "Wort Gottes", von denen die letzte ausschließlich für ihn verwendet wird und stark an die Formulierung am Anfang des Johannesevangeliums erinnert: "Das Wort ist Fleisch geworden." Für den katholischen Theologen Klaus von Stosch, der im Rahmen der sogenannten Komparativen Theologie seit Jahren die Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam erforscht, handelt es sich dabei um keinen Zufall. Vielmehr kenne der Verkünder des Koran "diese christliche Tradition und versucht sie jetzt neu zu besetzen, versucht sie aufzunehmen, versucht Christen zu zeigen, wie sie in ihrem Glauben gewürdigt werden". Gleichzeitig habe der Islam auf diese Weise die exklusive Bindung des göttlichen "Logos" an Jesus dahingehend auflösen wollen, dass künftig auch der Koran als Wort Gottes gelten konnte, so von Stosch. Sogar die Bezeichnung "Messias" fällt im Koran für Jesus.

Die Lebensgeschichte Jesu im Koran

Die besondere Bedeutung Jesu für den Islam kommt aber nicht nur durch diese Ehrentitel zum Ausdruck. Auch seine gesamte Lebensgeschichte verdeutlicht, dass er nicht einfach ein Mensch wie alle anderen ist: So schildert der Koran, dass Jesus von seiner Mutter jungfräulich empfangen und unter wundersamen Begleitumständen zur Welt gebracht wurde. Er beschreibt, wie Jesus am Ende seines Lebens zu Gott zurückgerufen wurde, und berichtet von zahlreichen Wundern, die er im Auftrag Gottes bewirkt hat: "Damals, als du aus Ton etwas schufst, was die Gestalt von Vögeln hatte, mit meiner Erlaubnis, es dann anbliesest, so dass es wirklich Vögel wurden, mit meiner Erlaubnis, und Blinde heiltest und Aussätzige, mit meiner Erlaubnis, und damals, als du die Toten herausbrachtest, mit meiner Erlaubnis." (Sure 5, Vers 110)

Vor allem in der Episode, in der Maria von einem Engel die Geburt Jesu verkündet wird, fällt die große Nähe des Koran zur biblischen Tradition auf. Die entsprechende Sure – so heißen die einzelnen Kapitel des Koran – trägt den Namen "Maryam" – auf Deutsch: Maria. Als Jesu Mutter spielt auch sie eine herausragende Rolle im Islam. Maria ist die einzige Frau, die namentlich im Koran vorkommt, und wird dort mit über dreißig Nennungen sogar häufiger erwähnt als in allen Evangelien und der Apostelgeschichte zusammen.

Ähnlich wie im entsprechenden Abschnitt des Lukasevangeliums wird auch in der der 19. Sure beschrieben, dass ein Engel bei Maria erscheint und ihr die Geburt eines Sohnes verkündet, sie zunächst aber nicht versteht, wie sie ohne Kontakt zu einem Mann schwanger werden soll: "'Wie soll mir denn ein Knabe werden, da mich kein menschlich Wesen je berührte und ich auch keine Dirne bin?' Er sprach: 'So spricht dein Herr: Das ist mir ein Leichtes. Auf dass wir ihn zu einem Zeichen machen für die Menschen – und solches als Barmherzigkeit von uns.'" (Sure 19, Verse 20-21)

Eine islamische Buchmalerei zeigt Jesus und Maria
Bild: ©Public domain/Unkown author

Isa und Maryam, wie Jesus und Maria auf Arabisch heißen, werden auch im Islam verehrt. Die Flammen, die auf dieser Buchmalerei ihre Köpfe umgeben, entsprechen dem christlichen Heiligenschein.

Größere Abweichungen zur Bibel finden sich dagegen in der Geburtsszene des Koran. Jesus wird hier nicht in einem Stall in Betlehem geboren, sondern unter einer Dattelpalme auf dem Weg an einen "weit entfernten Ort". Auch wird Maria nicht von Josef begleitet, sondern ist ganz allein unterwegs. Sie leidet unter Geburtsschmerzen und wird von Gott durch ein Speisewunder gestärkt.

Auffällig ist, dass Jesus bereits als Neugeborenes sprechen kann und gegenüber der Familie Marias seine prophetische Sendung kundtut. Von Stosch sieht darin einen Hinweis, dass Jesus auch in der Vorstellung des Koran nicht erst durch seine Taten zum Gesandten Gottes wurde, sondern schon von Geburt an "Gottes Gegenwart vermittelt, dass in ihm schon prophetische Wirklichkeit da ist". Das sei "sehr, sehr nah dran an der christlichen Botschaft".

Es steht Gott nicht an, einen Sohn anzunehmen

Dass der Koran bei aller Nähe zum Christentum aber auch Grenzen in seiner Jesusdarstellung zieht, wird bereits wenige Verse nach der zitierten Geburtsszene deutlich: "Das ist Jesus, Sohn Marias, als Wort der Wahrheit, über das sie uneins sind. Es steht Gott nicht an, einen Sohn anzunehmen – gepriesen sei er!" (Sure 19, Verse 34-35) Der Ausdruck "Isa, Ibn Maryam" (Jesus, Sohn Marias) taucht im Koran an vielen Stellen als fester Bestandteil des Namen Jesu auf. Das ist bemerkenswert, denn es war im arabischen Kulturraum völlig unüblich, jemanden nach seiner Mutter zu benennen. Das Fehlen eines männlichen Bezugsnamens macht also deutlich, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte. Gleichzeitig widerspricht der Koran aber der Annahme, Gott sei der Vater Jesu, denn die absolute Einzigkeit Gottes lässt es nicht zu, dass er "einen Sohn annimmt". Wurde der für Christen zentrale Hoheitstitel "Jesus, Sohn Gottes" im Koran bewusst zu "Jesus, Sohn Marias" abgeändert, um ihn gegen das christliche Bekenntnis in Stellung zu bringen?

Folgt man dem in Münster lehrenden islamischen Theologen Mouhanad Khorchide, muss die zitierte Passage nicht zwangsläufig dem christlichen Glauben widersprechen: "Das arabische Wort, das hier verwendet wird, wenn der Koran sagt, Jesus ist nicht der Sohn Gottes, ist der Begriff 'Walad', also das biologisch gezeugte Kind." Weder aber hätten die Christen im siebten Jahrhundert diesen Ausdruck für die Gottessohnschaft Jesu verwendet, noch würden es heutige arabische Christen tun. Khorchide sieht in der viel diskutierten Stelle deshalb "keineswegs eine Polemik gegenüber Christen, sondern gegenüber den Polytheisten, den paganen Araber damals".

Starb Jesus am Kreuz?

Im Christentum sind der Kreuzestod Jesu und seine Auferstehung von den Toten das entscheidende Ereignis der Erlösung. Im Koran wird der Tod des Propheten Jesus dagegen nur an einer einzigen Stelle thematisiert – und diese Verse gehören zu den meist diskutierten. Sie finden sich in einer Art Anklagerede Gottes an die Juden, in der er ihre Verstöße gegen seinen Bund auflistet. Darunter fällt auch ihre Behauptung, Jesus gekreuzigt zu haben, die von Gott als Täuschung entlarvt wird: "'Wir haben Christus Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet!' Aber sie haben ihn nicht getötet und haben ihn auch nicht gekreuzigt. Sondern es kam ihnen nur so vor." Vielmehr habe Gott ihn zu sich erhoben. (Sure 4, Verse 157-158)

Ein junger Muslim liest im Koran, im Hintergrund sieht man ein Kreuz
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Leugnet der Koran die Kreuzigung Jesu? Koranforscher sind sich uneinig, wie die einzige Stelle, an der das Thema vorkommt, zu deuten ist. Fest steht jedenfalls, dass der Tod Jesu für Muslime keine Heilsbedeutung hat.

In der Koranforschung ist man sich uneins, wie diese Verse zu verstehen sind. Wurde Jesus nur zum Schein gekreuzigt, hat in Wirklichkeit aber überlebt? Diese Erklärung würde sich mit der Theorie einer frühchristlichen Sekte decken: Die Doketisten gingen davon aus, dass nur die menschliche Hülle Jesu am Kreuz gelitten hat, während sein göttliches Wesen unversehrt blieb.

Oder aber wurde an Jesu Stelle ein anderer Mensch gekreuzigt, mit dem ihn die Juden und die römischen Soldaten verwechselt haben, sodass er entkommen konnte? Hat Gott seinen Propheten auf diese Weise vor dem schmachvollen Scheitern bewahrt? Die Stelle kann wohl nicht abschließend geklärt werden. Fest steht lediglich, dass der Tod Jesu im Islam keine heilsrelevante Rolle spielt: Nicht dadurch, dass Christus den Tod besiegt hat, wird der Mensch erlöst, sondern allein durch den wahren Glauben und die Unterwerfung unter Gott.

Die Wiederherstellung des reinen Glaubens

Muslime glauben, dass Gott Mohammed, dem "Siegel der Propheten" durch den Engel Gabriel den wörtlichen Koran diktiert und sich damit den Menschen endgültig offenbart hat. Aber auch Jesus, der letzte und größte Vorgänger Mohammeds erhielt nach islamischer Überzeugung eine eigene Offenbarungsschrift: "al-Indschil", das Evangelium. Dieses Evangelium ist jedoch nicht identisch mit den vier Evangelien des Neuen Testaments. Darin hätten die Anhänger Jesu seine Lehre verfälscht und ihn nachträglich zum Gott erklärt. Der Islam versteht sich demgegenüber als religiöse Erneuerung, die den reinen Monotheismus wiederhergestellt hat.

Ein Christusmosaik mit goldenem Hintergrund
Bild: ©KNA/Hassan Jamal

Muslime lehnen es ab, Jesus als Sohn Gottes zu verehren. Diese Lehre stamme nicht von ihm selbst, sondern sei von seinen Anhängern erst nachträglich in die Welt gesetzt worden. (Christusmosaik aus der ehemaligen Chora-Kirche in Istanbul)

Dieses theologische Reformprogramm kommt etwa in der fünften Sure zum Ausdruck: "Und wenn Gott sagt: O Jesus, Sohn Marias, bist du es, der zu den Menschen gesagt hat: 'Nehmt mich und meine Mutter außer Gott zu Göttern'?, wird er sagen: 'Preis sei dir! Es steht mir nicht zu, etwas zu sagen, wozu ich kein Recht habe.'" (Sure 5, Vers 116) Die Schuld der Verfälschung liegt nach islamischer Überzeugung also nicht bei Jesus. Vielmehr kursierten zur Entstehungszeit des Koran die unterschiedlichsten Lehren über die Rolle Jesu und seiner Mutter und über das Verständnis der Trinität – mit teils sonderbaren Auswüchsen. Auf diese unübersichtlichen religiösen Verhältnisse bezieht sich der Koran in seiner Kritik. Das Bemühen der frühchristlichen Konzile dagegen, den Glauben an die Göttlichkeit Jesu mit dem monotheistischen Bekenntnis in Einklang zu bringen, konnten sich außerhalb des byzantinischen Reiches erst allmählich durchsetzen.

Die polemische Unterscheidung zwischen der erhabenen Stellung Jesu und dem irrgeleiteten Glauben der Christen hält sich bis heute in vielen Koranauslegungen. Berücksichtige man aber die historischen Zusammenhänge, so Khorchide, werde deutlich, dass der Koran nicht auf Ab- und Ausgrenzung aus sei, sondern im Gegenteil die Grundlage für den Dialog zwischen Christentum und Islam lege. Mit seiner Forschung will Khorchide zeigen, "dass der Koran Jesus nicht mit Mohammed vergleicht oder mit anderen Personen, sondern mit sich selbst, also mit der Offenbarung Gottes. Beide, der Koran und Jesus werden als Wort Gottes, als Geist Gottes, als Barmherzigkeit Gottes für die Welt bezeichnet." So bleibt die Person Jesu für Christen und Muslime zugleich Bindeglied und Stein des Anstoßes.

Von Moritz Findeisen