Toufic Bou Merhi besorgt über Lage im Heiligen Land

Franziskaner: "Die Stimmung geht in Richtung Revolution gegen Israel"

Aktualisiert am 23.05.2021  –  Lesedauer: 

Akko ‐ In Israel ist nach den jüngsten Unruhen wieder etwas Ruhe eingekehrt. Der Franziskanerpater Toufic Bou Merhi spricht im Interview darüber, wie er die letzten Tage in der Hafenstadt Akko erlebt hat und wie die Christen zu den Konfliktparteien stehen.

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Bis in der nordisraelischen Hafenstadt Akko nach den jüngsten Unruhen wieder Normalität herrscht, werden nach Einschätzung von Franziskanerpater Toufic Bou Merhi noch Monate vergehen. Die Stimmung könnte "in Richtung einer Revolution gegen Israel" gehen, sagt der Obere des Konvents in der historischen Altstadt Akkos im Interview - und damit in eine Richtung, die nach Einschätzung des gebürtigen Libanesen fatale Auswirkungen hätte.

Frage: Pater Toufic Bou Merhi, Ihr Konvent liegt mitten in der Altstadt von Akko. Wie haben Sie die Tage der Gewalt erlebt?

Toufic Bou Merhi: Die letzten Tage waren furchtbar. Im ersten Moment hatte ich Angst um unseren Konvent. Jeden Abend gab es Demonstrationen mit Ausschreitungen und viel Lärm. Zunächst haben Muslime zu Demonstrationen in Solidarität mit Palästinensern in Ostjerusalem und im Protest auf die Angriffe auf Gaza aufgerufen. Die Polizei versuchte, sie daran zu hindern, auch in die Neustadt von Akko zu ziehen. Dabei setzte sie Tränengas ein, teilweise ohne Grund. Der Mufti der Al-Jazar-Moschee rief wiederholt zu Ruhe auf und forderte Eltern auf, ihre Kinder von der Straße zu holen. Aber die Stimmung hat sich aufgeheizt. Es kam zu Anschlägen auf jüdisches Eigentum.

Am Folgeabend riefen Juden zu Demonstrationen auf. Auch sie verliefen nicht friedlich. Muslime drängten in kleinen Gruppen in die Neustadt. Beide Seiten verübten Anschläge auf Autos und Gebäude. Am dritten Tag hielt die Polizei die Stadt unter Ausgangssperre, aber am Abend kam es wieder zu Demonstrationen. Eigentlich sind an diesem Wochenende die ersten Tage, die wieder einigermaßen normal sind.

Frage: Wo stehen die Christen in dem Ganzen?

Bou Merhi: Zu Juden ist unser Kontakt sehr formell und findet eigentlich nur auf offizieller Seite statt. Ich wusste nicht einmal, dass einer unser Nachbarn Jude ist, bis bei den Ausschreitungen sein Lager von Muslimen in Brand gesetzt wurde. Die Muslime kennen uns und wir werden respektiert. Es haben wohl auch ein paar Christen an den Demonstrationen teilgenommen, so wie sich auch einige Christen und sogar ein Priester an den Aufräumarbeiten beteiligt haben, zu denen muslimischen Jugendliche aufgerufen hatten. In einem Fall sind muslimische Demonstranten in ein kirchliches Grundstück in der Neustadt eingedrungen, auf dem wir 16 Wohnungen haben. Dort haben sie versucht, Autos in Brand zu stecken. Als die Bewohner ihnen sagten, sie seien arabische Christen, zogen die Demonstranten weiter.

Bei einem Brandanschlag zerstörtes Stadtpalais in der Altstadt von Akko
Bild: ©KNA/Andrea Krogmann

Bei einem Brandanschlag zerstörtes Stadtpalais in der Altstadt von Akko (Israel) am 20. Mai 2021. In dem Gebäude befanden sich Büros der israelischen Antikenbehörde sowie ein Zentrum für Konservierung und Restauration.

Frage: Das Verhältnis zu den muslimischen Nachbarn ist also freundschaftlich?

Bou Merhi: Die Muslime von Akko sind konservativer und weniger offen, als ich bei meiner Ankunft dachte. Es gibt wenige Vertreter eines moderaten Islam und sehr wenige säkulare Muslime. Aber sie lassen uns in Frieden. Allerdings weiß ich nicht, was noch kommt. Ich habe zum Beispiel an einem Abend einen Mitbruder zurück ins Haus gerufen. Er ist armenischer Christ und aus Syrien. Sein Arabisch ist nicht perfekt und er war ohne Ordensgewand unterwegs. Ich hatte Sorge, dass er für einen Juden gehalten werden könnte.

Frage: Hat sich die Lage inzwischen beruhigt?

Bou Merhi: Sie ist unter Kontrolle. Aber die Spannungen bleiben hoch. Ich befürchte, die Stimmung geht in Richtung einer Revolution gegen Israel. Wenn ich solche Ansätze höre, frage ich: Willst Du unter einem arabischen Regime leben? Darauf bekomme ich keine Antwort. Viele Menschen wissen nicht, was genau sie wollen. Sie sind sich nicht bewusst, was sie unter einem arabischen Regime verlieren würden. Sie glauben, Kranken- und Sozialversicherungen oder Schulbildung liefen auch ohne Israel normal weiter. Dabei ist es offensichtlich, dass es den arabischen Israelis deutlich besser geht als den Menschen in irgendeinem anderen Land der Region. Oder nehmen wir das Beispiel Reisepass: Mit einem israelischen Pass kann man fast überall ohne Visum einreisen. Mit einem Pass aus einem arabischen Land brauche ich in der Regel einen Haufen Papiere, um ein Visum zu beantragen. Israel ist kein Dritte-Welt-Land, der Rest der Region schon.

Frage: Was sollten die Menschen Ihrer Meinung tun?

Bou Merhi: Was suchen sie? Ein Leben in Würde und in Anerkennung des anderen als Mitbürger? Oder geht es weiterhin nur um Israel als Besatzungsmacht? Ich will, dass Araber in Würde leben und Gleichheit mit Juden im Staat suchen. Diese Gleichheit gibt es noch nicht, aber sie erfordert auch Mitarbeit der arabischen Seite. Oft fordert die arabische Seite jedoch nur, ohne bereit zu sein, auch zu geben. Arabische Jugendliche zum Beispiel sind nicht zum Armee- oder Zivildienst verpflichtet. Sie könnten freiwilligen Zivildienst leisten und so den Staat unterstützen, der sie unterstützt. Statt für die Abschaffung des Staates Israels zu arbeiten, sollten sie sich lieber für Gleichberechtigung und Würde engagieren.

Von Andrea Krogmann (KNA)