Kippa und Davidstern
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Serie: Die Kirche und... – Teil 1

Die Kirche und die Juden: Ein Spannungsverhältnis seit 2.000 Jahren

Hexen, Ketzer, Kreuzzüge: In Kirchengeschichte und -gegenwart gab und gibt es immer wieder große Kontroversen. Diese beleuchten wir mit unserer neuen Serie. Der erste Teil analysiert das Verhältnis zum Judentum. Auch das war nicht immer einfach. Manche behaupten gar, die Kirche sei in ihrer DNA judenfeindlich.

Von Josef Bordat |  Bonn - 04.02.2020

"Judentum und Christentum stehen für zwei Weisen der Auslegung der Schrift. Für Christen sind die Verheißungen an Israel die Hoffnung der Kirche. Wer daran festhält, stellt keinesfalls die Grundlagen des jüdisch-christlichen Dialogs infrage." Das schrieb der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Dezember 2018 in der "Herder Korrespondenz". Er sah sich zu dieser Klarstellung genötigt, weil ihm zuvor Antijudaismus vorgeworfen wurde. Historische Klischees sorgten für die Aktualisierung des Vorwurfs, die Kirche sei eben doch in ihrer DNA judenfeindlich.

Das Christentum als "Usurpationsmythos"

Aufgegriffen wird dieser Vorwurf vom Judaisten Hyam Maccoby, der den christlichen Antijudaismus mit der Abgrenzungsbemühung der jungen Kirche begründet. Das Christentum ist für Maccoby ein "Usurpationsmythos", der Teile der jüdischen Religion übernahm, sich zugleich jedoch als Vollender der Geschichte Gottes mit dem Menschen begriff und sich daher hasserfüllt gegen das zur Propädeutik herabgestufte Judentum wandte (ähnliches gelte dann später auch für den Islam, so Maccoby).

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Benedikt XVI. an der Klagemauer in Jerusalem. Der emeritierte Papst sah sich während seiner Amtszeit auch Vorwürfen von Antisemitismus ausgesetzt.

Die Kirche steht dem Judentum von Beginn an skeptisch, aber keineswegs feindselig gegenüber. Natürlich musste sich die junge Christenheit in Lehre und Leben von den jüdischen Traditionen lösen (Jesus selbst beginnt ja damit) und selbstverständlich ging das nicht immer reibungslos von statten (das erste Apostelkonzil diente der Beilegung des urkirchlichen Grundkonflikts zwischen Juden und Heiden in den christlichen Gemeinden). Aber von Hass gegen die Juden "erfüllt" war das Christentum nicht.

Antike Theologie: Bemühen um Abgrenzung

Leider schoss mancher Theologe der Antike, auch mancher Kirchenvater, in seiner Abgrenzungsbemühung über das Ziel hinaus. Bekannt sind die polemischen "Adversus Judaeos-Traktate" des Johannes Chrysostomus oder auch die Schriften Athanasius des Großen gegen die "Arianer", in denen er nebenbei sehr heftig gegen die Juden austeilte, sowie die Briefe des Hieronymus an Augustinus, der seinerseits die antijüdische Polemik reproduzierte, die Juden aber auch als Zeugen für die Wahrheit des Christentums betrachtete. Es gab aber in der Patristik auch gewichtige christliche Fürsprecher des Judentums, etwa Origenes oder Gregor von Nazianz. Offene Feindschaft, wie sie in späteren Zeiten – gerade in unserer jüngsten Vergangenheit – auftrat, war das jedoch nicht.

Der Antijudaismus der christlichen Antike war – bei aller sprachlichen Grobheit – rein theologischer Natur, er trug keine rassistischen Züge, im Gegensatz zum Antisemitismus der Moderne. Selbst die auf IV. Laterankonzil (1215) beschlossenen Vorschriften zur Kenntlichmachung der Juden durch besondere Kleidung oder Abzeichen können theologisch gedeutet werden: Es ging darum, die bereits von Mose (vgl. Lev 19, 19) verbotene geschlechtliche Vermischung von Juden und Nichtjuden zu verhindern. In der Praxis führte das gleichwohl zur sozialen Ausgrenzung und rechtlichen Diskriminierung. Allein in dieser Funktion erfolgte während der NS-Diktatur eine Reaktivierung der Maßnahme ("Judenstern"); eine Kontinuität hinsichtlich Grund und Zweck ist nicht gegeben.

Linktipp: "Das Christentum ist die Mutter, das Judentum die Tochter"

Papst Johannes Paul II. hat die Juden als ältere Geschwister der Christen bezeichnet. Israel Yuval glaubt, dass es genau andersherum ist, und sagt, das Christentum ist die Mutter des heutigen Judentums. Warum er zu diesem Schluss kommt, erläutert der Historiker im Interview.

Mittelalterliche Theologie: Austausch und Anerkennung

Bereits im 12. Jahrhundert begann im christlichen Europa eine intensive Beschäftigung mit dem Judentum, die sich auch in einem zunehmenden Austausch von christlichen Exegeten mit jüdischen Schriftgelehrten zeigt. Zahlreiche Größen der mittelalterlichen Theologie und Kirchengeschichte haben sich im 12. Jahrhundert wohlwollend mit dem Judentum befasst, etwa Hugo von Sankt Viktor, Bernhard von Clairvaux und Hildegard von Bingen. Zentral wird dann die Rezeption bei Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert, der dem Judentum eine bleibende Heilsbedeutung zuspricht und in diesem Zusammenhang die Beschneidung als "Voraustaufe" in einer quasi-sakramentalen Funktion anerkennt.

Volkstümlicher Antijudaismus

Dennoch gab es in der christlichen Mehrheitsgesellschaft schon zu dieser Zeit einen weit verbreiteten Antijudaismus. Grund dafür war vor allem die Annahme, die Juden seien für den Tod Jesu verantwortlich ("Christus-Mörder"). Ferner spielte der Vorwurf der Gotteslästerung im Verfahren gegen Jesus eine Rolle: Hatten die Juden Jesus wegen Blasphemie inkriminiert ("Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist des Todes schuldig.", Mt 26, 65-66), so verurteilten nun viele Christen die Juden in gleicher Weise wegen Gotteslästerung, aufgrund ihrer Weigerung, Jesus als den Messias anzuerkennen.

Es gab im Volk weiterhin massive kulturelle Vorbehalte gegen Juden. Diese gipfelten in drei Hauptvorwürfen: Den Juden wurde vorgeworfen, das Trinkwasser vergiftet und so die Pest ausgelöst zu haben (Brunnenvergiftung). Es wurde ihnen weiterhin vorgeworfen, christliche Kinder zu entführen und im Rahmen kultischer Handlungen zu töten (Ritualmord). Schließlich gab es den Vorwurf, Juden raubten geweihte Hostien, um sie zu schänden (Hostienschändung). Das führte schon früh zu Gewalt gegen Juden. Neben zahlreichen Ausschreitungen, die sich an den Vorwürfen "Ritualmord" und "Hostienschändung" entzündeten, gab es 1096 schwere, jedoch lokal begrenzte Pogrome, die im zeitlichen, aber nicht in unmittelbarem sachlichen Zusammenhang mit dem Ersten Kreuzzug (1095) standen.

Auch jüdische Quellen machen für diese Pogrome nicht Papst Urban II. verantwortlich, der zum Ersten Kreuzzug aufgerufen hatte, nicht hingegen zur Judenverfolgung. Die Ausschreitungen wurden tatsächlich vielmehr von einigen wenigen unorganisiert handelnden Rittern getragen, die von Volkspredigern angestiftet wurden. Die Juden behielten Rechtsschutz (das heißt: die Ritter wurden bestraft) und erfuhren teilweise die Unterstützung der Kirche in Person des Ortsbischofs, der schützend seine Hand über sie hielt (etwa in Köln). Weitere größere Pogrome gab es 1236 in Frankreich. Dagegen wandte sich Papst Gregor IX. in einem Schreiben an die französischen Bischöfe.

Männer mit Kippa

Die Kippa ist das Erkennungszeichen für jüdische Männer.

Eben jener Papst Gregor IX. formulierte 1233 eine Goldene Regel, nach der Christen den Juden gegenüber zu derselben Toleranz und Wertschätzung verpflichtet seien, die sie für sich selbst in Anspruch nehmen: "Es ist den Juden jenes Wohlwollen entgegenzubringen, das wir im Heidenland den Christen gewährt zu sehen wünschen". Damit wollte Papst Gregor IX. vor allem gegen die im Volk übliche Praxis der Unterstellungen gegen jüdische Mitmenschen vorgehen, die den Antijudaismus motivierten. 1291 legte Papst Nikolaus IV. in diesem Sinne nach: "Die Kirche erträgt nicht gefühllos, daß die Juden Unrecht und Anwürfe erfahren von seiten der Bekenner des christlichen Namens".

Pest und Pogrome: Der Papst bleibt unerhört

Die größte Pogromwelle rollte Mitte des 14. Jahrhunderts durch Europa. Auslöser war die fast überall grassierende Pest, für die die Juden verantwortlich gemacht wurden (Vorwurf der Brunnenvergiftung). Diese Pogrome fanden ebenfalls gegen den entschiedenen Widerstand der Kirche statt. Papst Clemens VI. verfasste zwei Bullen gegen die Judenjagd, die jedoch im Volk ohne Wirkung blieben. Mit der Bulle "Quamvis perfidiam" (1348) spricht Clemens die Juden vom Vorwurf der Brunnenvergiftung frei. Clemens argumentierte gegen diesen Aberglauben mit Hinweis auf die Tatsache, dass auch die Juden selbst Opfer der Pest seien.

Allerdings wurde dagegen argumentiert, Juden seien unterproportional von der Pest betroffen. Das ist wahr, lag aber – wie wir heute wissen – an den besonderen Hygiene- und Speisevorschriften der Juden, die das Infektionsrisiko hemmten. Wer gegen die Weisung der Bulle weiterhin Juden verfolge, so Clemens, werde exkommuniziert. Die Flagellanten, die sich bei den Judenpogromen besonders hervorgetan hatten, erklärte er zu Häretikern. Das Engagement des Papst war jedoch vergeblich. Noch im selben Jahr kam es zu Pogromen gegen Juden in Toulon und in Zürich, 1349 in Freiburg im Breisgau, Speyer, Straßburg und Erfurt. In Erfurt kam es im März 1349 sogar zu einem "prophylaktischen" Pogrom: Obgleich die Pest die Stadt noch gar nicht erreicht hatte, meinte man, vorsorglich die etwa 500 jüdischen Bürger vertreiben zu müssen. Die Pest kam wenig später trotzdem.

Konzil von Trient stellt klar: Alle Menschen sind "Christus-Mörder"

Die Vorstellung, die Juden seien Nachfahren der "Christus-Mörder", wurde zwar lange Zeit im christlich motivierten Antijudaismus tradiert, sie stand aber in klarem Gegensatz zur Lehre des Konzils von Trient (1545-1563), in dem festgestellt wurde: "Wenn man den Grund sucht, warum der Sohn Gottes ein so bitteres Leiden erduldet hat, wird man finden, daß dies vor allem die Verbrechen und Sünden sind, welche die Menschen vom Anbeginn der Welt bis auf den heutigen Tag begangen haben und die sie noch bis zum Ende der Zeit begehen werden". Die Kirche hat stets betont: Alle Menschen tragen die Schuld am Kreuz, soweit sie Sünder sind und der Erlösung bedürfen.

Von Josef Bordat

Der Autor

Josef Bordat studierte Wirtschaftsingenieurwesen, Soziologie und Philosophie mit anschließender Promotion. Er arbeitet als freier Publizist in Berlin.