Jüngste Synodale: Weltkirchlicher Prozess ist Chance für Synodalen Weg
Halbzeit beim Reformprozess in Deutschland

Jüngste Synodale: Weltkirchlicher Prozess ist Chance für Synodalen Weg

Der vom Papst angestoßene synodale Prozess sei kein Stoppschild für den Synodalen Weg in Deutschland, sagt Johanna Müller. Die jüngste Synodale spricht vielmehr von einer Chance. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen, Hoffnungen und von roten Linien beim kirchlichen Reformprozess.

Von Joachim Heinz (KNA) und Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 17.06.2021

Halbzeit beim Synodalen Weg. Die Corona-Pandemie und die Auseinandersetzungen um Missbrauchsgutachten haben den Reformprozess manchmal in den Hintergrund treten lassen. Auf welchem Stand sind die Diskussionen? Im Interview erzählt die jüngste Synodale Johanna Müller von ihren Erfahrungen, Hoffnungen und von roten Linien. Die 17-Jährige stammt aus Marienfeld im Bistum Münster. Sie hat sich beim BDKJ für einen der Plätze der 15 Teilnehmer unter 30 Jahren in der Synodalversammlung beworben und ist die jüngste Teilnehmerin des Synodalen Wegs. Sie arbeitet im Forum "Macht und Gewaltenteilung" mit.

Frage: Frau Müller, Sie haben vergangenes Jahr geschrieben: "Der Synodale Weg lebt!" Würden Sie das heute immer noch so sagen?

Müller: Ja. Das Problem ist, dass man in der Öffentlichkeit zu wenig mitbekommt, dass er lebt. Die Forenarbeit geschieht derzeit ja hinter verschlossenen Türen und wir erarbeiten dort viel, nur wegen Corona ist noch kein Text in eine offizielle erste Lesung gegangen, weil die Synodalversammlung als Beschluss fassendes Organ so lange nicht tagen konnte.

Frage: Die Diskussionen um die Forenpapiere waren oft sehr kontrovers. Haben Sie den Eindruck, dass Sie inhaltlich vorwärts kommen?

Müller: In meinem Forum sind wir von Anfang an mit einem großen Eifer, viel Motivation und großer Expertise vorangegangen. Wir haben also erstmal ganz viel geschrieben, zum Beispiel einen 40-seitigen Grundtext, zu dem wir auf der online-Konferenz im Februar schon viele Rückmeldungen bekommen haben. Einige Beschlussvorlagen von uns sind ebenso bereits veröffentlicht worden. Das ist inhaltlich schonmal ein gutes Stück Arbeit. Doch in jedem Forum kommt es irgendwann zu dem Punkt, an dem die Themen kontroverser werden, wo es Diskussionsbedarf gibt, auch wenn sich alle so einig scheinen. Dann steht Meinung gegen Meinung. An diesen Knackpunkten frage ich mich dann schon, wo es nun lang geht. Bis jetzt habe ich es aber immer so erlebt, dass wir durch den uns zur Verfügung stehenden Diskussionsraum Themen ansprechen, ausdiskutieren, die Texte entsprechend überarbeiten und dann darüber abstimmen konnten. Deswegen finde ich, dass die inhaltliche Arbeit gut funktioniert.

Frage: Der Papst hat gesagt, dass ihm Strukturen nicht so wichtig sind, Segnungsfeiern für homosexuelle Paare und die Frauenweihe scheinen weltkirchlich unerreichbar. Was kann der Synodale Weg da noch bringen?

Müller: Das Papier zur Segnung homosexueller Paare habe ich, wie viele andere auch, nicht als Gegenwind für den Synodalen Weg wahrgenommen. Dieses Papier, von dem niemand weiß, wer es wollte und ob der Papst es gesehen, gelesen oder genehmigt hat, hat in Deutschland das Gegenteil seiner Intention bewirkt: Es gibt jetzt noch mehr Leute, die aufgestanden sind und für Segnungen eintreten – auch ganz unabhängig vom Synodalen Weg. Das bestärkt letztlich den Synodalen Weg zusätzlich. Mit Blick auf die Frage der Strukturen lässt sich sagen: Bei dem nun angestoßenen internationalen synodalen Prozess scheiden sich die Geister. Anfangs hieß es, dass das für den Synodalen Weg in Deutschland schlecht sei und der Vatikan Deutschland dort hineinholt, damit hier nichts Eigenes gemacht wird. Ich sehe diesen Prozess aber als totale Chance. Wenn auf weltkirchlicher Ebene und in anderen Ländern ähnliche synodale Prozesse angestoßen werden, scheint Synodalität ja gar nicht so schlecht zu sein – im Gegenteil sogar sehr attraktiv. Für Deutschland ist das eine Gelegenheit, Themen und Ziele mit einzubringen, aber auch Formate gemeinsamer Beratung und Entscheidung – denn hier ist ja schon eine gewisse Erfahrung vorhanden.

Johanna Müller bei der Regionenkonferenz in Dortmund

Johanna Müller bei der Regionenkonferenz des Synodalen Wegs in Dortmund.

Frage: Sie sind die jüngste Teilnehmerin beim Synodalen Weg. Wenn Sie in Ihrem Freundeskreis darüber sprechen, wie erklären Sie denen das?

Müller: Die katholische Kirche in meiner Generation anzusprechen ist generell keine gute Idee, in der Schule sprechen wir auch kaum darüber – viele junge Menschen haben mit Kirche schlicht nicht viel am Hut. Im Religionsunterricht war der Synodale Weg mal Thema – und dann zu erzählen, dass ich Teil von etwas bin, dass etwas verändern soll, war eine coole Erfahrung. Dass ich die Themen kenne, bei denen viele Menschen von der Kirche eine Modernisierung fordern, und das auch mit Inhalt füllen kann, hat dann zu spannenden Diskussionen geführt. Da spüre ich schon ein großes Interesse und viele meiner Freunde finden das total spannend. Insgesamt werden Menschen meiner Generation aber erst überzeugt sein, wenn sich wirklich etwas ändert und nicht die nächste schlechte Schlagzeile kommt.

Frage: Haben Sie das Gefühl, die Kirche verteidigen zu müssen?

Müller: In gewisser Weise schon, aber in vielen Dingen teile ich die Meinung der Allgemeinheit unter den Jugendlichen, da bin ich nicht näher an der Kirche als sie. Ich habe halt nur schon viel Erfahrung innerhalb des kirchlichen Raums gemacht, sodass ich die Funktionsweise der Kirche vielleicht nicht verteidigen, aber gut erklären kann. Ich sage dann: Es ist unrealistisch, dass sich direkt etwas ändert, weil an einzelnen Entscheidungen oft sehr viel dranhängt. Die Diskussionen auf dem Synodalen Weg sind nur ein Schritt – welche Beschlüsse am Ende umgesetzt werden können, ist angesichts der Entscheidungsstrukturen in der Kirche nicht ausgemacht. Da herrscht dann schnell totale Frustration bei denen, mit denen ich spreche. Ich versuche es so zu halten: ich verteidige meinen Glauben, aber keine kirchlichen Strukturen.

Frage: Gibt es Gründe, warum man als junger Mensch in der katholischen Kirche ist?

Müller: Das entscheidet man als junger Mensch ja in der Regel nicht selbst, sondern wächst durch die Familie hinein. Ich habe das so erlebt. Es gibt natürlich Menschen, die sich in meinem Alter oder schon früher davon verabschieden, bei mir was das aber nicht der Fall. Durch die Bewerbung beim Synodalen Weg bin ich nochmal stärker in die Kirche hineingerutscht – und jetzt bin ich drin. So schnell werde ich mich da auch nicht herausstrampeln. Aber wenn man bis in mein Alter keine Berührungspunkte mit der Kirche hatte, ist es überaus selten, dass man einen Bezug dazu entwickelt, denn die negativen Schlagzeilen stehen im Vordergrund.

Frage: Gäbe es einen Punkt im Synodalen Weg oder bei einer großen Enthüllung, an dem Sie Ihr Engagement für die katholische Kirche hinterfragen oder vielleicht sogar austreten würden, wie das manche bei Maria 2.0 gemacht haben?

Müller: Darüber haben wir in der Gruppe der Unter-30-Jährigen schon öfter diskutiert. Eine rote Linie habe ich mir noch nicht gesetzt, aber selbstverständlich leuchtet es rot auf, wenn menschenunwürdige Dinge gesagt werden oder ärgste Diskriminierung herrscht, auch wenn Menschen für ein Thema kämpfen und dann solchen Gegenwind bekommen, wie etwa auch Hassbotschaften. In meinem Forum ist das Diskussionsklima in Ordnung, aber in anderen Foren geht es um noch viel heißere Themen – da habe ich auch schon anderes gehört. Ich selbst habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht und bin auch sonst noch nicht so weit, dass ich mir Gedanken über ein Ende meines Engagements machen würde.

Die Mitglieder des Synodalen Wegs stehen in der Pflicht, etwas zu liefern.

Zitat: Johanna Müller

Frage: Sehen Sie denn die Gefahr, dass dieser Punkt vielleicht nicht nur für Sie persönlich, aber für einige Menschen aus Ihrer Generation noch kommt, wenn der Synodale Weg vorbei ist und seine Forderungen weltkirchlich oder im Vatikan im Sande verlaufen?

Müller: Dann käme sicherlich noch eine Austrittswelle auf die Kirche in Deutschland zu, die Austrittstendenz ist momentan schon immer weiter steigend. Die Mitglieder des Synodalen Wegs stehen in der Pflicht, etwas zu liefern. Aber weil so wenig von ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit ankommt, werden die Erwartungen riesig sein. Das hat sicher auch damit zu tun, dass der Synodale Weg in den Augen mancher die letzte Chance für die Kirche ist. Ich persönlich glaube, dass es nicht nur von den Ergebnissen des Synodalen Weges abhängt, sondern vielmehr von dem, was daneben geschieht – wie etwa die Geschehnisse im Erzbistum Köln. Wenn Entscheidungen getroffen werden, die die Menschen nicht nachvollziehen können, wenn Strukturen über Menschen gesetzt werden – das sind Stellen, an denen bei vielen Menschen die Grenze des Tolerierbaren erreicht ist.

Frage: War es vielleicht nicht so klug von Bischöfen wie Laien, im Vorhinein so große Erwartungen an den Synodalen Weg zu wecken?

Müller: Beim Synodalen Weg waren alle anfangs sehr begeistert, das war die Lösung. Ich finde das auch gut, denn ich wüsste nicht, was sonst hätte kommen sollen, nach der MHG-Studie musste etwas passieren. Aber jetzt gucken sich viele um und fragen sich, was denn am Ende dieses Weges stehen kann. Gerade das ist aber das Spannende: Ganz viele Menschen sind mit sehr unterschiedlichen Erwartungen in den Prozess gegangen. Mit jedem Tag, mit jedem Schritt bildet sich das Ergebnis dieses Weges weiter heraus. Es muss immer die Motivation da sein, um sich engagieren zu können und nicht beim ersten Gegenwind auszusteigen. Erwartungen zu haben ist nichts Schlechtes, man muss nur realistisch bleiben.

Frage: Was sind denn Ihre Erwartungen?

Müller: Ich habe keine festen Erwartungen oder ein Ziel, das ich unbedingt erreichen möchte. Aber wenn es in Gemeinden später einmal eine Leitung auf Zeit gibt oder ein Bischof auch von den Gläubigen gewählt wird, das würde schon viel an der Glaubwürdigkeit und am Erscheinungsbild der Kirche ändern. Da wir auf der Basis der MHG-Studie arbeiten, sprechen wir viel über Strukturfragen – obwohl die gar nicht so im Zentrum der öffentlichen Debatte stehen. Sie sind aber wichtig. Ich finde einen Dreischritt sinnvoll: Zuerst müssen die strukturellen Veränderungen kommen, denn viele der bisherigen Strukturen hat die MHG-Studie ganz eindeutig als toxisch herausgestellt. Dann muss die Kirche die Glaubwürdigkeit langsam zurückgewinnen, indem beispielsweise Loyalitätspflichten von Arbeitnehmern in kirchlichen Einrichtungen aufgehoben und Wahlen auf allen Ebenen standardisiert werden. Oder in der Sexualmoral: Sie sollte keine Regeln vorgeben, sondern erstmal weniger oder gar nichts sagen und stattdessen zuhören, damit könnte sie sich den Menschen von heute wieder annähern. Dann könnte man über die Zeichen der Zeit reden, was Kirche heute sein kann.

Frage: Wie sieht Ihre Vision von Kirche aus?

Müller: In 50 Jahren sind wir ganz sicher viel weniger Kirchenmitglieder, aber ich finde das in dieser Klarheit nicht wirklich schlimm, es muss vielleicht so kommen. Die Kirche sollte mehr eine Kirche für Menschen sein und keine Institution oder Struktur an sich. Die Leute sollten etwas Gutes damit verbinden, dass Kirche da ist. Jeder sollte sich angenommen fühlen, Kirche sollte nicht immer direkt eine Meinung von irgendwem haben – das wäre viel urkirchlicher als die institutionelle Form, die wir heute vorfinden. Aus diesen Wurzeln kann die Kirche wachsen.

Von Joachim Heinz (KNA) und Christoph Paul Hartmann