Schilder mit der Aufschrift "Frauen*kommission" stehen auf einem Tisch
Sprecherin des Beratungsgremiums im Bistum Mainz im Interview

Frauenkommissions-Sprecherin: Habe Gefühl, etwas verändern zu können

Sie soll Bischof Peter Kohlgraf beraten und die Beteiligung von Frauen fördern: die neue Frauenkommission im Bistum Mainz. Im katholisch.de-Interview spricht Ina May, eine der Sprecherinnen des Gremiums, über Aufbruchsstimmung und die Pläne der Kommission.

Von Christoph Brüwer |  Mainz - 26.11.2021

Eine Frauenversammlung im Bistum Mainz hat im Juni zwölf Frauen in die neue Frauenkommission der Diözese gewählt. Ina May ist eine von ihnen und Mitglied im Sprecherinnenteam der Kommission. Im Interview spricht sie darüber, welche Ziele das Gremium sich gesetzt hat und warum sie hoffnungsvoll auf die Arbeit blickt.

Frage: Frau May, im September hat sich die Frauenkommission im Bistum Mainz konstituiert, inzwischen haben Sie auch inhaltlich Ihre Arbeit aufgenommen. Welche Themen wollen Sie in den kommenden zwei Jahren angehen?

May: Wir haben uns bewusst gemacht, dass wir hier im Bistum nur kleine Schritte gehen und wir nicht in zwei Jahren die Kirche und die Welt auf den Kopf stellen können. Das ist auch nicht unser Ziel. Konkrete Themen, zu denen wir in Kleingruppen arbeiten wollen, sind Sprache, Vernetzung mit anderen Gremien und Expertinnen sowie Verkündigung von Frauen. Ein weiteres Thema haben wir mit "Schutzraum" überschrieben. Es geht dabei um eine Stelle im Bistum, die auch progressive Positionen gestärkt werden und man sich Rat holen kann.

Frage: Welche Themen liegen Ihnen persönlich am Herzen? Wofür wollen Sie sich einsetzen?

May: Ich bin in der Verkündigungs-Gruppe. Ich möchte in den Blick nehmen, wo Verkündigung wie stattfindet und welchen Platz Frauen da haben. Denn aktuell ist es ja so, dass uns das Evangelium in der Messe grundsätzlich von einem Priester ausgelegt wird – und im Katholizismus geht das einher damit, dass das nie eine Frau sein kann. Wir bekommen dadurch immer nur eine männliche Sicht auf das Evangelium. Ich möchte schauen, was möglich ist. Wir wissen aus den Erfahrungen von Frauen aus unserer Kommission, dass es Orte gibt, an denen auch die Gemeinde- oder Pastoralreferentin oder jemand anderes predigt. Dass das versteckt wird, finde ich schade. Es ist typisch für unsere Kirche, dass manches möglich ist, man aber nicht zu laut darüber sprechen sollte. Genau das will ich aber tun: Warum gibt es bei uns im Bistum nicht ein oder zwei Sonntage im Jahr, an denen ganz bewusst Frauen predigen und die Schrift auslegen?

Frage: Sie sind Gymnasiallehrerin für Deutsch und Katholische Religion. Inwiefern tauchen die Themen, über die Sie in der Frauenkommission sprechen, auch im Unterricht auf?

May: Fast jede Woche. Gerade in der Oberstufe, wenn die Kirche Unterrichtsthema ist. Natürlich kommen dann kritische Anfragen von den Schülerinnen und Schülern – auch von vielen, die in der Kirche beheimatet sind und sagen: "Das kann so nicht weitergehen." Das ist bei den Jugendlichen ein Dauerthema.

Die vier Sprecherinnen der Frauenkommission und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf

Die vier Sprecherinnen der Frauenkommission (von links): Nicola Diefenbach, Andrea Keber, Ursula Büsch (im Bildschirm) und Ina May. Rechts daneben: Bischof Peter Kohlgraf.

Frage: Haben Sie den Eindruck, dass Schülerinnen und Schüler verstehen, dass Frauen in der Kirche vor einigen Hürden stehen und beispielsweise keinen Zugang zu Weiheämtern haben?

May: Sie wissen darum, aber sie können es nicht nachvollziehen – auch weil sie es selbst beispielsweise in der Jugendarbeit anders erleben. In den Verbänden oder in der Gemeinde erleben sie, dass Mädchen oft in der Mehrzahl sind und beispielsweise die Messdienerleitung übernehmen. Die Schülerinnen und Schüler wissen aber auch: Irgendwo hört es damit dann auf. Und das sorgt für Frustration.

Frage: Frustration, gegen die Sie dann argumentieren müssen?

May: Ich bin Teil dieser Kirche und bin das auch sehr gerne. Ich ermutige dann, sich nicht aufgrund dieser Frustration zurückzuziehen, sondern zu versuchen, etwas zu verändern. Ich kann aber nur Teil der Veränderung sein, wenn ich Teil der Kirche bleibe. Ansonsten bin ich raus und kann eben auch nichts verändern.

Frage: Als Mitglied der Frauenkommission können Sie auch das Kirchenrecht nicht ändern und bestimmte Dinge lassen sich im Bistum Mainz nicht umsetzen. Was sind daher Ihre Ziele für die kommenden zwei Jahre? 

May: Das Ziel ist zum einen, die Frauenthemen auch in anderen Beratungsgremien im Bistum in den Blick zu bringen. Außerdem wollen wir schauen, was wir hier konkret umsetzen können. Ich kann da nicht für alle Kleingruppen unserer Kommission sprechen, aber für die Gruppe Verkündigung ist es ein zentrales Ziel, einen Sonntag auf den Weg zu bringen, an dem Frauen in der Messe das Evangelium auslegen. 

Neue Frauenkommission berät künftig Mainzer Bischof Kohlgraf

Bischof Peter Kohlgraf wird im Bistum Mainz künftig von einer Frauenkommission beraten. Das Gremium solle darüber nachdenken, wie sich eine Beteiligung von Frauen und Geschlechtergerechtigkeit "auf allen Ebenen" fördern und umsetzen lassen.

Frage: Mit 35 Jahren sind Sie eine der jüngeren Frauen im Sprecherinnen-Team. Was ist für Sie die Motivation gewesen, sich hier zu engagieren? Das ist ja durchaus eine zeitintensive Aufgabe.  

May: Ja, das ist es auf jeden Fall. Ich finde es aber unglaublich spannend, bei so einem Aufbruch dabei zu sein und gestalten zu können. Und ich habe das Gefühl, das kann ich hier. Das ist eine ernstzunehmende Kommission und nicht bloß irgendeine Arbeitsgruppe. Wir sind vom Bischof beauftragt und er hat uns gesagt, dass er auf Ideen von uns wartet. Ich nehme das durchaus so wahr, dass ihm das ein ernsthaftes Anliegen ist. Nur so kann auch Motivation entstehen, wenn man das Gefühl hat, dass etwas entstehen kann.

Frage: Die Frauenkommission hat insgesamt eine ziemlich große Altersspanne von 21 bis 60 Jahren. Merken Sie, dass Sie eine andere Perspektive haben als andere Frauen aus anderen Altersgruppen?

May: Am Alter kann man das überhaupt nicht festmachen. Wir haben sowohl junge als auch ältere total progressive Frauen und genauso auch Frauen in allen Altersbereichen, die nicht so progressiv sind. Da kommen ganz unterschiedliche Haltungen zusammen – und das ist super, weil wir sowohl vom Alter als auch von den Einstellungen, unseren Vorerfahrungen, unseren kirchlichen Sozialisationen aber auch Frusterlebnissen eine große Bandbreite abdecken. Das ist ein unglaublicher Gewinn, denn letztendlich geht es nicht um die Anliegen von uns zwölf, sondern wir vertreten die Anliegen aller Frauen im Bistum Mainz.

Frage: Sie haben die Offenheit für Veränderungen im Bistum angesprochen. Was ist denn, wenn Sie nach zwei Jahren feststellen müssen, dass es doch nicht so funktioniert, wie Sie es sich gedacht haben und sie auf Wände stoßen. Haben Sie für sich persönlich schon überlegt, was dann passiert?

May: Nein, weil ich einfach nicht damit rechne. Wir haben so eine Aufbruchstimmung in dieser Kommission und auch in der Frauenversammlung gespürt, dass das für mich im Moment gar keine Rolle spielt.

Von Christoph Brüwer