Das war die dritte Plenarsitzung des Synodalen Wegs

Wie die Synodalversammlung das Handeln der Kirche verändern will

Aktualisiert am 06.02.2022  –  Lesedauer: 

Frankfurt am Main ‐ Die dritte Synodalversammlung ist am Samstag in Frankfurt zu Ende gegangen. Die Mitglieder des kirchlichen Reformprozesses haben dort erste Beschlüsse gefasst. Für Bischof Georg Bätzing zeigen sie, auf welche Weise der Synodale Weg das "Handeln der Kirche" verändern will.

  • Teilen:

"Ich fahre mit Dankbarkeit nach Hause, weil wir gemeinsam Tore aufgestoßen haben", sagt Irme Stetter-Karp sichtlich bewegt zum Abschluss der dritten Synodalversammlung am Samstag in Frankfurt am Main. Für die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und des Synodalen Wegs waren die vergangenen drei Tage ein großer Erfolg. Auch Stetter-Karps Präsidiumskollege Bischof Georg Bätzing pflichtet ihr bei: "Wir hatten 14 Vorlagen für Texte, alle wurden angenommen", so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) mit Erleichterung in der Stimme. Die große Mehrheit der Synodalen teilt offensichtlich die Meinung des Synodalpräsidiums, denn Applaus brandet im großen Plenarsaal auf dem Messegelände auf, bevor die Teilnehmer sich auf den Nachhauseweg machen.

Tatsächlich scheint der Reformprozess mit der dritten Synodalversammlung volle Fahrt aufgenommen zu haben. Die Synodalen haben die ersten verbindlichen Beschlüsse gefasst: Sie nahmen zwei Grundlagentexte und ein Handlungspapier in zweiter Lesung an und schickten sie damit in die Umsetzungsphase. So sollen die Gläubigen unter Wahrung der geltenden Staatskirchenverträge künftig an der Bestellung von Bischöfen mitwirken können. Forumsmitglied Charlotte Kreuter-Kirchhof hatte bei der Vorstellung des Handlungstextes am Freitag darauf gedrängt, dessen Bestimmungen rasch zu realisieren, weil dieser Schritt unmittelbar möglich sei: "Sie müssen auf nichts und auf niemanden warten."

Das Synodalpräsidium räumte nach Abschluss der Versammlung jedoch ein, dass es für die Umsetzung noch keinen konkreten Zeitplan gebe. Dieser hänge von den jeweiligen Domkapiteln ab, die in einer Selbstverpflichtungserklärung zusichern sollten, Laienvertreter an der Erstellung der Vorschlagslisten mit Bischofskandidaten und wo möglich an der Wahl des Oberhirten zu beteiligen. "Ich jedenfalls werde am Montag mit den Domkapitularen in meinem Bistum Limburg Kontakt aufnehmen und sie bitten, diesen Schritt in die Wege zu leiten", versprach Bätzing. Bei der Vollversammlung der Bischöfe im kommenden Monat in Vierzehnheiligen werde das Thema auf die Tagesordnung kommen. Doch letztlich hänge die Umsetzung des synodalen Beschlusses von den einzelnen Domkapiteln ab, die freiwillig ihre Macht beschränken müssen. Auch wenn sich Bätzing und Stetter-Karp zuversichtlich zeigten, dass eine Beteiligung von Gläubigen an der Bestellung von Bischöfen bald Wirklichkeit werde – versprechen können sie die Umsetzung dieses Wunsches der Synodalen nicht.

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Die weiteren 11 angenommenen Texte bleiben zunächst ebenfalls ohne konkrete Folgen, jedoch aus dem Grund, dass sie zunächst in erster Lesung besprochen wurden. Verbindliche Entscheidungen werden nach den weiteren Lesungen bei den verbleibenden beiden Synodalversammlungen im September dieses Jahres und im Frühjahr 2023 erwartet. Bätzing warnte die Synodalen deshalb, dass es "auch andere Zeiten geben" werde, in denen der Ton der Debatte in der Versammlung härter werden und nicht alle vorgeschlagenen Texte angenommen würden. Doch schon die jetzt zu Ende gegangene Synodalversammlung war von emotionalen Diskussionen geprägt, wozu auch die oft als "heiße Eisen" bezeichneten Themen Pflichtzölibat, Frauenweihe, Sexualmoral und das kirchliche Arbeitsrecht beitrugen.

Der wohl eindrücklichste Redebeitrag kam kurz vor Abschluss des Treffens am Samstagnachmittag von Mara Klein. Das Mitglied der Synodalversammlung bekennt sich offen zu einer diversen Geschlechtsidentität und erklärte, dass die Kirche als Arbeitgeber aus diesem Grund nicht infrage komme. "Das Priesterseminar oder Orden sind für meine Berufung verschlossen", bedauerte Klein unter Tränen. "Es liegt in ihrer Hand, liebe Bischöfe. Sie können den Schmerz einstellen, der für mich mit diesem Arbeitsrecht verbunden ist." Viele weitere Synodale berichteten ebenfalls von eigenen oder den Erfahrungen von Freunden, bei denen die Kirche aufgrund ihrer Diskriminierung von queeren oder wiederverheirateten Menschen zu einem Ort der Angst geworden sei. Die große Sensibilität der Synodalen bei den Diskussionen über teilweise existentielle Themen und zeigte sich etwa an einem Redebeitrag des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke. Der Oberhirte verzichtete darauf, seine Meinung gegen Segensfeiern für homosexuelle Paare zu begründen, um Anwesende nicht zu verletzen.

Respektvoller Umgang in Versammlung – jedenfalls meistens

Dieser allgemein respektvolle Umgang in der Synodalversammlung wurde in den drei Tagen lediglich zweimal getrübt: Zum einen am Samstag von der Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die Homosexualität in einem Atemzug mit Pädophilie nannte, zum anderen durch eine missverständliche Äußerung von Bischof Rudolf Voderholzer, von der sich Missbrauchsopfer vor den Kopf gestoßen fühlten. Gerl-Falkovitz suchte in der Pause das Gespräch mit Birgit Mock, die sich über ihren Beitrag beschwert hatte. Der Regensburger Oberhirte entschuldigte sich am Freitag für seine Worte. Voderholzer profilierte sich mit zahlreichen Äußerungen zudem als eine Art Wortführer der konservativen Minderheit in der Versammlung, die sich gegen Reformen ausspricht, die nicht mit dem Kirchenrecht und der geltenden kirchlichen Lehre im Einklang stehen. Als sein Gegenpart kann der Vorsitzende der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Gregor Podschun, bezeichnet werden. Immer wieder rief Podschun dazu auf, sich über das kirchliche Recht hinwegzusetzen und für weitreichende Reformen zu votieren, um Zustände in der Kirche zu beenden, die menschliches Leid verursachten – seien es sexueller Missbrauch oder etwa der Ausschluss queerer Menschen vom Weihesakrament oder der Ehe. Viele der eingebrachten Reformvorschläge gingen seiner Meinung nach nicht weit genug.

Die große Mehrheit der Synodalen zeigte sich in den drei Tagen in Frankfurt reformwillig, was sich in positiven Abstimmungsergebnissen von in der Regel mehr als 85 Prozent äußerte. Auch die notwendige Zweidrittelmehrheit der Bischöfe kam bei den drei entscheidenden Abstimmungen stets zusammen, manchmal jedoch recht knapp. Da sich bei der kommenden Synodalversammlung wahrscheinlich wieder der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, der sich aktuell in einer mit dem Papst vereinbarten Auszeit befindet, und auf lange Sicht auch sein Weihbischof Dominikus Schwaderlapp wieder unter den Synodalen befinden werden, könnten die selbstverständlichen episkopalen Zweidrittelmehrheiten in Zukunft eventuell der Vergangenheit angehören. Beide Oberhirten gelten theologisch als konservativ. Zudem stehen bei den kommenden beiden Versammlungen Handlungstexte zur Abstimmung, die bereits dieses Mal kontrovers diskutiert wurden. Wohl nicht umsonst hatte Synodalpräsidentin Stetter-Karp kurz vor Beginn des Treffens angekündigt, die Versammlung unterbrechen zu wollen, wenn sich nicht die nötigen Mehrheiten der Bischöfe für die Texte in zweiter Lesung finden würden.

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Doch diese Befürchtungen traten nicht ein, die Synodalen – egal ob mit oder ohne Bischofsweihe – zeigten sich größtenteils einmütig. Bätzing sprach aufgrund der ersten verbindlichen Beschlüsse, die von einigen Teilnehmern des Synodalen Wegs als ein "historischer Moment" bezeichnet wurden, von einem "großen Vertrauen" untereinander in der Versammlung, auf das er stolz sei. Ein Grund zur Freude war für die Verantwortlichen des Reformprozesses auch, dass die Großveranstaltung mit rund 215 Teilnehmern trotz Corona-Pandemie reibungslos über die Bühne ging. Abstands- und Hygieneregeln, sowie tägliche Tests sollten Ansteckungen mit dem Virus vermeiden, was gelungen zu sein scheint: Bis zum Ende des Treffens waren keine Infektionen bekannt. Ausdrücklich gelobt wurden die Synodalen von der Sitzungsleitung für die Disziplin, die sie in den drei phasenweise recht langatmigen Debatten an den Tag legten. Anders als bei der vorausgegangenen Synodalversammlung, reisten bei diesem Mal fast keine Synodalen vorzeitig ab. Im vergangenen Herbst hatte dieses Verhalten zu einem vorzeitigen Abbruch des Treffens geführt, weil die Synodalversammlung nicht mehr beschlussfähig war. Jetzt wurde die zeitliche Planung eingehalten und die Sitzung konnte sogar zehn Minuten früher geschlossen werden, weil sich mehrere Mitglieder der Versammlung um kurze Redebeiträge bemühten.

In Erinnerung bleiben wird die dritte Synodalversammlung auch wohl wegen einiger besonderer Zeichen: So hielten Bätzing und Stetter-Karp die Predigt der Messfeier am Freitag gemeinsam. Die beiden Präsidenten des Synodalen Wegs riefen ausgehend vom Text des Evangeliums dazu auf, zum Salz der Erde zu werden. Experimentell war auch die Musik bei den geistlichen Impulsen, die die Sitzungstage gliederten. Vier junge Musiker vertonten lateinische Hymnen an den Heiligen Geist zu Elektronik-Klängen. Einige wenige Teilnehmer konnten mit der ungewohnten Musik und den spirituellen Übungen anscheinend wenig anfangen und verließen demonstrativ den Saal. Die von den beiden geistlichen Begleitern vorgeschlagenen Auflockerungsübungen waren nicht nur spiritueller Art, sondern schlossen auch Bewegungen ein. Das hatten mehrere Synodale offensichtlich nötig, denn gerade am letzten Sitzungstag machte sich Müdigkeit in der Synodalversammlung breit. Auf den großen Bildschirmen waren mehrfach Bischöfe im Hintergrund von Rednern zu sehen, die sich dem Sekundenschlaf hingaben.

Beim Grußwort des Apostolischen Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic am Samstagmorgen war von dieser Müdigkeit noch nichts zu spüren. Vielleicht auch, weil der päpstliche Botschafter in Deutschland die Synodalen dazu aufrief, die Einheit mit der Weltkirche zu wahren und die von Papst Franziskus mit Nachdruck geforderte Synodalität nicht mit einem demokratischen Parlamentarismus zu verwechseln. Der Vatikan scheint den Synodalen Weg sehr genau zu beobachten und kritisches Interesse an dem Reformdialog zu haben. Wohl auch deshalb werden sich das Synodalpräsidium und Vertreter des Vatikan rund um Kardinal Mario Grech, dem Verantwortlichen für die Weltbischofssynode, künftig regelmäßig austauschen. Ob Bätzing und Stetter-Karp die offensichtlich bestehenden Vorbehalte Roms gegenüber dem Synodalen Weg ausräumen können, wird sich zeigen. Wie er das Reformprojekt versteht, machte der DBK-Vorsitzende nach Abschluss der Synodalversammlung vor Journalisten deutlich: "Wir machen nicht vor allem Texte, sondern wir verändern das Handeln der Kirche" – vielleicht ja nicht nur der Kirche in Deutschland, sondern auch weltweit.

Von Roland Müller