Synodaler Weg führe zu "legitimem Streit" um Zukunft der Kirche

Experte zu Gefahr der Kirchenspaltung: Bisher trägt die Mitte

Aktualisiert am 24.03.2022  –  Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Die Warnung vor Spaltungen ist allgegenwärtig. Im Interview erklärt der Weltanschauungsexperte Johannes Lorenz, warum er diese Gefahr in der Kirche nicht sieht. Streit um den Synodalen Weg sei legitim, solange die Offenheit zum Gespräch bestehe. Sorge bereiten ihm aber Entwicklungen am rechten Rand.

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Ob in der Gesellschaft, in den Familien oder der Kirche: Verschiedene Positionen scheinen sich heute immer unversöhnlicher gegenüberzustehen. Für den Weltanschauungsbeauftragten des Bistums Limburg, Johannes Lorenz, ist das keine neue Entwicklung. Solange die Stimmen in der Mitte der Kirche noch bereit seien, der Gegenseite ihre gute Absicht nicht abzusprechen, will er nicht von Spaltung sprechen. Im Interview mit katholisch.de erklärt der Theologe aber auch, wo für ihn die Grenzen der Akzeptanz liegen und wie eine bestimmte Rhetorik das Gesprächsklima vergifte.

Frage: Herr Lorenz, es ist gerade oft zu lesen, ein Riss ginge durch die Gesellschaft, und auch in der Kirche wird viel von der Gefahr einer Spaltung gesprochen. Leben wir in einem Zeitalter der Spaltung?

Lorenz: Nein, das würde ich so nicht sagen. Das Spaltungsnarrativ ging natürlich im Zusammenhang mit der Corona-Krise durch die Feuilletons, wurde von soziologischer Seite aber eher kritisiert. Spaltung setzt ja voraus, dass sich zwei Seiten so weit voneinander getrennt haben, dass es dazwischen nichts Verbindendes mehr gibt. Und dass trifft, glaube ich, weder auf die gesellschaftliche Situation zu noch auf die Gemengelage in der Kirche. Deswegen würde ich nicht von Spaltung sprechen. Es gibt aber sicherlich in beiden Bereichen Tendenz, dass Meinungsführer an den Rändern keinen gemeinsamen Weg mehr finden.

Frage: In der säkularen Welt ist es aktuell klar der Umgang mit der Corona-Pandemie – was sind in der Kirche die Themen, die potenziell zur Verhärtung der Fronten führen?

Lorenz: Ich denke, das zentrale Thema ist aktuell der Synodale Weg, der eine Art Hyperkatalysator kirchlicher Spannungen darstellt, und mit ihm die Frage, wie man die Missbrauchskrise interpretiert. Da gibt es die eine Position, die stark von humanwissenschaftlichen Erkenntnissen geprägt ist und sexuellen Missbrauch in der Kirche als systemisches Problem betrachtet und deshalb grundlegende Reformen fordert. Während die andere Seite sagt: Die Missbrauchstaten sind als Einzelfälle zu werten und wir können nicht deshalb die Lehre der Kirche verändern. Das bezieht sich auf alle Bereiche der Kirche, insbesondere auf die Frage nach der hierarchischen Machtverteilung.

Der Frankfurter Theologe Johannes Lorenz
Bild: ©privat

Der promovierte Moraltheologe Johannes Lorenz (*1986) ist Studienleiter für Weltanschauungsfragen und Lebenskunst der Katholischen Akademie Rabanus Maurus in Frankfurt und Weltanschauungsbeauftragter des Bistums Limburg.

Frage: Hier treffen aber doch ganz fundamentale Widersprüche aufeinander und die Stimmung um den Synodalen Weg ist zunehmend rauer geworden. Sehen Sie trotzdem keine Spaltung?

Lorenz: Natürlich beobachte ich auch, dass die Sprache zum Teil schärfer geworden ist. Aber es gibt mit Blick auf den Synodalen Weg immer noch eine relativ große Mitte, die sehr bemüht darum ist, diskursfähig zu argumentieren und die eigenen Positionen so zu darzulegen, dass sie auch von der anderen Seite verstanden werden kann. Zwei Personen, an denen man das sehr gut sehen kann, sind für mich der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz und Professorin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Der eine ist ein großer Befürworter von Reformen und die andere eine starke Kritikerin des Synodalen Weges. Trotzdem haben beide unabhängig voneinander bei zwei Anlässen ganz ähnlich argumentiert, dass man der Gegenseite das Katholisch-Sein und die gute Absicht nicht absprechen dürfe. Solange es solche Positionierungen noch gibt, spricht das sehr für die Handlungsfähigkeit der kirchlichen Mitte und gegen eine Spaltung. Ich nehme den Streit um den Synodalen Weg als einen legitimen Streit darüber wahr, wie die Kirche sich in der pluralen Gesellschaft verortet.

Frage: Gilt dieses gegenseitige Verstehen-Wollen auch dann noch, wenn systemischen Probleme der Kirche grundsätzlich geleugnet werden und sogar von einem "Missbrauch des Missbrauchs" durch die Reformbestrebungen gesprochen wird?

Lorenz: Wenn man solche Positionen beurteilt, muss man immer mitbeachten, welche Form von Rhetorik angewendet wird. Man kann durchaus bei einigen scharfen Kritikern des Synodalen Weges rhetorische Wendungen ausfindig machen, die gegen eine Gesprächsbereitschaft sprechen. Wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass durch den Synodalen Weg eine Protestantisierung stattfindet und dass er im Grunde eine Pseudosynode ohne jegliche kirchenrechtliche Grundlage ist, dann sehe ich darin den Willen zum gesunden Miteinander in Frage gestellt. Je schärfer die Rhetorik wird, desto mehr zeigt sich, dass sich die Kommunikation eigentlich nur noch an eine innere Peergroup wendet. Das beobachte ich vor allem bei einer Minderheit, die dem Synodalen Weg sehr kritisch gegenübersteht. Dazu gehören auch diffamierende Begriffe wie Verbandskatholizimus oder Funktionärskatholizismus, die zum Beispiel Erzbischof Georg Gänswein immer wieder verwendet. Er spricht in diesem Zusammenhang davon, dass es zu einem Aderlass kommen muss, damit am Ende die übrig bleiben, die wirklich noch glauben. Bei solchen Urteilen fragt man sich, woher er wissen will, wie gut oder schlecht der Glaube einzelner Christen ist, die er als Verbandskatholiken bezeichnet. Diese Äußerungen vergiften das Gespräch.

Frage: Haben sich solche sprachlichen Zuspitzungen durch den Synodalen Weg verschärft?

Lorenz: Sicher treten solche Radikalisierungen im Umfeld des Reformprozesses häufiger auf. Aber wenn man in die Geschichte schaut, gab es eine ähnliche Rhetorik auch schon rund um die Würzburger Synode. Im Anschluss daran gab es 1976 eine Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz, in der vor der Verwendung des Begriffs "Protestantisierung" der katholischen Kirche gewarnt wurde, weil er zu einer Vergiftung der Diskussionsatmosphäre führen würde. Damals hat sich die Bischofskonferenz mit dieser Stellungnahme noch gegen die Piusbrüder abgegrenzt. Und es ist interessant, dass dieser Begriff heute im konservativen Milieu weithin geteilt wird. Es geht ja nicht darum, dass man Sachkritik am Synodalen Weg nicht auch gelten lassen muss, aber diese Rhetorik vergiftet eben das Klima.

„Insgesamt sehe ich die sprachliche Verhärtung und die Rede von der Spaltung eher auf der konservativen Seite.“

—  Zitat: Johannes Lorenz

Frage: Ist das nur ein Problem auf der konservativen Seite oder gibt es solche Verhärtungen auch im progressiven Lager? Ist die Drohung "Wenn sich jetzt nichts ändert, trete ich aus der Kirche aus" nicht auch eine Art Gesprächsverweigerung?

Lorenz: Bestimmt gibt es auch auf einer rhetorisch aufgeladenen progressiven Seite die Tendenz, selbst einer mittleren konservativen Perspektive die gute Absicht abzusprechen. Und gerade bei Personen, die selbst von Missbrauch betroffen sind, ist es biografisch vollkommen nachvollziehbar, dass langsame Reformschritte als unzureichend wahrgenommen werden. Das gilt es auf jeden Fall mit zu berücksichtigen. Insgesamt sehe ich die sprachliche Verhärtung und die Rede von der Spaltung allerdings eher auf der konservativen Seite.

Frage: Besteht die Gefahr, dass die ablehnende Haltung dieser konservativen Strömungen in der Kirche durch die große Übermacht der Reformwilligen verstärkt wird?

Lorenz: Das glaube ich nicht. Auch beim Synodalen Weg wirken eine ganze Reihe von Personen mit, die im guten Sinne konservativ sind und diese Stimmen repräsentieren. Diese Positionen sind ja vertreten. Ein gutes Beispiel ist hier für mich der Trieren Moraltheologe Johannes Brantl, der die Diskussionen mit einer großen Sensibilität begleitet, aber auch klare Grenzen in Bezug auf die kirchliche Lehre aufzeigt. In solchen Personen können sich auch Personen wiederfinden, die die Richtung des Synodalen Wegs im Ganzen vielleicht nicht teilen.

Verschwörungsmythen und Religion – Was sie verbindet und was sie trennt

In der Corona-Krise suchen viele Menschen nach Halt. Einige finden ihn im Glauben an Verschwörungsmythen. Der Religionswissenschaftler Michael Blume ist Experte für dieses Thema und erklärt im katholisch.de-Interview Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Religionen und Verschwörungsglauben.

Frage: Weil Sie vorhin von der Piusbruderschaft gesprochen haben, die sich ja strikt gegen alle Reformen abgrenzt und als die eigentlich wahre Kirche versteht, also das Schisma sozusagen umzukehren versucht: Sollte die Kirche versuchen, solche lauten Minderheiten wieder einzubinden, oder bleibt da ihrerseits nur die Abgrenzung?

Lorenz: Nein, gegenüber der Piusbruderschaft gilt meines Erachtens nur die Devise, sich zu distanzieren. Wo nicht mal der Wille existiert, das Zweite Vatikanum anzuerkennen, wo die Werte der Religions- und Gewissensfreiheit abgelehnt werden und ein längst vergangenes, autoritäres Kirchenbild propagiert wird, sollte es kein Entgegenkommen geben. In dem Zusammenhang finde ich es äußerst besorgniserregend, dass sich in letzter Zeit auch einzelne katholische Kirchenvertreter wie der Weihbischof von Astana, Athanasius Schneider, sehr kritisch zum Zweiten Vatikanum äußern und eine zunehmend ablehnende Haltung gegenüber unserer demokratischen Kultur zeigen.

Frage: Für viele war es wenig überraschend, dass gerade Weihbischof Schneider oder der frühere US-Nuntius Carlo Maria Viganò große Nähe zu Verschwörungsmythen über die Corona-Pandemie gesucht haben. Wie kann sich die Kirche gegen solche Vereinnahmungen schützen?

Lorenz: Das ist ein Problem, das sich auch vor Corona schon gezeigt hat, etwa bei der Bewertung der Flüchtlingskrise in politisch rechtskonservativen Kreisen. Auch in diesen Fragen kann man mit dem Zweiten Vatikanum antworten: Die Kirche hat sich damals klar für die Rechte der Person ausgesprochen und allem, was dem widerspricht, muss heute auch die Kirche widersprechen. Wenn also in Anti-Corona-Strömungen dezidiert zu unsolidarischen Verhalten aufgerufen und Freiheit als verantwortungsloser Egoismus missverstanden wird, gilt es klare Grenzen zu ziehen.

Von Moritz Findeisen