Freiburger Fundamentaltheologe analysiert das Schreiben von 74 Bischöfen

Striet: Nehme Brief zum Synodalen Weg intellektuell nicht allzu ernst

Aktualisiert am 25.04.2022  –  Lesedauer: 
Debatte

Freiburg ‐ 74 Bischöfe und Kardinäle aus Amerika und Afrika hatten in einem Brief scharfe Kritik am Synodalen Weg geäußert. Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet hält die Warnungen vor einer Kirchenspaltung allerdings für verfehlt. Das Schisma gebe es schon längst, schreibt er in einem Gastbeitrag.

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Datiert auf den 11. April 2022 haben insgesamt 74 Kardinäle und Bischöfe mit einem Schreiben "Eine Antwort auf die Situation in Deutschland: Ein brüderlicher Brief an unsere Mitbrüder im Bischofsamt in Deutschland" gewandt. Nun fragt man sich zunächst, wenn es sich bei diesem Schreiben um eine "Antwort" handelt, wer die Unterzeichneten eigentlich gefragt hat. Möglicherweise niemand. Auf jeden Fall scheint der Synodale Weg, wie er in Deutschland abläuft, eine große Besorgnis auszulösen. Zuvor hatten bereits die nordische und die polnische Bischofskonferenz deutliche Bedenken angemeldet.

Immer wieder ist von einem drohenden Schisma zu hören. Unverblümt spielen die Kritiker auf die schließlich zum Schisma führende Reformbewegung an, die Luther mit seiner heftigen Kritik an den Zuständen und der Theologie in der Kirche seiner Zeit auslöste. Sich sorgen, dass ein Schisma kommen könnte, müssen die Kritiker sich aber nicht. Es gibt das Schisma längst. Ob es institutionell vollzogen wird, ist eine nachrangige Frage. Die innere Distanz zu dem, was angeblich als verbindlich zu glauben vom Lehramt der römisch-katholischen Kirche vorgegeben wird, ist in vielen katholischen Milieus so ausgeprägt, dass hier auch nichts mehr zu kitten ist. Ob dieser Prozess im deutschsprachigen Raum nur intensiver vorangeschritten ist als in anderen kulturellen Kontexten, vermag ich nicht zu beurteilen. Es ist der Geschmack an der Freiheit, den längst auch viele Katholikinnen und Katholiken als evangeliumsgemäß kosten wollen, der die Distanz geschaffen hat.

Freiheit, Gewissen und die Natur des Menschen

Die unterzeichneten Würdenträger haben genau gesehen, woher der Wind im deutschen Katholizismus weht. Zwar kann man sich fragen, ob sie sich auch nur einmal ernsthaft mit der Frage beschäftigt haben, was seit dem 18. Jahrhundert unter dem Begriff "Autonomie" verhandelt wird. Zweifel daran sind jedenfalls angebracht. Freiheit sei nicht "Autonomie", heißt es im Brief an die deutschen Bischöfe. "Authentische Freiheit" sei vielmehr "nach der Lehre der Kirche an die Wahrheit gebunden und auf das Gute und letztendlich auf die Glückseligkeit des Menschen hingeordnet".

Dem könnte man zustimmen, wenn nicht von einer authentischen Freiheit gesprochen würde. Offensichtlich gibt es dann auch eine nicht-authentische Freiheit, und das Wahrheitsentscheidungsmonopol, darüber befinden zu können, was denn nun eine authentische von einer nicht-authentischen Freiheit unterscheidet, wird von den Unterzeichneten beansprucht. Das Gewissen, so heißt es dann, sei "keine schöpferische Quelle von Wahrheit". Aha, so möchte ich zurückfragen, aber: Wer würde das in dieser Schlichtheit behaupten? Aufschlussreich ist dann der nächste Satz: "Ein gut gebildetes christliches Gewissen bleibt der Wahrheit über die menschliche Natur und den von Gott geoffenbarten und von der Kirche Christi gelehrten Normen für ein rechtschaffenes Leben verpflichtet." Die Logik dieses Satzes ist frappierend klar. Für nicht so sehr in katholischer Logik geübte Menschen, die es auch im Raum des Katholischen vielfach gibt, sei sie kurz vorgeführt. Wobei zunächst darauf hinzuweisen, dass es bei der menschlichen Natur – Benedikt XVI. sprach in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sogar ausdrücklich von der "Ökologie des Menschen" – nicht um ökologische Fragen, sondern um geschlechteranthropologische geht. Nicht zufällig warnen die Unterzeichneten auch wieder einmal vor der sogenannten Genderideologie.

Bild: ©Britt Schilling/FRIAS

"Die innere Distanz zu dem, was angeblich als verbindlich zu glauben vom Lehramt der römisch-katholischen Kirche vorgegeben wird, ist in vielen katholischen Milieus so ausgeprägt, dass hier auch nichts mehr zu kitten ist", schreibt Magnus Striet. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Freiburg.

Jetzt zur Logik dieses Satzes: 1. Homosexuell empfindenden Menschen ist mit Barmherzigkeit zu begegnen, aber: Praktizierte Homosexualität ist Sünde. Die Unterzeichneten dürfen sich zu Recht in Übereinstimmung mit dem Katholischen Erwachsenenkatechismus wissen. Und sie dürfen sich insofern theologisch-lehramtlich legitimiert wissen, als ja auch Papst Franziskus von der Genderideologie gewarnt hat. 2. Es braucht angesichts dieser Gefahr einer Verführung des Menschen durch diese Ideologie einer guten Bildung des christlichen Gewissens. 3. Diese Bildung wird durch die Kirche Christi gewährleistet, weshalb sie auch hierarchisch-bischöflich organisiert sein muss. Schließlich droht jederzeit, dass das Weltliche in die Kirche einzieht.

Weil die Unterzeichneten selbstverständlich genau wissen, was die von der Kirche zurecht "gelehrten Normen für ein rechtschaffenes Leben" sind, können sie auch kompromisslos feststellen, dass der Synodale Weg "die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Autorität, einschließlich der von Papst Franziskus, die (!, M.S.) christliche Anthropologie und Sexualmoral und das Vertrauen in die Heilige Schrift" untergraben würde. Und weil der Hinweis auf den Heiligen Geist in solchen Ausführungen nicht fehlen darf, wird vermerkt, dass dieser auf dem Synodalen Weg überhört würde. Dies ist die Logik dieser "Antwort". Schlicht, aber zugebenermaßen umwerfend klar. Nebenbei wird noch beobachtet, dass das "Verfahren des Synodalen Weges" "fast durchgängig von Experten und Ausschüssen bestimmt" würde, es "bürokratielastig, zwanghaft kritisch und nach innen gerichtet" sei und dass die "Freude des Evangeliums", die für das christliche Leben "wesentlich" sei, den "Diskussionen und Texten des Synodalen Weges völlig zu fehlen" scheine.

Noch heute wird ausgehandelt, worin Kern des Evangeliums besteht

Menschen sind assoziativ, auch ich. Wie sagte schon Friedrich Nietzsche: "erlöster müssten mir seine Jünger aussehen...". Die Unterzeichner der "Antwort" warnen, wie gesagt, nicht nur vor der "Verwirrung, die der Synodale Weg bereits verursacht" habe, sondern auch "einem dadurch unweigerlich drohenden Schisma im Leben der Kirche". Dazu ist zunächst zu bemerken, dass weder der Synodale Weg noch ein Großteil der dort maßgeblich auftretenden Theologinnen und Theologen für Verwirrung sorgen. Die Frage, ob es ein dem Evangelium entsprechendes Recht auf Selbstbestimmung gibt, wird bereits seit geraumer Zeit gestellt. Allerdings steht auch nicht einfach fest, was das Evangelium ist. Die Unterzeichneten der "Antwort" scheinen dies zu wissen. Aber sie leisten damit nur den Offenbarungseid, dass sie die hochkomplexe, von Umbrüchen und Transformationen des überkommenen Glaubens gekennzeichnete Geschichte des Christentums, das es immer nur im Plural gegeben hat, nicht kennen beziehungsweise sich durch die von ihnen konstruierte Singularkonstruktion nur jeder Diskussion entziehen wollen.

So wie es auch einen Plural von verschriftlichten Evangelien gibt, diese und nicht andere nach einem Aushandlungsprozess in einem Kanon zusammengefasst wurden, wird auch heute noch ausgehandelt, worin der Kern des Evangeliums besteht. Von Anfang an gab es Streit. Und das ist auch gut so, solange dieser nicht gewaltsam ausgetragen wird. Im Kern der innerkirchlichen Auseinandersetzungen steht die Frage, ob in liberalen Demokratien rechtlich abgesicherte Selbstbestimmungsrechte auch innerkirchlich praktiziert werden dürfen oder nicht. Angesichts der Defensive, in der sich diese Demokratien faktisch seit einiger Zeit befinden, sind diese kirchenpolitischen Auseinandersetzungen alles andere als unbedeutend. Sollte sich an dieser Frage ein Schisma ereignen, dann ist dies halt so. Hatte nicht auch die klare Gottespraxis des Juden Jesus insofern schismatische Tendenzen, als er das damalige religiöse Establishment unnachgiebig reizte? Für seine Kritik an einem ausgrenzenden religiös begründeten Moralismus ist er in den Tod gegangen. Von Vorstellungen eines modernen Selbstbestimmungsrechts hat er nichts gewusst. Aber es lassen sich von seiner Praxis, wie er Menschen begegnete, Linien nach Königsberg und Paris beschreiben. Historische Prozesse sind offen. Ich bin für Konsequenz.

Intellektuell, ich bin so frei, nehme ich die "Antwort" der Kardinäle und Bischöfe nicht allzu ernst. Und in kirchensoziologischer Hinsicht ganz bestimmt nicht. Sollten die Unterzeichneten tatsächlich glauben, dass es in Zukunft noch einmal "die" römisch-katholische Kirche geben wird, die sich unter dem Papst und einer Einheitsdoktrin versammelt, so dürften sie sich gründlich täuschen. Es hat diese Kirche historisch betrachtet ohnehin nie gegeben. Und wenn der zukünftige, von Klerikern und Laien römische Einheitsschwur darauf abzuleisten sein sollte, dass rechtschaffende Katholiken gegen die Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse zu sein haben, so wird diese Homogenisierungsmaßnahme auf einer kirchenrealpolitischen Ebene ganz sicher scheitern. Wenn es einen Konstruktionsfehler des Synodalen Wegs gibt, dann besteht er darin, dass seine Protagonisten (wenn es stimmt) ernsthaft geglaubt haben oder immer noch glauben, in relativ kurzer Zeit weltkirchliche Veränderungen herbeiführen zu können. Und da ist die Anerkennung der Rechte von LGBTQ-Menschen noch das geringere Problem. Noch schwieriger wird sich vermutlich die Frage nach der Voraussetzung der Zulassung zu den Ämtern jenseits von Personen mit dem biologischen Geschlecht eines Mannes gestalten, nachdem vergangene Päpste verboten haben, auch nur die Frage zu diskutieren.

Vatikanexperte zum Synodalen Weg: Spaltungsgefahr durch Reformgegner

Zum dritten Mal haben sich Bischöfe mit einem Offenen Brief an die Bischöfe in Deutschland gewandt und vor Spaltung gewarnt. Der britische Vatikanexperte Christopher Lamb sieht die eigentliche Gefahr für ein Schisma aber nicht beim Synodalen Weg.

Die jetzt vermehrt wahrzunehmenden Äußerungen zum deutschen Synodalen Weg aus dem Weltepiskopat signalisieren, wie divers nicht nur der Katholizismus, sondern auch der Episkopat selbst geworden ist. Es herrscht alles andere als eine geistgewirkte Einigkeit. Und was Papst Franziskus genau will, hat sich mir noch nie erschlossen. Seine Signale sind alles andere als eindeutig. Oder aber sie sind es doch. Zu erinnern ist nur daran, dass er Segnungsfeiern für homosexuell Liebende nochmals ausdrücklich untersagt hat.

Wenn der deutsche Synodale Weg konsequent Beschlüsse fasst, wie dies bisher zeigt, dann wird es zu einer Zerreißprobe kommen. Die Chance dafür, dass diese in einer auch nur einigermaßen überschaubaren Zeit auf der Ebene der Weltkirche eine allgemeine Akzeptanz finden und rezipiert werden, ist nicht groß. Allerdings ist auch bereits jetzt zu beobachten, dass es verteilt über den Globus Unruhe in den Ortskirchen herrscht, weil die Probleme möglicherweise anders gelagert sind, sie sich deshalb aber noch lange nicht mit der römischen Einheitsdoktrin regulieren lassen. Die ständige Warnung vor einer Protestantisierung der Kirche signalisiert allerdings, dass es seit dem 16. Jahrhundert eine ausgeprägte Fixierung der römischen Behörden auf Entwicklungen nördlich der Alpen gibt. Was aber wird hierzulande passieren, wenn die Papiere des Synodalen Wegs römischerseits einfach einkassiert werden?

Apostolische Sukzession lässt sich auch anders denken

Es braucht nicht viel prophetische Gabe, um vorherzusagen, dass die Konflikte damit nicht erledigt sind. Sie werden sich immer stärker auf die diözesanen Ebenen verlagern. Fühlen sich LGBTQ-Menschen nicht willkommen geheißen, so suchen sie sich einen anderen erreichbaren, ihren Glauben akzeptierenden Ort oder aber sie verabschieden sich ganz aus der katholischen Kirche. Eine hierarchische Autorität wird schon lange nicht mehr akzeptiert. Zudem befindet sich das Priesteramt längst in einer existenzbedrohenden Krise. Und dies nicht nur, weil rein zahlenmäßig betrachtet Priester immer unsichtbarer werden. Erwartet wird theologische Kompetenz, und: menschliche Überzeugungskraft. Dies mag von Theologen als theologisch falsch, jedenfalls als nicht katholisch bezeichnet werden. Aber das wird weder andersdenkende Theologen noch einen erheblichen Teil von Menschen interessieren, die sich als katholisch beschreiben. Wenn ich mich nicht täusche, so verändert sich die Vorstellung, was die Sakramentalität von Kirche ausmacht, ohnehin. Und dies mit guten Gründen. Die Sakramententalität der Kirche über eine ungebrochene apostolische Sukzession, durch Handauflegung von Mann zu Mann zu begründen, ist schließlich nicht nur intellektuell dürftig, sondern historisch nicht einzulösen. Apostolische Sukzession lässt sich durchaus auch anders denken. Gottes Entschiedenheit für den Menschen wird dann sichtbar, wenn Menschen im vertrauenden Glauben daran leben, dass sich Gott selbst als der Jude Jesus offenbar gemacht hat und seine Menschenfreundlichkeit Person geworden ist. Kirche wird dann zum Sakrament für die Welt, wenn sie diesen Gott zeichenhaft und durch soziale und politischen Praxis zusagt und unter den Bedingungen von Geschichte Wirklichkeit werden lässt.

Wenn ein solcher geglaubter Glaube schismatisch wirkt, dann ist das so. Die Gefahr für die katholische Kirche besteht nicht darin, dass traditionelles Denken aufgegeben wird. Dass Gott das Heil aller Menschen wollen könnte, war schließlich über viele Jahrhunderte auch nicht die vorherrschende theologische Meinung. Und auch das Lehramt war gegenüber einem solchen Optimismus ausgesprochen diskret. Viel besorgniserregender ist, dass die Prozesse völlig ungeordnet ablaufen könnten. Ordnungen können und müssen verändert werden, wenn sie sich als dysfunktional zeigen.  Sie können das Leben aber auch ersticken. Und auch die Botschaft vom menschenzugewandten Gott kann an einer falschen Traditionsfixierung ersticken. Sollten sich die Unterzeichner der "Antwort" in Rom durchsetzen, da bin ich mir sicher, werden in der katholischen Kirche in Deutschland bereits jetzt freimütige Menschen noch freimütiger werden. Um der Tradierbarkeit dieses Evangeliums willen.

Von Magnus Striet