"Innerhalb der Weltkirche ticken vielleicht zehn Prozent so wie Rom"

Pastoralreferentinnen: Dürfen Nein sagen zu dem, was aus Vatikan kommt

Aktualisiert am 05.05.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ An schlagartige Reformen in der Kirche glauben die Pastoralreferentinnen Lissy Eichert und Esther Göbel nicht. Trotzdem entwickele sich die Kirche. Und die Stärke des Katholischen sei schon immer gewesen, verschiedene Positionen gelten zu lassen.

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Aus Sicht der Berliner Pastoralreferentin und Wort-zum-Sonntag-Sprecherin Lissy Eichert ist eine Streitkultur mit Wort und Widerwort, in der auch Hierarchien ihre Grenzen finden, "gut katholisch". "Wir dürfen nein sagen zu dem, was aus Rom kommt. Schon der Apostel Paulus hat dem Petrus widersprochen!", sagte sie dem Christlichen Medienmagazin "Pro" in einem Interview (Mittwoch). "Warum definieren wir Kirche eigentlich immer über ihre Bischöfe? Das Volk Gottes trifft unter Umständen andere Entscheidungen als ihre Bischöfe." Die Basis ticke an vielen Stellen anders als die Kirchenoberen und am Ende sei jeder Gläubige seinem Gewissen verpflichtet.

Eichert glaubt nicht daran, dass es auf Ebene der Weltkirche zu ihrer Lebenszeit Priesterinnen geben wird. "Wenn ich aber auf meinen Alltag schaue, dann wird sehr deutlich: Ich werde als Frau und aufgrund meiner Glaubwürdigkeit für priesterliche Dienste angefragt. Ganz unabhängig von einem Titel." Sie glaube daran, dass überall dort, wo der Geist Gottes wirke und man diesem Geist Raum gebe, Wunder geschehen könnten. "Weil ich das glaube, kann ich auch glauben, dass es eines Tages die Priesterinnenweihe und die Aufhebung des Pflichtzölibats geben wird."

Göbel: Bischöfe müssen für ihre Überzeugung einstehen

Die Berliner Pastoralreferentin Esther Göbel sagte im Doppelinterview, dass es in der Kirche Bischöfe gebe, die homosexuelle Partnerschaften als gleichwertig zu heterosexuellen sähen und eine Priesterweihe für Frauen befürworteten. "Also deren Gewissen sie zu einem anderen Schluss kommen lässt, als es ihr Amt eigentlich vorsieht", so Göbel, die selbst Mitglied der Synodalversammlung des Synodalen Wegs in Deutschland ist. Die Ablehnung aus dem Vatikan gegenüber reformerischen Gesprächsforen und Bewegungen führe zu Austritten und Entfremdung. "Es gibt nur einen Weg: Die Bischöfe müssen für ihre Überzeugung einstehen, wenn sie in einen weltweiten synodalen Prozess gehen", sagte Göbel. Sie sei gespannt, inwieweit die Bischöfe sich bei der Weltbischofssynode 2023 für die deutsche Ortskirche einsetzen und Veränderungen anstreben würden. "Um es kurz zu machen: Ich traue vielem, was unsere Bischöfe derzeit öffentlich sagen, nicht zu, dass es eine Nagelprobe übersteht."

Sie erwarte ebenfalls keine schnellen Reformen. Es werde "sicherlich auch keinen Tag X geben, an dem schlagartig alles anders ist". Die Kirche entwickele sich aber ohne offizielle Beschlüsse oder Verlautbarungen. Reform sei kein Ereignis, sondern ein Prozess. Am Ende des Synodalen Wegs werde nicht die Frauenordination stehen. "Denn dieses Thema ist ein weltweites, das können wir nicht alleine verändern. Jeder, der diese Hoffnung hat, wird enttäuscht werden", so Göbel.

Die Stärke des Katholischen sei immer gewesen, verschiedene Positionen gelten zu lassen. Dieses Prinzip beginne gerade wieder aufzuleben. "Dementsprechend ist es also durchaus denkbar und möglich, dass wir als Kirche in Deutschland Dinge leben und umsetzen, die es anderswo nicht gibt." Damit würde Deutschland aber nicht zu einer Besonderheit in der Weltkirche. "Innerhalb der Weltkirche ticken vielleicht zehn Prozent so wie Rom", so Göbel. (cbr)