Geringe Teilnahme stellt Herausforderung für Treffen dar

"Wiedersehensfreude" in Stuttgart: Der erste Katholikentag nach Corona

Aktualisiert am 28.05.2022  –  Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Beim Katholikentag in Stuttgart ist eine große "Wiedersehensfreude" der Gläubigen zu spüren: Endlich kann nach der Pandemie wieder ein kirchliches Großevent stattfinden. Doch die Freude trügt, denn es sind nur wenige Teilnehmer angereist – und diese verlieren sich in der Großstadt.

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"Gehen oder bleiben?" Mit dieser Frage konfrontiert die Citypastoral des Bistums Rottenburg-Stuttgart während des Katholikentags die Menschen in der Stuttgarter Fußgängerzone. Die Besucher der Großveranstaltung und Passanten der Schwaben-Metropole sind gleichermaßen dazu eingeladen, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie auf die Kirchenkrise reagieren – und ob sie in der Kirche bleiben oder sie verlassen wollen. Diese Frage stellen sich aktuell nicht wenige Katholiken in Deutschland: Im vergangenen Jahr stiegen gerade in Großstädten die Kirchenaustrittszahlen massiv an. Als Ursachen hierfür gelten die als schleppend wahrgenommene Aufarbeitung des Missbrauchs und die anhaltende Vertrauenskrise der Kirche.

Folgen die Gläubigen in Stuttgart vor der Domkirche St. Eberhard der farblichen Bodenmarkierung des "Bleibens in der Kirche", erhalten sie einen entsprechenden Segensspruch beim Durchschreiten eines kleinen Holztores. Entscheiden sie sich zum Verlassen der Kirche, bekommen sie bei der dazugehörigen Pforte ebenfalls ein Segenswort, allerdings zum Austritt: "Sei Dir sicher, wenn Du gehst: Wohin Du auch gehst, Gott wird immer bei Dir sein." Cityseelsorgerin Schwester Nicola Maria erklärt, dass die Kirche mit dieser provokanten Aktion den Ausgetretenen oder Austrittwilligen zuhören und mit ihnen ins Gespräch kommen möchte. Auf einer Tafel können sie angeben, warum sie die Kirche verlassen wollen. "Ich gehe, weil es mir guttut" oder "Ich gehe, weil man große Organisationen nur beim Geld packen kann", lauten zwei Antworten. "Weil Kirche nicht nur Rom und Missbrauch ist" und sie zur "Mitarbeit an Veränderungen bereit" sind: so begründen Gläubige, weshalb sie in der Kirche bleiben – auch für sie möchte die Cityseelsorge da sein.

25.000 Teilnehmer bei Katholikentag

Ein Blick ins inhaltliche Programm des Katholikentags zeigt, dass er diese reformwilligen Gläubigen unterstützen und zum Bleiben in der Kirche bewegen möchte. Deshalb gibt es in Stuttgart zahlreiche Veranstaltungen zu den auch etwa beim Reformdialog Synodaler Weg diskutierten aktuellen Themen der Kirche, wie dem Umgang mit Sexualität und geschlechtlichen Identitäten, anstehenden Strukturreformen oder einer kirchlichen Gewaltenteilung. Doch die mit 25.000 im Vergleich zu vorausgegangenen Katholikentagen sehr geringe Teilnehmerzahl in Stuttgart legt die Vermutung nahe, dass das Großevent von vielen Katholiken nicht als das Forum zur Diskussion von Reformen wahrgenommen wird, welches es nach eigenem Verständnis ist. Dass sich viele treue Besucher der Katholikentage zum Zuhause-Bleiben entschieden haben, ist sicher nicht nur einem Sicherheitsbedürfnis im Umgang mit der abklingenden Pandemie geschuldet.

Neben der geringen Teilnehmerzahl führt auch die Standortsituation der Kirchenmeile dazu, dass der Katholikentag in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zumeist nicht als Großevent wahrgenommen wird: Die mehreren hundert Zelte, in denen sich Bistümer, Ordensgemeinschaften, Initiativen und Verbände präsentieren, stehen in kleinen Gruppen voneinander entfernt über die ganze Innenstadt verteilt. Zwar sind die thematisch angeordneten Inseln der Kirchenmeile fußläufig erreichbar, doch das beim Katholikentag typische Gefühl einer zusammenhängenden Flaniermeile entsteht nicht. In der Innenstadt der mehr als 600.000 Einwohner zählenden Großstadt gehen die Teilnehmer des Katholikentags fast unter, zumal etwa ein Viertel der 25.000 Besucher zu den Mitwirkenden gehört und deshalb meist nicht im Stadtzentrum präsent ist.

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Auch der Benediktiner Nikodemus Schnabel hat bemerkt, dass sich die Besucher des Katholikentags im Trubel der Großstadt verlieren. Er ruft daher dazu auf, bei katholischen Großevents mehr mit den Bürgern der gastgebenden Stadt in Kontakt zu kommen. Ein Mittel dazu könne etwa ein Stand sein, der grundlegende Informationen über den Glauben oder praktische Hinweise zur Taufe oder Erstkommunion von Kindern biete. Der Ordensmann wünscht sich von der Kirche, dass sie weniger um sich selbst kreist und mit sozialem Engagement in die Gesellschaft hineinwirkt. Als Beispiel regte er einem größeren Einsatz für illegale Arbeitsmigranten von den Philippinen an, die es zu Tausenden in Deutschland gebe, so Schnabel beim Katholikentag. Bislang setze sich kaum jemand für sie ein – auch nicht in der Politik.

Viele Spitzenpolitiker suchten trotz der geringen Teilnehmerzahl auch in diesem Jahr den Weg zum Katholikentag. So dankte Bundeskanzler Olaf Scholz am Freitag den Kirchen für ihre Hilfe bei der Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge. Der SPD-Politiker rief bei einem Podium zu einer Stärkung der Solidarität innerhalb der Gesellschaft auf. Einen Tag zuvor hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Festgottesdienst zu Christi Himmelfahrt besucht und anschließend das Gespräch mit Missbrauchsbetroffenen gesucht. Auch der sozialdemokratische Generalsekretär Kevin Kühnert und die Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, diskutierten kontrovers auf dem Katholikentag. Für Irritationen sorgte jedoch im Vorfeld des Treffens, dass CDU-Chef und Oppositionsführer Friedrich Merz nicht nach Stuttgart kam – ungewöhnlich, da die Union generell ein gutes Verhältnis zu den Kirchen pflegt.

"Es ist wie ein Familientreffen"

Bei den Teilnehmern des Katholikentags, die sich auf den Weg nach Stuttgart gemacht haben, ist hingegen eine große "Wiedersehensfreude" zu spüren. "Es ist wie ein Familientreffen der katholischen Blase", kommentieren Teilnehmer das Treffen in Stuttgart augenzwinkernd. Erstmals seit Beginn von Corona im Frühjahr 2020 kann mit dem Katholikentag wieder eine kirchliche Großveranstaltung stattfinden. Der Katholikentag wird von vielen Gläubigen in Stuttgart als "Hoffnungszeichen" für die Rückkehr zur Normalität verstanden – aber auch als "Signal zum Aufbruch" für die Kirche. Denn auch den wenigen Menschen, die sich vor den Ständen der Kirchenmeile versammeln, ist nicht entgangen, dass der deutsche Katholizismus womöglich sein Potenzial zur Mobilisierung der Gläubigen verloren hat.

Das ist auch bei den über die ganze Stadt verteilten Konzerten am Freitagabend zu spüren. Zwar finden sich die Anhänger der "Wise Guys"-Nachfolge-Band "Alte Bekannte", die traditionell beim Katholikentag auftritt, zahlreich auf dem Stuttgarter Schlossplatz ein. Doch es bleibt viel Freiraum zwischen den Konzertbesuchern, wie schon zwischen den anwesenden Gläubigen bei den zentralen Liturgien. Dicht an dicht gedrängte Massen beim Katholikentag scheinen der Vergangenheit anzugehören. Die geringe Teilnehmerzahl hat schon jetzt die Debatte um ein neues Konzept für die Treffen angestoßen. So wurde etwa ein "kompakteres Format" für den 2024 in Erfurt stattfindenden Katholikentag gefordert. Auch eine Diskussion um die hohen Kosten von etwa zehn Millionen Euro, die zu einem großen Teil aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, scheint zu erwarten.

Von Roland Müller