Beschäftigung mit kirchlichem Missbrauchsskandal müsse weitergehen

Bischof Jung: Frauenweihe in katholischer Kirche vorstellbar

Aktualisiert am 11.06.2022  –  Lesedauer: 
Bischof Jung: Frauenweihe in katholischer Kirche vorstellbar
Bild: © Thomas Berberich

Würzburg ‐ Seit vier Jahren ist Franz Jung Oberhirte von Würzburg. Das Bischofsamt empfindet er als Überforderung – und zwar nicht, weil er ihm nicht gewachsen sei, sondern weil so viele Ansprüche an ihn gerichtet würden. Sogar Morddrohungen hat Jung schon erhalten.

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Der Würzburger Bischof Franz Jung hält die Weihe von Frauen in der katholischen Kirche für vorstellbar. Auf die Frage "Sie können sich also geweihte Frauen vorstellen?" sagte er der Würzburger "Main-Post" (Samstag): "Ja." Entscheidend werde aber sein, welche Themen die nationalen Bischofskonferenzen in die Beratungen der Weltbischofssynode des Papstes einbrächten: "Hier wird sich zeigen, ob sich diese Frage auch in anderen Teilen der Weltkirche stellt und damit eine Chance hat, auf die Tagesordnung gesetzt zu werden."

Beim Reformprojekt Synodaler Weg in Deutschland hätten die Teilnehmenden mit großer Mehrheit dafür gestimmt, "einen nationalen wie weltkirchlichen Prozess zu initiieren, der zum Ziel hat, das sakramentale Weiheamt für Frauen zu öffnen", so Jung weiter.

In einem eigenen Handlungstext habe man zudem beschlossen, als Kirche in Deutschland eine Ausnahmegenehmigung erwirken zu wollen, wonach auch Frauen zu Diakoninnen geweiht werden können: "Ich nehme wahr, dass wir diesbezüglich einen relativ breiten Konsens innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz haben beziehungsweise in den Bischofskonferenzen der deutschsprachigen Länder."

Jungs größte Sorge gelte aktiven Priestern

Auf die Frage, ob die Verpflichtung zum Zölibat, also zur Ehelosigkeit der Priester, fallen solle, zeigte sich Jung offen für die Möglichkeit, vor der Weihe wählen zu können zwischen zölibatärer Lebensform und Ehe. Bei dieser Option, wie sie heute schon Priester in den katholischen Ostkirchen hätten, "spräche nichts gegen verheiratete Priester". Doch auch wenn eines Tages der Pflichtzölibat fallen sollte, "glaube ich nicht, dass es deshalb einen großen Ansturm auf das Priesterseminar gäbe", fügte er hinzu.

Seine größte Sorge aber gelte derzeit seinen aktiven Priestern, so Jung weiter. Denn Studien hätten gezeigt, dass viele Missbrauchsfälle ab dem 14. Jahr nach der Priesterweihe passierten, "also in der Phase der Midlife-Crisis". Ausgehend von dieser Analyse biete er Priestern in dieser Lebensphase besondere Fortbildung und Begleitung an.

Zur Missbrachs- und Vertrauenskrise erklärte der Bischof, er sei überzeugt, "dass von dieser Krise ein starker Impuls zur Reform ausgeht und die Kirche reformierbar ist". Jede Reform bringe aber mit sich, "dass alte Gewissheiten zerbrechen, Dinge sich verändern und etwas Neues entsteht".

Besonders wichtig sind Jung dabei drei Dinge: "Neu beten zu lernen, Stichwort Kontemplation. An die Ränder gehen, um sprachfähig zu werden. Und die Verbindung von Caritas und Pastoral. Wenn wir weniger werden und wenn wir den Glauben verkünden wollen, dann müssen wir dort präsent sein, wo die Menschen unsere Hilfe suchen und ihren Unterstützungsbedarf anmelden."

Würzburger Dom
Bild: ©stock.adobe.com/Frank Wagner

Der Kiliansdom ist die Bischofskirche von Franz Jung. Sie steht inmitten des Stadtkerns von Würzburg.

Die Beschäftigung der Kirche mit dem Missbrauchsskandal müsse weitergehen, so Jung. "Wir können keinen Haken unter das Thema Missbrauch machen. Es ist für die Betroffenen nie zu Ende und deshalb ist es auch für uns nie zu Ende." Das sage er auch immer, wenn er Sätze höre wie "Ihr habt das verbockt, jetzt bringt das endlich in Ordnung, macht einen Schlussstrich, dann wird alles wieder gut und wir machen so weiter wie bisher", so Jung weiter. Auf die Frage, ob die katholische Kirche am Thema Missbrauch zerbrechen werde, antwortete der Bischof: "Ich glaube, sie wird geläutert werden und daran reifen."

Er habe das Thema Missbrauch und sexualisierte Gewalt von seinem Amtsantritt an "zur Chefsache gemacht", fügte Jung hinzu: "Mein erstes Anliegen war, den Kontakt zu den Betroffenen herzustellen, sie zu Einzel- und Gruppengesprächen einzuladen. Das war auf beiden Seiten mit großer Unsicherheit verbunden." Dabei habe er viele Lernprozesse machen müssen, denn "jeder und jede Betroffene hat seine oder ihre eigene Fallgeschichte, Verletzungen und Erwartungen an die Institution Kirche".

Jede Woche verbringe er "gefühlt einen Tag mit der Thematik", berichtete der Bischof weiter. Dabei habe er auch seine Rolle erst finden müssen: "Ich bin nicht der Freund der Betroffenen, nicht der Therapeut, nicht die Begleitperson. Ich bin der Vertreter der Institution Kirche, innerhalb derer die Verletzungen geschehen sind. Und ich verstehe mich als jemand, der mit Betroffenen gemeinsam einen Weg gehen will."

Gespräche mit Missbrauchsbetroffenen immer sehr belastend

Gespräche mit Betroffenen seien immer sehr belastend, und zwar "für beide Seiten", fügt er hinzu: "Man kann nach einem Gespräch oder einer Sitzung nicht einfach zum nächsten Termin übergehen." Besonders nahe gehe ihm persönlich die Scham vieler Betroffener - "die Beschämung durch den Missbrauch, dieses sich innerlich beschmutzt fühlen".

An ihn als Bischof würden die unterschiedlichsten Forderungen gerichtet, so Jung. "Die einen halten mir vor, dass ich vom Glauben abgefallen sei. Den anderen gehen Reformen nicht schnell genug. Oder es heißt: Der Bischof macht alles kaputt, was vorher war." Bei den E-Mails und Briefen, die ihn tagtäglich erreichten, seine "leider auch öfters Hassbotschaften darunter, auch Morddrohungen".

Vor seiner Weihe habe er einmal gesagt, er habe die Befürchtung, das Bischofsamt könne ihn überfordern. Heute wisse er, so Jung weiter: "Das Amt ist an sich die Überforderung. Es sind so viele unterschiedliche Ansprüche, die an das Amt und damit auch meine Person gestellt werden."

Er wolle sich aber nicht beklagen, betonte der Bischof. Jeder, der heute ein öffentliches Amt bekleide, erlebe solche oder ähnliche Angriffe. Die Aggressionen hätten allerdings massiv zugenommen - vor allem während der Corona-Pandemie. (rom/KNA)