74-Jähriger hat Schritt selbst beantragt

Missbrauch: Essener Priester H. aus dem Klerikerstand entlassen

Aktualisiert am 13.06.2022  –  Lesedauer: 

Essen ‐ Sein Fall ist einer der brisantesten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland: Jetzt wurde der Priester H. aus dem Klerikerstand entlassen. Das Bistum Essen begrüßt die Strafe – äußert aber auch Sorgen.

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Der wegen Missbrauchsfällen im Bistum Essen und im Erzbistum München und Freising beschuldigte und strafrechtlich verurteilte Priester H. ist aus dem Klerikerstand entlassen worden. Im Rahmen eines laufenden kirchenrechtlichen Verfahrens habe der Vatikan H. die Rechtsbelehrung erteilt, dass dieser angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe die Entlassung aus dem Priesterdienst selbst beantragen könne, teilte das Bistum Essen am Montag mit. "Nachdem H. von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht hat, ist nunmehr die sogenannte Laisierung erfolgt", heißt es in der Mitteilung.

Aus Sicht des Bistums ist die "für Priester als Höchststrafe geltende Entlassung aus dem Priesterstand nachvollziehbar und angemessen". H. sei seit 2010 die Ausübung der priesterlichen Dienste untersagt. Er habe durch eine Reihe von Weisungen und Auflagen bisher unter der Aufsicht des Bistums gestanden und diesbezüglich kooperiert.

Overbeck: "Das sehe ich nicht ohne Sorge"

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck habe H. 2020 zurück ins Ruhrgebiet beordert, um durch eine engmaschige Aufsicht weitere Missbrauchstaten zu verhindern. Wenn H. nun nicht mehr zum Klerus gehöre, "werden diese Bemühungen in dem Umfang, wie es jetzt geschieht, auf Dauer nicht weitergeführt werden können. Das sehe ich nicht ohne Sorge", schrieb Overbeck demnach dem Vatikan. H. unterliege nun keiner kirchlichen Weisungsbefugnis mehr. Anhängige wie zukünftige Mitteilungen und Beschuldigungen würden weiter gemäß der geltenden Richtlinien bearbeitet, teilte das Bistum mit.

Der Fall des Essener Diözesanpriesters H. ist einer der brisantesten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland und hat seit 2010 immer wieder weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Insgesamt verging der 74-Jährige sich an mindestens vier Orten in Nordrhein-Westfalen und Oberbayern an Minderjährigen. H. hatte bereits in seinem Heimatbistum Kinder missbraucht. Er war daraufhin 1980 im Erzbistum München und Freising aufgenommen worden unter der Auflage, eine Therapie zu machen. Dort wurde er dennoch in mehreren Gemeinden als Seelsorger eingesetzt, wo er weitere Taten beging und 1986 wegen Missbrauchs vom Amtsgericht Ebersberg verurteilt wurde.

In den Fall verwickelt ist auch der ehemalige Münchener Erzbischof Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. Er bestreitet jedoch, von der Vorgeschichte von H. Kenntnis gehabt zu haben. Das Anfang des Jahres veröffentlichte Münchener Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westphal Spilker Wastl widmet dem Fall einen Sonderband mit über 350 Seiten. (cbr)